Weltformeln
des Irrationalen - Esoterik und Weltverschwörung
Andreas Bummel, "Weltformeln des Irrationalen - Esoterik und Weltverschwörung",
in: Tattva
Viveka - Forum für Wissenschaft, Spiritualität
und Kultur, Nr. 13, 2000
Ausgehend
vom Verschwörungsboom in den Medien und in Esoterik-Kreisen
berichtet Bummel in einer fundierten Analyse von den psychologischen
Ursachen und politischen Konsequenzen der Verschwörungstheorien.
Nach der friedlichen Revolution in Osteuropa und dem Scheitern
des Kommunismus befindet sich die Welt in einem tiefgreifenden
Transformationsprozess. Fünf Jahrzehnte lang wurde das
Staatensystem in einer bipolaren Ordnung um die Sowjetunion und
die USA konserviert. Mit dem Wegfall dieser normativen Klammer
ist die Menschheit nun verstärkt mit einer dynamischen Veränderung nationalstaatlicher
Strukturen konfrontiert. Begleitet wird die nur scheinbar gegenläufige
Tendenz von Fragmentierung und Globalisierung von einer rasanten
Entwicklung etwa im Bereich der Kommunikations- und Informationstechnologie.
Die komplexen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen
Veränderungen sind bei vielen Menschen mit einer grundlegenden
ideologischen und politisch-ökonomischen Verunsicherung verbunden.
Im historischen Gezeitenwechsel hat eine archetypische
Denkfigur regelmäßig Auftrieb, die ihren Nährboden
in einer solchen allgemeinen Verunsicherung findet: Die Verschwörungstheorie. "Als
Jahrzehnt des neu auflebenden Verschwörungsdenkens versprechen
die 90er tatsächlich viel", stellte Charles Freund schon im
Januar 1992 in der Washington Post fest ( 1).
Längst ist die Welle global geworden und auch nach Deutschland übergeschwappt.
Das Thema ist "en vogue", bemerkte die Welt im Dezember
1998, das "Motiv der Verschwörung" habe sich als "narratives
Grundmuster etabliert". ( 2) Die
Computer-Fachzeitschrift c't sieht vor allem das Internet "zu
einem populären Sammelplatz für die geographisch verstreuten
Anhänger bizarrer Glaubenssysteme und verdrehter Theorien" mutieren.
( 3)

"Logenbrüder" - Gemälde von Lovis Corinth, 1889/99 |
Hauptsubjekte der vor allem von Sekten, US-Milizen,
Nationalisten und Linksextremisten propagierten Theorien einer
monolithischen Weltverschwörung sind in unzähliger Variation
und verschiedensten Kombinationen die Geheimdienste, die Freimaurerei,
das Judentum, die Jesuiten, der Opus Dei, Außerirdische,
die Vereinten Nationen, Tempelritter, Mafia, Bankiers, Industrielle
und neben diversen internationalen Gremien vor allem die längst
von der Bildfläche verschwundenen bayerischen Illuminaten.
Das Strickmuster ist einfach: seit Jahrhunderten, wenn nicht seit
Anbeginn der Menschheitsgeschichte überhaupt, arbeiten diabolische
Eingeweihte mit allen Mitteln auf eine Weltdiktatur hin. Der gesamte
geschichtliche Prozeß könne auf die Umtriebe der Verschwörer
zurückgeführt werden. "Die radikalen sozialen, politischen,
kulturellen und technologischen Umwälzungen, die dieses abgelaufene
20. Jahrhundert prägten [...] waren keine Zufälle", heißt
es etwa bei einem im Heyne-Verlag veröffentlichten Autoren. "Okkult-esoterische
Machtgruppen" hätten hinter den "Experimenten" des Dritten
Reichs in Deutschland und dem Kommunismus im Ostblock gestanden. "Der
Verschwörungstheoretiker", so Bernhard Pörksen 1996 im Deutschen
Allgemeinen Sonntagsblatt, "kennt die Mörder, die John
F. Kennedy, Olof Palme oder Uwe Barschel umbrachten. Er weiß,
warum es so viel Elend gibt, wer Interesse an der Naturzerstörung
hat, wer die Politiker bezahlt, warum ihn der Mißerfolg im
Leben peinigt. Er weiß überhaupt alles; das Unerklärliche
und Zufällige hat für ihn selbstverständlich System". ( 4)
"Schwierig ist freilich, daß es auch tatsächlich
Verschwörungen gibt, und daß viele der Machtspiele im
Geheimen ablaufen", schreibt Florian Rötzer in der Online-Zeitschrift Telepolis. ( 5) Die
phantastischen Wahngebilde einer allumfassenden Verschwörung
haben reale, wenn auch bescheidenere Gegenbilder: Von den Haremsverschwörungen
unter Ramses III. um 1180 v. Chr. über die Ermordung Caesars
im Curia Pompeii am 15. März des Jahres 44 v. Chr. oder die
Machtergreifung der Karolinger in den Jahren 747-771 bis zu den
Aktivitäten der Loge Propaganda Due in Italien und dem Militärputsch
in Pakistan im Oktober 1999 - Attentate, Komplotte und Intrigen
wirken vielfältig bis in die Gegenwart hinein. ( 6) Wo
keine restlose Aufklärung gelingt, "saugen sich Verschwörungsdenker
wie Parasiten an den Dunkelstellen fest", schreibt Jürgen
Bräunlein ( 7) - und schnüren ihre
Mutmaßungen zu ganzen Weltformeln zusammen.

