Manuel
Fröhlich, Dag Hammarskjöld und die Vereinten Nationen.
Die politische Ethik des UNO-Generalsekretärs, Schöningh
Verlag, Paderborn 2002
Rezension von Andreas Bummel, in: WeltTrends
Nr. 40, Herbst 2003
Wie kaum ein anderer der bislang sieben Generalsekretäre
der Vereinten Nationen hat der Schwede Dag Hammarskjöld (1905-1961)
das Amt und die Weltorganisation geprägt. In den acht Jahren
seiner Amtszeit, die durch einen tödlichen Flugzeugabsturz
am 17. September 1961 im Kongo jäh beendet wurde, gab er dem
Amt des Generalsekretärs nach Auffassung seines Nachfolgers
U Thant "einen neuen Inhalt und eine neue Stellung im internationalen
Leben." In der Retrospektive werde der ungeklärte Flugzeugabsturz
in der Nähe von Ndola "zu einem ganz eigenen Ausweis der Unabhängigkeit" von
Hammarskjöld, so Manuel Fröhlich in seiner nun vorliegenden
Untersuchung zur politischen Ethik des zweiten UN-Generalsekretärs.
Bestätigung finde dies darin, dass "nahezu alle grossen Geheimdienste
der Welt zumindest verdächtigt wurden, Hammarskjöld ausschalten
zu wollen."
Einer der Ausgangspunkte von Fröhlichs Arbeit ist, dass die
internationalen Beziehungen nicht nur von Interessenkalkulationen,
strukturellen Konfliktkonstellationen und klassischen Machtressourcen,
sondern auch von Ideen bestimmt werden. Das Denken und Wirken von
Dag Hammarskjöld erweist sich wohl als selten so deutliches
und beeindruckendes Fallbeispiel zur Unterlegung dieser These.
Der progressive Einfluss von Hammarskjöld auf die internationalen
Beziehungen und die Vereinten Nationen durch sein Wirken als Generalsekretär
ist umfangreich beschrieben worden. Unter den schwierigen Bedingungen
des Kalten Krieges entwickelte er die Guten Dienste, die Vertrauliche
Diplomatie und die Diplomatie der Versöhnung als Instrumente
multilateraler präventiver Diplomatie. Hammarskjöld gilt
mit der Einrichtung der United Nations Emergency Force (UNEF) in
der Suez-Krise 1956 zudem als Schöpfer der traditionellen
kooperativen Blauhelmeinsätze, die keine ausdrückliche
Erwähnung in der UN-Charta finden. Der grosse Verdienst von
Fröhlichs Untersuchung ist es, die ethische und geistige Seite
Hammarskjölds nachzuzeichnen und mit dessen öffentlichen
und politischen Errungenschaften in Beziehung zu setzen. Dabei
berücksichtigt Föhlich auch die Arbeitsabläufe und
den internen Führungsstil von Hammarskjöld im UN-Sekretariat.
Sir Brian Urquhart, ehemaliger Mitarbeiter und Biograph von Hammarskjöld
schreibt im Vorwort zu der aus einer Dissertation an der Universität
Jena hervorgegangenen Arbeit, dass diese Verbindung niemandem zuvor
auf solche Weise gelungen sei.
Als wichtige Grundlagen von Hammarskjölds politischer Ethik
identifiziert Fröhlich zunächst dessen familiäre
Verwurzelung in der schwedischen Tradition des neutralen Beamtentums
und den christlichen Grundsatz des Dienens. Ein wesentliches Zeugnis
von Hammarskjölds geistiger Orientierung stellt sein posthum
veröffentlichtes Tagebuch "Zeichen am Weg" dar, das er als "das
einzig richtige Profil" seiner Selbst und als "eine Art Weissbuch
meiner Verhandlungen mit mir selbst - und mit Gott" bezeichnete.
Dass sich Hammarskjöld in Kontrast zu seinem vorherigen Image
als rationaler Diplomat "als Mystiker des 20. Jahrhunderts" herausstellte,
kam für die Weltöffentlichkeit überraschend. Für
Hammarskjöld selbst allerdings stellt Rationalität und
Mystik keinen Widerspruch dar, ganz im Gegenteil. "Vernunft kann
nach Hammarskjöld der Ausgangspunkt zu einem Denken sein,
das in Mystik mündet, wie umgekehrt mystisches Denken höchst
rationale Ergebnisse und Konsequenzen im Alltag haben kann", fasst
Fröhlich zusammen (S. 164). Die Arbeit stellt klare Einflüsse
der mittelalterlichen Mystiker Meister Eckhart, Thomas von Kempen
und Johannes von Kreuz auf das Denken Hammarskjölds fest.
Weitere Übereinstimmungen werden etwa mit der Ethik Henri
Bergsons und vor allem mit Albert Schweitzer und Martin Buber ausgemacht
- zwei Zeitgenossen, mit denen Hammarskjöld auch persönliche
Korrespondenz unterhielt.
