Rezensionen

Menschheitsverbrechen Sklaverei

Zu den Büchern Rosa Amelia Plumelle-Uribe: "Weisse Barbarei – Vom Kolonialrassismus zur Rassenpolitik der Nazis", Rotpunktverlag, August 2004 und Christian Delacampagne: "Die Geschichte der Sklaverei", Artemis & Winkler, März 2004

Andreas Bummel, in: bedrohte Völker, 3/2005, Nr. 231, 36. Jg.

Die Anfänge der Globalisierung und die Entstehung des europäischen Kapitalismus basieren auf einem der größten Menschheitsverbrechen: der Sklaverei umd dem Sklavenhandel. Mit dem Profit aus dem sogenannten „Dreieckshandel“ und der Sklavenarbeit auf den Plantagen Amerikas wurde die industrielle Revolution in Europa am Ende des 18. Jahrhunderts erst möglich gemacht. In seinem im März 2004 erschienenen Buch über die Geschichte der Sklaverei erinnert uns Christian Delacampagne an diese unsäglichen Grundlagen unserer heutigen, industrialisierten Welt. Der Kampf gegen die Sklaverei hat sich über Jahrhunderte hingezogen und ist noch nicht gewonnen. Noch heute leben weltweit etwa 27 Millionen Menschen in Sklaverei oder sklavenähnlicher Erniedrigung. Delacampagne, der als Sohn eines französischen Kolonialbeamten im Senegal geboren wurde, zeichnet die Historie dieses Verbrechens von der Antike bis zur Gegenwart nach. Den zugrundeliegenden Rassismus weist er bis in die Reihen der in Europa so vielgepriesenen Aufklärer hinein nach. Delacampagnes Buch ist auf deutsch im UNESCO-Jahr zum Gedenken an den Kampf gegen die Sklaverei erschienen. Dieser Kampf, so der Autor, kann sein Ziel nur erreichen, wenn er übernational werde. Alles, was zur Überwindung der gegenwärtigen Aufteilung der Welt in Nationalstaaten beitrage, führe aus dieser Sicht in die richtige Richtung. So ist Delacampagnes informatives und sachliches Buch zugleich ein Appell, die Globalisierung zur Durchsetzung von Menschenrechten zu nutzen.

Nach Ansicht von Rosa Amelia Plumelle-Uribe ist das Menschheitsverbrechen Sklaverei bis heute nicht in das europäische Geschichtsbewußtsein eingegangen. Mit berechtigter Empörung erinnert die Kolumbianerin in ihrem ebenfalls 2004 veröffentlichten Buch „Weisse Barbarei“ an die millionenfache Deportation von Afrikanern nach Amerika, von der sich über Generationen hinziehenden Zerstörung von Familienbeziehungen, von der blutigen Niederwerfung von Sklavenaufständen, von den rassistischen Gesetzen und ihrer völligen Entrechtung und Diskriminierung. Plumelle-Uribes Darstellung kreist um das Bemühen, die Niederträchtigkeit und Doppelmoral des europäischen Gewissens herauszustellen. Mit vielen historischen Berichten verdeutlicht Plumelle-Uribe dieGrausamkeit der Sklaverei. Leider ist ihr das nicht genug. Dreh- und Angelpunkt ihrer an vielen Stellen entgleisenden Polemik ist die Darstellung, dass mit den Verbrechen Nazideutschlands und dem Holocaust „nur“ die im Zusammenhang mit der Sklaverei über Jahrhunderte verübten Verbrechen in Europa „fortgesetzt worden“ seien (S. 316). Während die Sklaverei aber ignoriert werde, seien die Naziverbrechen „zum Verbrechen schlechthin“ erklärt worden. Für die Nachkommen der in Amerika versklavten Afrikaner habe die Frage, „was Hitler denn so Besonderes getan hat [...] ihre Berechtigung“ (S. 316). Plumell-Uribes Gedankengang ist schon im Ansatz fehlgeleitet. Das einzigartige und unbegreifliche Wesen des Holocaust verstehen zu wollen und anzuerkennen schmälert in keiner Weise, wie sie es unterstellt, das Leid und den Schmerz, den Generationen von Afrikanern millionenfach erleiden mussten. Im Drang, ihrer Empörung Luft zu machen, konstruiert Plumelle-Uribe eine fast vollständige Übereinstimmung und betreibt damit letztlich eine Gegenüberstellung von Leid, die weder möglich, noch im Mindesten angebracht ist. Sklaverei und Naziterror weisen grundsätzliche Unterschiede auf, die sie nicht zur Kenntnis nimmt. Die Sklaven waren trotz ihrer Ausbeutung und Unterdrückung weitgehend Teil der sie umgebenden sozialen Struktur. Die Juden wurden systematisch ausgesondert und industriell getötet. Dazu Hannah Arendt in „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“: „Sklaverei war eine Institution innerhalb einer Gesellschaftsordnung; Sklaven wurden nicht, wie die Lagerinsassen, den Augen und damit der Kontrolle der Umwelt entzogen. [...] Das eigentliche Grauen der Konzentrations- und Vernichtungslager besteht darin, daß die Insassen, selbst wenn sie zufällig am Leben bleiben, von der Welt der Lebenden wirksamer abgeschnitten sind, als wenn sie gestorben wären.“

Plumelle-Uribe empört sich darüber, dass angesichts unvorstellbaren Leids mit zweierlei Maß gemessen werde. Mangelnde Umsicht zeigt sie auch selbst. Die sowjetischen Lager wollte sie nicht in ihre Betrachtung einbeziehen, da sich die stalinistische Politik ursprünglich ja „dem Wohle der Menschheit“ verschrieben habe (S. 49). Dass Plumelle-Uribe die stalinistische Propaganda bis heute ernst nimmt, offenbart angesichts von Millionen Opfern des stalinistischen Terrors ein weiteres, krasses Fehlurteil.

Richtig ist allein, dass das Menschheitsverbrechen Sklavenhandel und Sklaverei einer angemessenen Anerkennung harrt. Die Europäer sollten sich damit auseinandersetzen und Worte zur Entschuldigung finden. Im Gegensatz zu Delacampagnes Darstellung wird Plumelle-Uribes Buch aber kaum dazu beitragen.