Sitzung der Trilateralen Kommission
in Washington D.C., 1974 |
Eine Beschäftigung mit den zentralen psychologischen,
funktionalen und inhaltlichen Aspekten des Verschwörungsdenkens
hat ihren Ausgang in einer historischen Betrachtung zu nehmen.
In seinem 1998 erschienenen Buch "Verschwörung - Faszination
und Macht des Geheimen" führt Daniel Pipes das Entstehen "voll
ausgewachsener Verschwörungssysteme" auf die Zeit der französischen
Revolution um 1789 zurück. ( 8) Als
wichtiger Träger aufklärerischen Denkens hatte sich die
1717 in England als einfaches System von Logen gegründete
Freimaurerei inzwischen auch auf dem europäischen Kontinent
ausgebreitet. In den Logen versuchten die Anhänger der Aufklärung
die gesellschaftliche Gleichheit zu verwirklichen und stellten
die "gottgegebene" traditionelle ständisch-hierarchische Gesellschaftsordnung
des Feudalismus in Frage. "Die Freimaurerei übte in der Tat
mit ihrem [...] Humanismus und ihrem das im realpolitischen Raum
herrschende Ständewesen überwindenden Prinzip der égalité eine
große Faszination auf das Bürgertum und die philosophische
Intelligenz aus", schreibt der Historiker Helmut Reinalter. ( 9) Durch die Mitgliedschaft vieler Jakobiner
in den Logen rückte die Freimaurerei "mit ihrer Befürwortung
der Toleranz gegenüber dem forschenden Geist und seiner Freiheit
sowie mit dem Bestreben nach [...] Beseitigung der Ungerechtigkeiten
stark in die Nähe der Frühphase der Französischen
Revolution". ( 10) Die Freimaurerei
wurde ein vorrangiges Ziel antirevolutionärer und antiaufklärerischer
Propaganda der Repräsentanten des Klerus und des vordemokratischen
Ancien Régime. Graf Pergen, Polizeiminister von Leopold
II. führte in einer Denkschrift aus, daß "mehrere dieser
geheimen Gesellschaften [...] nicht [...] blos vernünftige
Aufklärung und thätige Menschenliebe zum Zwecke haben,
sondern [...] das Ansehen, die Macht der Monarchen nach und nach
zu untergraben, Freyheitssinn bey den Nazionen aufzuregen, die
Denkungsart des Volkes umzustimmen, und solches durch eine geheime
Oberherrschaft nach ihren Absichten zu lenken". ( 11) Der
Abfall der englischen Kolonien in Amerika sei nur die erste Operation
dieser "geheimen Oberherrschaft" gewesen. Mit der These, daß die
Freimaurerei die unerwünschten gesellschaftlich-politischen
Umbrüche der Zeit lenke, kristallisierte sich erstmals die
Verschwörungstheorie als propagandistisches Erklärungsmuster
für geschichtliche Vorgänge heraus. Tatsächlich
allerdings deckten die Logenmitglieder das ganze, vom republikanisch-revolutionären
bis zum aufgeklärt-absolutistischen reichende politische Spektrum
der Zeit ab. Viele Monarchen waren selbst Mitglieder von Freimaurerlogen,
so etwa der französische König Ludwig XVI. oder der österreichische
Kaiser Joseph II.; viele Maurer wurden im Zuge der französischen
Revolution selbst verfolgt, gefoltert und guillotiniert; die Loge
Grand Orient de France wurde verboten. ( 12)
Die Veröffentlichung interner Papiere des 1776
vom Ingolstädter Professor Adam Weishaupt gegründeten
Illuminaten-Ordens gab der höfisch-klerikalen Propaganda ab
1784 weiteren Auftrieb und löste damit die Freimaurerei als
angeblichen "Drahtzieher der französischen Revolution" ab.
Die Freimaurerei sei vielmehr selbst - so die historisch widerlegte
Parole - von den Illuminaten systematisch unterwandert und instrumentalisiert
worden. Nach diversen "Querelen zwischen Maurern und Illuminaten" hatten
Mitglieder des Ordens wie Franz Friedrich von Ditfurth und Adolf
Freiherr von Knigge tatsächlich versucht, den Wilhelmsbader
Freimaurer-Konvent vom 16. Juli bis zum 1. September 1782 auf den
Illuminatismus einzustimmen und konnten sich dabei allerdings nicht
durchsetzen. ( 13) Insgesamt hatten die
Illuminaten eine große Auswirkung auf das Verschwörungsdenken,
da sie "den ärgsten Ängsten der Verschwörungstheoretiker
Substanz verliehen". ( 14) Sie
waren das bis dato einzige real nachgewiesene Beispiel eines Geheimbundes,
der mit subversiven Absichten tätig war.
