Souveränität
ist nur global möglich
Andreas Bummel, "Souveränität ist nur global möglich", in: Zeitschrift
für Direkte Demokratie, Nr. 4/1998. Eine Besprechung von Hans Köchler; "Neue
Wege der Demokratie. Demokratie im globalen Spannungsfeld von Machtpolitik
und Rechtsstaatlichkeit", Springer-Verlag Wien, 1998. ISBN 3-211-83091-X
Ausgehend vom Verständnis des Menschen als Subjekt
formuliert der Rechtsphilosoph Hans Köchler in dem nun vorliegenden
Band die These, daß Demokratie nur im Sinne direkter Mitentscheidung
des Individuums über die Angelegenheiten der Gemeinschaft
eine den Menschenrechten angemessene Form politischer Organisation
darstellt. Der seit der Aufklärung jeder Menschenrechtskonzeption
zugrundeliegende individuelle Wille als Ausdruck der Autonomie
eines Menschen hört nach Köchler zu existieren auf, wenn über
ihn im Rahmen der parlamentarischen Repräsentation verfügt
wird. Im Kontext des weltpolitischen Umbruchs seit 1989 und der
1991 von George Bush postulierten sog. "Neuen Weltordnung" ist
es Köchlers Anliegen, als Alternativkonzept einen Paradigmenwechsel
in Richtung partizipatorischer Demokratie zu skizzieren. Das Exportmodell
repräsentativer "liberaler Demokratie" entlarvt Köchler
als "oligarchisches Herrschaftssystem", als Legitimationsformel
im ideologischen Triumphalismus der machtpolitischen Sieger des
Kalten Krieges. Köchler gelingt es in hervorragender Weise,
die künstliche Trennung von Außen- und Innenpolitik
durch die konsequente Fortführung des Gedankens direkter Partizipation
zu durchbrechen. Wenn im Zuge einer bewußten weltpolitischen
Umgestaltung, wie sie die Pathetik der "Neuen Weltordnung" suggeriert,
tatsächlich neue Wege der Demokratie erschlossen werden sollen,
dann muß nach Köchler zunächst das Fundament der
Demokratie in der Autonomie, in der Selbstbestimmung des Bürgers
erkannt werden und diese schließlich universal zur
Anwendung gebracht werden. Warum werden normative Grundsätze
wie derjenige der demokratischen Entscheidungsfindung gerade dort
außer Kraft gesetzt, wo sie die unmittelbarste Auswirkung
auf das Schicksal der Menschheit haben, fragt sich Köchler
mit Blick auf die Vereinten Nationen und die globalen Problemlagen.
Innerstaatliche Emanzipation ist für ihn letztlich Selbstbetrug,
wenn der Mensch weiterhin von der Souveränität eines
Staates als alleiniges Völkerrechtssubjekt abhängig bleibt
und deshalb im Bereich der elitären zwischenstaatlichen Beziehungen
nach wie vor auf die angebliche Repräsentation durch den Nationalstaat
angewiesen ist.
Hier liegt der qualitative Impuls seiner Ausführungen für
die Demokratiebewegung: konsequent durchdachte direkte Demokratie
impliziert auch die Überwindung der Repräsentation durch
den Nationalstaat in überstaatlichen Belangen. Dieser weltföderalistische
Ansatz bringt tatsächlich eine völlig neue Sicht der
internationalen Beziehungen mit sich, die im scharfen Kontrast
zum Repräsentationsdogma und der Renaissance von Macht- und
Geopolitik steht: der Bürger eines Staates tritt nicht nur
dem Mitbürger des eigenen Staates, sondern dem Bürger
eines jeden Staates als Gleicher direkt gegenüber. Dies bedeutet
in letzter Instanz die Postulierung eines idealen Weltstaates,
in dem die bisherigen souveränen Einheiten lediglich regionale
Untergliederungen darstellen, da souveräne Individuen ihn
als Weltbürger direkt konstituieren.
Köchlers Arbeit baut darauf auf, die inneren Widersprüche
der gängigen Demokratietheorie und der Völkerrechtspraxis
bei den Vereinten Nationen aufzuzeigen. Hierbei dienen ihm die
Menschenrechte als Leitfaden und als Brechstange. Die idealistische
Natur der globalen direkten Demokratie und der umfassenden Reform
der Vereinten Nationen ist Köchler wohl bewußt. Allerdings
will er den machtpolitischen Diskurs unserer Epoche nicht einfach
verinnerlichen oder legitimieren, sondern bewußt kritisch
hinterfragen. Dazu ist Idealismus sogar dringend notwendig. Köchlers
Ausführungen haben besondere Aufmerksamkeit verdient und gehen über
die neuerdings populäre Demokratie- und Globalisierungsdiskussion
weit hinaus. Seine fundierten Abhandlungen zu Grenzfragen der Philosophie,
Recht und Politik werden dazu beitragen, neue Wege aufzuzeigen
- so wie es der Titel des Buches verspricht.
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