Die politische Ethik des Generalsekretärs stützte sich
nicht nur auf christliche Grundlagen. Mit dem von ihm persönlich
konzipierten Meditationsraum im UN-Hauptgebäude wird die interkulturelle
Grundlage seines Denkens und das Bemühen um eine verbindende
Religiösität manifest. Zu dem in der Mitte des Raumes
stehenden Block aus Eisenerz schrieb Hammarskjöld für
Besucher: "We may see it as an altar, empty not because there is
no God, not because it is an altar to an unkown God, but because
it is dedicated to the God whom man worships under many names and
in many forms." (S. 215)
Nach einer Untersuchung des Amts des Generalsekretärs und
der Grundelemente der politischen Ethik Dag Hammarskjölds
befasst sich Fröhlich im IV. Kapitel konkret mit den "Verbindungslinien
ethischen Denkens und politischen Handelns". In der strikten Orientierung
Hammarskjölds an Buchstabe und Geist der UN-Charta finde sich "die
offensichtlichste Manifestation politischer Ethik im Arbeitsalltag" (S.
250). Integrität und "selbstbewusste Neutralität" in
der Ausübung des Amtes waren bestimmende Merkmale von Hammarskjölds
Handeln als Generalsekretär, was Fröhlich anhand zahlreicher
Beispiele belegt. Als Meilensteine geht die Arbeit dabei besonders
detailliert auf die Peking-Mission 1953, die Suez-Krise und die
Einrichtung der UNEF 1956 und die Krise um die Rolle des internationalen öffentlichen
Dienstes im Zusammenhang mit dem Kongo-Konflikt ein, die 1960 im
Troika-Vorschlag der Sowjetunion mündete: der Generalsekretär
sollte demnach durch ein dreiköpfiges Gremium ersetzt werden.
Chruschtschows berühmtes Klopfen mit dem Schuh, seine Zwischenrufe
und Beschimpfungen gingen in die Geschichte ein.
Seit 1959 entwickelte Hammarskjöld auf Grundlage seiner praktischen
Erfahrung und der sich verschlechternden internationalen Lage auch
theoretisch ein weitreichendes Amtsverständnis. Nicht nur
das Ausschöpfen aller unmittelbar in der Charta angelegten
Möglichkeiten und Methoden sei notwendig, sondern darüber
hinaus seien auch weitere Methoden legitim, die zwar nicht explizit
in der Charta genannt würden, aber auch nicht gegen ihre Zielrichtung
verstiessen. Hammarskjöld sah die Charta dabei offenbar in
einen übergreifenden, evolutionären Prozess gestellt.
In einer bemerkenswerten Rede an der rechtswissenschaftlichen Fakultät
der Universität Chicago vom 1. Mai 1960 empfahl Hammarskjöld,
die Vereinten Nationen im Kontext einer soziologisch zu beobachtenden,
wachsenden Integration sozialer Einheiten zu sehen. Aus dieser
Perspektive sei der Nationalstaat selbstverständlich nicht "the
end of the road of the development of human society". (1)
In einer so verstandenen sozialen Evolution würden die Staaten
Schritt für Schritt durch ein internationales konstitutionelles
System überragt, das Aufgaben übernehme, für die
es auf dem Gebiet von Entwicklungs- und Überlebensproblemen
besser geeignet sei.
Im letzten Kapitel geht Fröhlich auf die Rezeption von Hammarskjöld
durch seine Nachfolger im Amt des Generalsekretärs ein und
ortet die Rede von U Thant während der Kuba-Krise am 24. Oktober
1962 als eindeutigste "Geburtsstunde der Hammarskjöld-Tradition" (S.
386f.). Zur Klärung seiner Position als Generalsekretär
zitierte Thant wortwörtlich die Erklärung von Hammarskjöld
zur Suez-Krise: "The principles of the charter are, by far, greater
than the Organisation in which they are embodied, and the aims
which they are to safeguard are holier than the policies of any
single nation or people." (ebd.) Die Untersuchung kommt zu dem
Ergebnis, dass keiner von Hammarskjölds Nachfolgern "eine
Doktrin der UNO auf der Grundlage politischer Ethik" entwickelt
habe (S. 408). Fröhlich räumt aber ein, dass ein Vergleich
aufgrund der sich verändernden weltpolitischen Lage teilweise
nur bedingt gelingen könne. Keines der von Hammarskjöld
entwickelten Prinzipien für das Peacekeeping etwa könne
heute noch so unbefragt bestehen.
Mit seiner Untersuchung hat Manuel Fröhlich eine bestens
dokumentierte Arbeit vorgelegt, die sich trotz detaillierter Betrachtungen
nicht in Einzelheiten verliert, sondern stets den übergeordneten
Zusammenhang verfolgt und Hintergründe aufzeigt. Dieses hervorragende
Buch wird sicherlich einen festen Platz in der Literatur zur Geschichte
der Vereinten Nationen finden.
(1) Andrew Cordier/Wilder Foote (Ed.), Public Papers of the
Secretaries-General of the United Nations, Volume IV, Dag Hammarskjöld
1958-1960, Columbia University Press, 1974, 583, 584 |