Der französische Abt Augustin Barruel formulierte
die Verschwörungstheorie zum klassischen Mythos aus und trug
wesentlich zu seiner internationalen Verbreitung bei. In seinem
1797/98 in London publizierten und in neun europäische Sprachen übersetzten "Memoires
pour servir a l'histoire du Jacobisme" stellte er die Aktivitäten "der
Philosophen, Freimaurer, Physiokraten, Juden, Jakobiner und Republikaner" nicht
zufällig als "eine Revolte gegen den göttlichen Herrn" dar. ( 15) In
paranoiden Visionen, die auf christlich-apokalyptische Vorstellungen
zurückgreifen, prophezeit er in dem vierbändigen Werk
den Weltuntergang durch die geheime satanische Verschwörung
der Illuminaten und anderer geheimer Verbindungen, die nach der
Weltherrschaft strebten. Barruel, auf den sich 150 Jahre später
auch die Nationalsozialisten bezogen, datierte den Beginn der Weltverschwörung
auf das Jahr der Auflösung des Tempelritterordens 1312 und
der Verbrennung seines Großmeisters Jacques de Molay 1314
in Paris.
In der napoleonischen Zeit bis zur konterrevolutionären
Restauration des Wiener Kongresses 1814/15 hatte sich das Verschwörungsdenken
als allgemeines Instrument der politischen Propaganda etabliert.
Napoleon Bonaparte, der sich 1804 selbst zum Kaiser krönte
und die Aussöhnung zwischen Kirche und Adel anstrebte, konzentrierte
den Verschwörungsmythos zunächst auf einen strikten Anti-Illuminatismus.
Alles, was sich gegen seine Herrschaft richtete, so nationalemanzipatorische
Strömungen und Putschversuche, wurden als Werk des angeblich
von den Jesuiten gegründeten Illuminaten-Ordens dargestellt.
Die Anhänger des Ancien Régime erklärten dagegen
Napoleon und seine Neuordnung Europas selbst zur illuminatischen
Verschwörung. 1814 forderte der Kölner Hofrat Johann
Jakob Trunk in einem Pamphlet von den Teilnehmern des Wiener Kongresses,
alle Freimaurer, Illuminaten und Jakobiner aus den öffentlichen Ämtern
zu entfernen. Er behauptete, daß sogar der in China ausgebrochene
Bürgerkrieg ein Werk der Illuminaten sei. ( 16) Aufgrund
der französischen Förderung der jüdischen Emanzipation
in den besetzten Ländern Europas wurde das Judentum in Anknüpfung
an ältere Stereotypen des jüdischen Gottesmörders in
die Verschwörungsthese integriert. Der von Napoleon 1806 nach
Paris einberufene "Große Sanhedrin" prominenter Juden erregte
in ganz Europa großes Aufsehen. Bald wurde "der französische
Kaiser [...] mit dem Antichristen identifizert, der die gottgewollte
christliche Ordnung nun mit Hilfe der Juden stürzen wolle". ( 17) Damit
schließt sich der Kreis zwischen dem traditionellen christlichen
Antijudaismus und dem im 18. Jahrhundert entstandenen Verschwörungsmythos,
der sich gegen die Aufklärung richtete. Das Grundgerüst
der im Nationalsozialismus beschworenen "jüdisch-freimaurerischen
Weltverschwörung" und der modernen monolithischen Theorien
ist komplett. Als integraler Bestandteil der Ideologie, der Propaganda
und als Leitmotiv totalitärer Bewegungen hatten sie einen
entscheidenden Anteil an den größten Katastrophen dieses
Jahrhunderts.
