Hans Thomas
Hakl: Der verborgene Geist von Eranos. Unbekannte Begegnungen von
Wissenschaft und Esoterik.
Eine alternative Geistesgeschichte des
20. Jahrhunderts, Scientia Nova - Verlag Neue Wissenschaft, Bretten
2001, ca. 470 S. Rezension von Andreas Bummel, in: Tattva Viveka,
Nr. 17, 2001
Von
der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, entwickelte sich die
1933 ins Leben gerufene Eranos-Tagung in Ascona zu einer der geistesgeschichtlich
wohl bedeutsamsten
Begegnungsstätten des 20. Jahrhunderts,
die nicht nur ein "zentraler Ort im Leben von [C.G.] Jung" genannt
werden kann. Erst in Ascona am Monte Verità lernten sich
viele Geistesgrößen der Zeit persönlich kennen,
um dort in Vorträgen und am berühmten "runden Tisch" in
unmittelbaren Austausch zu treten, darunter - um nur einige zu
nennen - der Tiefenpsychologe Ira Progroff, der Taoist Chang Chung-yuan,
der Mythologe Joseph Campbell, der Kunsthistoriker Herbert Read,
der Religionshistoriker Mircea Eliade, der Philosoph und Humanist
Martin Buber, der Zen-Experte D.T. Suzuki, der Kabbala-Forscher
Gershom Scholem, der Physiker Erwin Schrödinger, der Orientalist
und Philosoph Henry Corbin und in jüngerer Zeit Annemarie
Schimmel, Erik Hornung und Ilya Prigogine. "Der Eranos hat sicher
eine biographische Bedeutung für alle Redner, die an ihm je
teilgenommen haben", zitiert Hans Thomas Hakl in seiner nun vorliegenden,
ersten Gesamtdarstellung von Eranos den Mythologen Karl Kerényi.
Ursprünglich von der theosophisch beeinflußten Olga
Fröbe-Kapteyn als Begegnungsstätte östlicher und
westlicher Religion und Geistigkeit geplant, ging der Gedankenaustausch
einflußreicher Gelehrter schließlich darüber hinaus
und umfaßte u.a. auch Psychologie, Kunst, Geschichte, Musik
und Naturwissenschaften. Charakteristisch für den genius loci
von Eranos war dabei die latente, wenn auch zuweilen nur sublime
Bedeutung von hermetischen und esoterischen Gesichtspunkten, ging
es Fröbe-Kapteyn doch darum, inmitten eines chaotischen Europa
eine Stätte zu schaffen, "welche ihre Tore allen öffnet,
die im Sinne einer Vertiefung, einer Verinnerlichung und einer
Synthese des menschlichen Daseins arbeiten." Hakl hebt hervor,
dass sich der Diskurs um "die Einbettung [wissenschaftlicher] Erkenntnisse
in einen alle Menschen befruchtenden, universalen spirituellen
Strom von der Antike bis zur Gegenwart, von Ost nach West, von
Süd nach Nord" drehe. Damit hebt sich Eranos auch inhaltlich
von anderen rein akademischen Foren deutlich ab; nicht zuletzt
habe es eine zentrale Rolle bei der Aufnahme esoterischer Themen
in den allgemeinen wissenschaftlichen Diskurs gespielt und den
Weg dafür geebnet, daß heute bereits zwei universitäre
Lehrstühle für esoterische Geschichte in Europa bestehen,
die von den langjährigen Eranos-Teilnehmern Wouter Hangegraaff
(Amsterdam) und Antoine Faivre (Paris) besetzt seien.
In seiner umfassenden, aber keineswegs an Einzelheiten sparenden
Darstellung orientiert sich Hakl an einer Zusammenführung
der biographischen und inhaltlichen Beziehungsfäden der maßgeblich
involvierten Persönlichkeiten zu einer feingesponnenen Geistesgeschichte
von Eranos, deren Ausstrahlung in die Welt nur erahnt werden kann.
In ihrem inneren Gehalt haben die Eranos-Tagungen in Form von beachtlichen
Vorträgen bislang über 25.000 Druckseiten in mehr als
60 Jahrbüchern gefüllt. Der Forschung stehen so im Einzelnen
noch zahlreiche Wege offen. Nach Turbulenzen um die Fortführung
von Eranos seit 1988 existieren nunmehr zwei Stränge,
die das Projekt weiter zu verfolgen suchen. Ob der eranische genius
loci teilbar ist, wird sich zeigen. Mit seinem Werk jedenfalls
gibt Hakl sowohl der Wissenschaft, als auch dem interessierten
Laien einen wichtigen Schlüssel zum tieferen Verständnis
von Eranos an die Hand.
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