Rezensionen

Thorsten Hinz: Mystik und Anarchie. Meister Eckhart und seine Bedeutung im Denken Gustav Landauers, Karin Kramer Verlag, Berlin 2000, ca. 250 S., DM 48,00

Rezension von Andreas Bummel, in: Tattva Viveka, Nr. 16, 2001

Den Einfluß des mittelalterlichen Mystikers Meister Eckhart (1260-1328) auf das Denken Gustav Landauers (1870-1919) stellt Thorsten Hinz in den Mittelpunkt seiner wissenschaftlichen Studie. Hinz bietet eine Gesamtübersicht der Entwicklung von Landauers Anarchismustheorie von dessen Lebenskrise infolge zweier Gefängnisaufenthalte in den 1890er Jahren bis zum Erscheinen seines Werkes "Revolution" im Jahr 1907.

Im ersten Teil wird in einem historisch-biographischen Abriß Landauers Weg von Nietzsches Religionskritik zu einer nach innen gerichteten Suche nach Lebenssinn bei Meister Eckhart dargestellt. Ausgangspunkt ist die Begegnung Landauers mit Nietzsches Werken, die ein "geistiges Schlüssel- bzw. Erweckungserlebnis" auslösen und sich in Landauers frühen Roman "Der Todesprediger" von 1893 niederschlagen. In diesem findet der Keim seiner anarchistischen Weltanschauung einen ersten Ausdruck. Viel Raum räumt Hinz einer detaillierten Prüfung der erstmals von Landauer vorgenommenen Eckhart-Übersetzung vom Mittelhochdeutschen ins Neuhochdeutsche ein, die 1903 veröffentlicht wurde. Landauers Beschäftigung mit Eckhart geht weiter zurück. Seine "Lebenswende" wird die sechsmonatige Haft in Tegel 1899/1901. In einem Aufsatz von 1901 entwirft er einen grundsätzlich neuen Zugang zu Anarchie, der auf Gewaltlosigkeit und einer ethischen Dimension basiert. Den Kern einer von Herrschaftsstrukturen und Ausbeutungsverhältnissen befreiten Gesellschaft sieht Landauer vor allem von einer existentiellen Selbsterfahrung des Individuums ausgehen: "Das nenne ich einen Anarchisten, der den Willen hat, nicht doppeltes Spiel vor sich selber aufzuführen, der sich so wie einen frischen Teig in entscheidender Lebenskrise geknetet hat [...] Der Weg zum Himmel ist schmal, der Weg zu einer neuen, höheren Form der Menschengesellschaft führt durch das dunkle, verhangene Tor unserer Instinkte und der terra abscondita unserer Seele, die unsere Welt ist."

In Meister Eckharts "Abgeschiedenheit" findet Landauer eine Art In-Sich-Gehen, mit der diese Selbsterfahrung ermöglicht wird. Vernunft und Skepsis sieht er dabei keineswegs als Gegensatz zur Mystik. Intellektuelle Arbeit hält Landauer im Gegenteil geradezu für eine Voraussetzung, um die "Grenze" überschreiten zu können. Die von Nietzsche angesichts einer heuchlerischen und faulenden Gesellschaft geforderte "Umwertung aller Werte" findet so durch "mystischen Tod, der durch Versunkenheit zur Wiedergeburt führt" im Innern statt. Die daraus gewonnene Ruhe und Distanz ist nach Landauer die Grundlage anarchistischer Praxis. In einem Vortrag vom 18.06.1900 stellt er dar, wie durch "Absonderung" einzelner Menschen sich schließlich neue Gemeinschaften bilden, da jeder Einzelne bereits in sich selbst "die urälteste und allgemeinste Gemeinschaft: mit dem Menschengeschlecht und mit dem Weltall" gefunden habe. Im "werdenden Menschen", der seine Freiheit und die Freiheit der anderen ernst nimmt, beginnt für Landauer die Anarchie, die nie nur rationales Bekenntnis sein kann.

Im letzten Teil des Buches geht Hinz kritisch auf die "restaurativ-utopische" Verklärung des Mittelalters in Landauers Schrift "Revolution" ein, die oft als Konservatismus-Beleg herangezogen und zurecht als idyllisierende Fehleinschätzung beurteilt wird. Durch seine Untersuchung zeigt Hinz eindrücklich, daß Landauers Denken jedoch komplexer ist und eine unverzichtbare Bereicherung darstellt.