Die russische Revolution vom Februar 1917 war die Antwort
auf eine Krisenstimmung und nahm zunächst einen klassischen
Verlauf: eine bürgerlich-demokratische Revolution mit der
Wahl einer konstituierenden Versammlung. Der Staatsstreich der
Bolschewiken vom 7. November stürzte alles um. Lenin errichtete
eine terroristische Diktatur in der zaristischen Tradition der
Brutalität und Grausamkeit. Mit der Unterstellung eines allgegenwärtigen
Komplotts der "Monopolkapitalisten" bereitete Wladimir Lenin den
Boden für einen totalitären Polizeistaat. Zur Bekämpfung
der Kapitalisten die "vor keinem Verbrechen zurückscheuen
würden, um unsere friedliche Arbeit zu zerstören", ( 18) beauftragte er Felix Dserschinski mit dem
Aufbau einer Organisation nach dem Vorbild des zaristischen Geheimdienstes
Ochrana. Die Tscheka, aus der später der KGB hervorgehen würde,
sollte ihm dazu dienen "eine vernichtende Waffe gegen die zahllosen
Verschwörungen und die zahllosen Attentate gegen die Sowjetmacht
[...]" zu sein. ( 19) Sein Terror zielte "auf
alle politischen Gruppierungen und sämtliche Schichten der
Bevölkerung: auf Adel, Großbürgertum, Militär,
Polizei, auf konstitionelle Demokraten, Menschewiken, Sozialrevolutionäre
wie auch auf das Volk in seiner Masse, auf Bauern und Arbeiter". ( 20) "Die autistische Paranoia",
so die Welt, "war nicht Auswuchs, sondern konstitutives
Element des Leninismus". ( 21) Ab
1927 setzte Iossif Stalin die rücksichtslose Vernichtung möglicher
Gegner und millionenfachen Massenmord als Reaktion auf angebliche
Verschwörungen fort. Am 13. Januar 1953 verkündete die Prawda die
Aufdeckung eines Komplotts einer von Juden dominierten "terroristischen Ärztegruppe",
die ihre Ämter im Kreml benutzt habe, um hohe sowjetische
Funktionäre zu ermorden. In den nächsten Wochen baute
Stalin die angebliche Affäre propagandistisch in eine großangelegte
Verschwörung gegen die Partei aus, um eine neue Säuberungsmaßnahme
vorzubereiten. Nur durch Stalins Tod am 15. März 1953 wurde
verhindert, daß eine weitere massive Deportationskampagne
stattfand. Die Meldung der Prawda vom 4. April, daß die
Geständnisse der Ärzte unter "illegalen Verhörmethoden" erzwungen
worden waren, bedeutete den ersten radikalen Bruch mit dem Stalinismus
und läutete damit eine neue Epoche in der Sowjetunion ein. ( 22)
Auch für den totalitären Staat der Nationalsozialisten
in Deutschland war der ideologische und propagandistische Rückgriff
auf das Verschwörungsdenken ein zentrales Instrument. Den
Angriff auf Polen etwa befahl Hitler mit dem Vorwand, daß polnische
Soldaten einen deutschen Radiosender überfallen hätten
- eine Aktion, die von einem getarnten SS-Kommando durchgeführt
wurde. Da es das Bewußtsein einer Notstandssituation wachhalte,
die nur durch eine starke Herrschaft gemeistert werden könne,
so Pipes, impliziere das Verschwörungsdenken Totalitarismus.
Hitler habe ausdrücklich eine Diktatur zur Bekämpfung
der vielen in Deutschland laufenden Komplotte gefordert. Als vordringliches
Problem stellte die NSDAP eine Weltverschwörung des Judentums
und der jüdisch unterwanderten Freimaurer gegen die "arische
Nation" dar. Diese würden Liberalismus und Demokratie verbreiten,
um hinter den Kulissen das deutsche Volk manipulieren zu können. "Insbesondere
macht die große Auseinandersetzung zwischen den Weltdemokratien
und dem Nationalsozialismus die Kenntnis der überstaatlichen
Organisationen der internationalen Freimaurerei dringend erforderlich",
schrieb SS-Gruppenführer Heydrich 1939 in einem Schulungsbrief "Gegen
die Freimaurerei". ( 23) Bereits
vier Jahre zuvor hatte das nationalsozialistische Regime die Logen
in Deutschland restlos zerschlagen und begann ab 1939 die systematische
Tötung und Deportation der jüdischen Bevölkerung,
den Holocaust.
Die NSDAP machte Propaganda gegen Freimaurer
und Juden, um ihre rassistische Vernichtungspolitik
zu rechtfertigen
|
In seiner Auseinandersetzung mit der These von der
freimaurerischen Verschwörung im Ancien Régime und
dem NS-Staat hat der Historiker Johannes Rogalla von Bieberstein
zutreffend festgestellt, daß die "idée de complot" eine
rationalisierende Funktion erfüllt, indem sie vorgibt, für
alle existentiellen Ängste hervorrufenden gesellschaftlichen
Ereignisse eine einfache und griffige Erklärung zu haben. ( 24) "Sie
ist durch eine interessengeleitete und damit nicht-rationale Denkstruktur
gekennzeichnet [...]", so die Analyse. "Damit entspringt [die Verschwörungsthese]
einem Bedürfnis nach Reduktion der komplexen Realität
und vermag eine - wegen ihrer Wahnhaftigkeit - gefährliche
Orientierungsfunktion wahrzunehmen". Es handele sich bei ihr um "eine
der Feindbestimmung und damit der Feindbekämpfung dienende
ideologisch-politische Waffe". Bereits zum Zeitpunkt des Entstehens
der Verschwörungsthese ließen sich Machttechniker ausmachen,
so Bieberstein, die sie propagierten, um in zynischer Weise die
Ressentiments und Ängste der verunsicherten Bevölkerung
zu ihren Gunsten zu manipulieren. Die von der zaristischen Geheimpolizei
unter Rückgriff auf ältere antifreimaurerische und antisemitische
Pamphletliteratur fabrizierten "Protokolle der Weisen von Zion" seien
etwa von dem Judenreferenten und SS-Unterführer Edler von
Mildenstern intern als "Quatsch" bezeichnet worden ( 25),
obgleich sie in der antijüdischen Hetze der Nationalsozialisten
als angeblich authentisches Geheimdokument des ersten zionistischen
Weltkongresses von 1897 eine zentrale Rolle gespielt haben.
Schon in der tragischen Geschichte des Verschwörungsdenkens
vom 18. Jahrhundert bis in die 1950er Jahre hinein ist sichtbar,
daß die in diesem enthaltenen Erklärungsmuster für
historische Prozesse keineswegs einen objektiven Erkenntniswert
anstrebten, sondern ganz im Gegenteil auf eine gesellschaftlich-politische
Wirkung abzielten. "Die Erforschung des Verschwörungsdenkens
geht von der Grunderkenntnis aus, daß [...] Ideen Folgen
haben", meint Daniel Pipes - selbst wenn diese keinen "notwendigen
Zusammenhang mit sozio-politischen Bedingungen" aufweisen. ( 26) Verschwörungstheorien
sollen Ereignisse und Geschichte nicht erklären, sondern im
Sinne ihrer Apologeten und unter Rechtfertigung drastischster Maßnahmen
selbst schaffen. Sie bedienen sich dabei der zielgerichteten Manipulation
der Emotionen verunsicherter Menschen, indem sie die Ursache der
Verunsicherung rationalisierend auf ein der Strategie entsprechendes
Feindsubjekt reduzieren, welches sich gleichzeitig in ein scheinbar
alles erklärendes dualistisches Weltbild einfügt. "Da
die Verschwörungsthese [...] beinhaltet, daß kleine
Minderheiten den Geschichtsprozeß in entscheidender Weise
- und zwar illegitim - beeinflussen können, müssen diesen
Minderheiten zwangsläufig dämonisch-übermenschliche
Kräfte zugeschrieben werden", schreibt Bieberstein. Der soziale
Organismus könne folglich durch die Ausschaltung der wenigen,
die Gesellschaft vergiftenden Bösen, geheilt werden. "Sie
sind Experten auf dem Gebiet der schwarzen Magie und bauen ihre
Macht mit okkulten Praktiken und teuflischen Ritualen immer weiter
aus", heißt es beispielhaft für den Grundtenor in der
Verlagswerbung eines aktuellen Verschwörungstitels. Schon
das klassische klerikal-religiös verfärbte Verschwörungsmodell
des Augustin Barruel sieht hinter den diversen "konspirativen Lenkern" Satan
persönlich.
Die durch neue Informationstechnologien wie Newsgroups,
Chatrooms und private Homepages im Internet stark begünstigte
Verschwörungswelle der 90er Jahre hat insbesondere im rechten
und religiös-fanatischen Spektrum der USA einen gefährlichen
Nährboden gefunden. Aufgeschreckt durch die schiere Menge
amerikanischer Propheten des Weltuntergangs begann die Abteilung
für nationale Sicherheit des FBI im Februar 1999 mit dem "Project
Megiddo", so benannt nach einem Hügel im nördlichen Israel,
wo dereinst die Schlacht von Armageddon stattfinden soll. "Eine
explosive Mischung von apokalyptischer Religion und Verschwörungstheorien über
die Neue Weltordnung könnten zu Gewaltakten führen, die
darauf abzielen, das Ende der Welt im Einklang mit biblischen Prophezeiungen
zu bewirken", befürchtet der Megiddo-Bericht des FBI im Hinblick
auf die Jahrtausendwende. ( 27) In
dem ab 1991 von US-Präsident George Bush geprägten Begriff
der "Neuen Weltordnung" spiegelt sich das Hauptsujet der sich im
globalen Informationsstrom verselbstständigenden Verschwörungsflut:
Mit Hilfe der UNO plane die jüdische Hochfinanz, "blaublütiger
Adel" und das politische Establishment die Errichtung einer Weltdiktatur
und damit die Abschaffung des Nationalstaats. Von diesem Grundmuster
der aktuellen Verschwörungstheorie geht eine unüberschaubare
Menge von Verzweigungen aus, die beliebige Ereignisse zu erklären
vorgeben - und selbst auslösen. Schon Karl Popper spottete,
mit einer Theorie alles auf einmal erklären zu wollen, habe
Marxismus und Freudianismus von der Wissenschaft zum Wahn werden
lassen.
Mit über 90 Toten endete im April 1993 eine wochenlange
Belagerung des Geländes der sich auf die Apokalypse vorbereitenden
schwerbewaffneten Davidianer-Sekte in Texas. ( 28) Von
rechtsradikalen US-Milizen zu "unserem Reichstagsbrand" erhoben,
brachte der von der Weltverschwörung überzeugte Milizanhänger
Timothy McVeigh zum dritten Jahrestag der Tragödie vor einem
Behördengebäude in Oklahoma City einen Sprengsatz zum
detonieren und tötete bei dem bislang schwersten Terroranschlag
der amerikanischen Geschichte 168 Menschen. Selbstverständlich
wurden beide Ereignisse von den Paranoikern sofort als Teil der
Verschwörung entlarvt. Das gleiche gilt, willkürlich
herausgegriffen, für den die Zahl des Tieres der Johannes-Apokalypse
stilisierenden internationalen Warenstrichcode, für den in
CIA-Labors künstlich hergestellten HI-Virus und für die
gigantische Vertuschung der Zusammenarbeit der Regierungen mit
diversen außerirdischen Abgesandten. Im Katalog des Kopp-Verlages,
einem sogenannten "Fachversand für grenzwissenschaftliche
Myterien", ist das ganze konspirationistische Buchspektrum unserer
Zeit zu finden, das von Nostradamus über Vril-Kraft und Hohlwelt-Theorien
zu den klassischen Orden und Geheimgesellschaften reicht. Die Grenze
zwischen Schund, Propaganda, Unterhaltung und Analyse ist fließend.

Beim schwersten Bombenanschlag der amerikanischen
Geschichte in Oklahoma City kamen 168 Menschen ums Leben. Hintergrund:
Rache gegen die angeblichen
Weltverschwörer |
Kennzeichnend für die populären konspirativen
Machwerke am vorderen Ende dieses Spektrums ist ein diletantischer
Umgang mit Geschichte und eine nur funktional nachvollziehbare
Argumentationskette, die sich durch eine weitgehende Anonymität
der Subjekte sowie durch wage und suggestive Formulierungen auszeichnet.
Allgemein gehaltene oder falsche Aussagen lenken davon ab, daß die
vorgebrachten Enthüllungen letztlich auf einer schieren Unkenntnis
oder Ignorierung fundamentaler Forschungsergebnisse und Zusammenhänge
basieren. Ein typischer Fall dieses Musters ist das 1993 unter
einem Pseudonym erschienene Buch "Geheimgesellschaften und ihre
Macht im 20. Jahrhundert" von Jan Udo Holey, das ein antisemitisch-nationalistisch
durchsetztes Konglomerat der auf dem Markt gehandelten Konspirationstheorien
darstellt. "Keine Plattheit ist zu dumm, um eingebaut zu werden",
schreibt Jens-Uwe Ries zutreffend in analyse & kritik mit
Verweis auf die Holey'sche Gleichung "Rote Armee = Roter Schild
= Rothschild", mit der bekräftigt werden soll, daß auch
hinter der Sowjetunion die Interessen der jüdischen Bankiersfamilie
Rothschild gestanden hätten. ( 29) Jüngste
Neuerscheinung dieser Sorte Verschwörungstheorie ohne Erkenntniswert
ist das Buch "Machtwechsel auf der Erde" von Armin Risi, dem in
der letzten Ausgabe der Tattva Viveka "detaillierte" Sachkenntnis
bescheinigt wird. ( 30) Während
klassische Verschwörungs- und Endzeitmythen aufgekocht und
in ein dualistisches Bild integriert werden, transportiert Risi
die vedische Philosophie als einziges und absolut unanfechtbares
spirituelles Weltbild zur Rettung der Menschen. Altbekannte Muster
dienen sich an: "Die Invasion der Erde ist mittlerweile sehr fortgeschritten,
hauptsächlich dadurch, daß Wesen aus der Dunkelwelt
sich auf der Erde inkarnieren. Mit einem Menschenkörper können
sie unerkannt unter den Menschen aktiv sein und höchste Posten
in der Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Religion erlangen." ( 31) "Das
Verschwörungsdenken beraubt die Beklagten ihrer Menschlichkeit
und setzt sie schutzlos der Eliminierung aus, als ob sie eine unerwünschte
Seuche wären", stellte Pipes unlängst fest. ( 32)
Insbesondere die Identifizierung des Illuminaten-Ordens
als Kern der angeblichen Weltverschwörung ist paradox. In
seiner Dissertation "Geheimbund und Utopie" an der Universität
Bamberg betont Manfred Agethen, daß gerade der Illuminaten-Orden
neben der allgemeinen Freimaurerei in der einschlägigen Geschichtswissenschaft
die breiteste Aufmerksamkeit gefunden habe. ( 33) Der
Historiker Norbert Schindler stellt fest: "Einzig im Fall des Illuminaten-Ordens
sicherte uns dessen Verfolgung durch die staatlichen Obrigkeiten
ausreichende Quellenbestände, deren Analyse und Dokumentation
[...] für strukturgeschichtliche Betrachtungen in besonderem
Maße geeignet erscheint". ( 34) Vor dem Hintergrund
der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Ordens muten die von Holey,
Risi und anderen Autoren propagierten Thesen der bis heute andauernden
Illuminatenverschwörung geradezu albern an. Zum Zeitpunkt
der Entlassung Knigges aus dem Orden begann in Bayern eine Serie
von staatlichen und kirchlichen Verbotsmaßnahmen. "[Man muß]
davon ausgehen, daß mit dem Austritt Knigges im Juli 1784,
der Flucht Weishaupts von Ingolstadt nach Regensburg und schließlich
nach Gotha, dem offiziellen Aufhebungsbeschluß Stolberg-Rosslas
vom April 1785 und den Strafverfolgungsmaßnahmen gegen die
bayerischen Illuminaten 1785-1786 der Orden organisatorisch zerschlagen
war", faßt Agethen den Niedergang zusammen. ( 35) Johann J. Christoph
von Bode, neben Weishaupt und Knigge führender Ordensvertreter,
versuchte die Illuminaten in Hamburg, Bremen, Hannover und Erfurt
zu reorganisieren. "Spätestens als dieses Projekt Ende 1790
scheiterte, mußte der Illuminatenorden als endgültig
erloschen angesehen werden". ( 36)
Verschwörungstheorien sind Teil einer neuen wissenschaftsfeindlichen
Gegenkultur. "Zum Teil sind die Wissenschaftler selbst schuld daran",
meint Gerhard Vollmer von der Technischen Universität Braunschweig.
Lange genug hätten sie für sich beansprucht, die drängenden
Probleme der Menschheit lösen zu können. Enttäuschte
Erwartungen führen aber, so Vollmer, zu "größerer
Verbitterung als solche, die erst garnicht geweckt werden". ( 37) Das Übergehen
der wissenschaftlichen Forschung und diletantische Behauptungen
werden zum Kavaliersdelikt, denn schließlich, so die einhellige
Meinung unter Verschwörungsexperten, werde gerade die Wissenschaft,
ebenso wie die Medien, von den "Eingeweihten" kontrolliert. Hervorragende
literarische Werke wie Friedrich Schillers "Don Carlos", Umberto
Ecos "Foucault'sches Pendel" und Benjamin Disraelis "Coningsby" werden
zu konspirationistischen Primärquellen erhoben, obgleich es
sich bei diesen offensichtlich um Fiktion handelt. Risi etwa bemüht
als Basis seines Verschwörungsmodells seitenlang Agatha Christies
Roman "Die großen Vier". Zwar sei "dieses Zeitdokument" fiktiv,
um so deutlicher jedoch vermöge es "das grundlegende Szenario
der geheimen Mächte hinter der Menschheit darzulegen". Beliebt
sind auch Referenzen zu den Literaten Herbert G. Wells, Aldous
Huxley und George Orwell: "Die Futurologie des ehemaligen britischen
Geheimdienstchefs H. G. Wells und die wilden futurologischen Planspiele
von Wells Schülern wie Aldous Huxley und George Orwell verdeutlichen
sehr treffend, wie sich diese Kreise inmitten einer von moderner
Technologie beeinflußten Welt ein quasi feudales Utopia vorstellen",
versucht ein beim Diagnosen-Verlag publizierender Theoretiker zu
argumentieren, der eine verschworene "oligarchische Partei" hinter
den Ereignissen der "ungefähr 3000 Jahre bekannter Geschichte" vermutet. "Wie
begegnen wir solchen Einbrüchen des Romans ins Leben, nachdem
wir gesehen haben, welche historische Tragweite das Phänomen
haben kann?", fragt sich Umberto Eco, der den Mythos der Tempelritter-Verschwörung
literarisch verarbeitet hat, vor dem Hintergrund der propagandistischen
Ausschlachtung der sogenannten "Protokolle der Weisen von Zion" durch
die NS-Diktatur und mit Blick auf die modernen Wahnsysteme. ( 38)
Zeichnung von Leo Taxil, um die Freimaurer
zu diffamieren. Bis zu seiner Selbstentlarvung 1897
behauptete er, daß sie mit Satan im Bunde seien
|
Vor einer Behandlung dieser Frage ist festzustellen,
daß Verschwörungstheorien auch bei klarer Faktenlage
nicht widerlegt werden können. Sie sind im Popper'schen Sinne
selbstimmunisierend: ( 39) Kritiker
werden problemlos verdächtigt, selbst in die Verschwörung
verwickelt zu sein und damit kaltgestellt. Nach einer im April
1996 wegen des Straftatbestands der Volksverhetzung durchgeführten
Beschlagnahmeaktion gegen die Erstauflage des von Jan Udo Holey
publizierten Buches war für den Verleger der Beweis erbracht:
die Illuminaten hätten nun zurückgeschlagen. Einer Generalkritik
wurde das Holey'sche Machwerk von der Zeitschrift Esotera in
der Juli-Ausgabe unterzogen - anschließend erklärte
ein Leser, daß nun ja klar sei, auf welcher Seite der Bauer-Verlag
als Herausgeber der Esotera stehe, auch er sei ein "zionistisches-illuminatisches
Machtinstrument". Optimistisch betrachtet ist der Einzug des Paranoiden
in die globale Informationsflut nur zu einer neuen Form von Unterhaltung
geworden. Der bekannte US-Regisseur John Carpenter erkannte die
Zeichen der Zeit schon vor zehn Jahren. Seinen Film "Sie leben!" aus
dem Jahr 1988 nannte er ein "Plädoyer für den Verfolgungswahn" -
in dem Thriller geht es um die Infiltration der Welt durch Außerirdische.
Die Tageszeitung Detroit Free Press faßte 1995 mehrere
repräsentative Umfragen in den USA zusammen und kam zu dem
Ergebnis, daß die Bevölkerung keineswegs an die vom
rechten Rand propagierten Komplotte der US-Regierung und der UNO
glaubt. ( 40) Hat man die Wirkungsgeschichte
des Verschwörungsdenkens vor Augen, so kann man die Verschwörungsflut
allerdings nicht allein als "narrativen" Auswuchs des "lunatic
fringe" abtun. Sie ist Ausdruck einer Flucht ins Irrationale angesichts
einer sozio-politischen Umbruchphase vom Format der industriellen
Revolution und der Überwindung des Feudalismus zu ihrer Entstehungszeit
während der Aufklärung im 18. Jahrhundert.
Eine noch größere Bedeutung als im Westen
hat das Verschwörungsdenken im Nahen Osten. Die meisten Araber,
gleich welcher politischen Orientierung, sind davon überzeugt,
daß permanent eine Verschwörung, eine Mu'amarah, gegen
sie vorangetrieben wird. Der Bogen der Ereignisse reicht dabei
von den Kreuzzügen über das Sykes-Picot-Abkommen 1916
und den letzten Golfkrieg bis hin zum Tod von Prinzessin Diana
und ihrem Freund Alfayeth 1997 in Paris. "In Europa gab es Reformation,
Aufklärung und die große französische Revolution.
All das fehlt dem Islam", so Bassam Tibi in seinem Buch "Die Verschwörung
- Das Trauma arabischer Politik". ( 41) Mit
bezeichnender Implikation für die Bedeutung des neuen Verschwörungsdenkens
in Europa und Nordamerika stellt Tibi fest, daß mangels einer
umfassenden Emanzipation die von René Descartes ausformulierte
Trennung von Subjekt und Objekt im individuellen Erkenntnisprozeß im
arabischen Raum allgemein noch nicht stattgefunden habe. Folge
sei die durch das Verschwörungsdenken manifeste "Dämonisierung
der Außenwelt und die Zurückführung allen Übels
auf ihre teuflischen Machenschaften". ( 42) Das
Verschwörungsdenkens kann so im allgemeinen nicht nur äußerlich,
sondern auch in seinem inneren Wesen als antiaufklärerisch
und regressiv identifiziert werden.
UN-Generalversammlung am 14.10.1999
in New York: Künftige Schaltzentrale der
Weltregierung? Vor allem die UN müssen als
Zielobjekt der Verschwörungstheoretiker
herhalten
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Während das Verschwörungsdenken zu seiner
Anfangszeit im Westen in Opposition zur Entwicklung des modernen
Nationalstaat und zur Bewahrung der feudalen Ständegesellschaft
propagiert wurde, wehrt es sich heute in ähnlicher Weise gegen
den historischen Prozeß der Globalisierung und der regionalen
Integration, der den inzwischen etablierten Orientierungsrahmen
des Nationalstaats sprengt. Vor diesem Hintergrund ist es naheliegend,
daß die Hauptsubjekte der Verschwörungstheorien gerade
international agierende Organisationen und Personen sind. Das wohl
wichtigste Element in der seriösen Betrachtung geschichtlicher
und politischer Entwicklungen ist allerdings die Anerkennung der
Tatsache, daß eine unübersehbare Vielzahl von teilweise
identifizierbaren, aber in sich dynamischen Partikularinteressen
vorhanden ist, die sich nicht in ahistorische und monokausale Erklärungsmodelle
gießen lassen. Der Soziologe Norbert Elias hat die den historischen
Prozeß begründende Interaktion von Individuen nicht
zuletzt im Begriff der Figuration zusammengefaßt. Aus der
Wechselwirkung dieser Figurationen entsteht eine überindividuelle,
aber keineswegs zielgerichtete Eigendynamik. "Es kommt zu Entwicklungen,
die sich aus planvollen individuellen Handlungen zusammensetzen,
als Ganzes jedoch ungeplant sind". ( 43) Im
Sinne von Neil Postmans Plädoyer für eine zweite Aufklärung ( 44) sollten
sich die Menschen im Übergang in das globale Zeitalter auf
die Werte zurückbesinnen, die den Nationalstaat letztlich
zu einem Garant für Friede, Wohlstand, Demokratie und Menschenrechte
ausgestalten sollten. Das Verschwörungsdenken und die von
ihm ausgehenden Weltformeln können dazu keinen konstruktiven
Beitrag leisten.
Anmerkungen
(1) Freund, Charles; "If History is
a Lie. America's Resort to Conspiracy Thinking", in: Washington
Post, 19.01.1992, S.C01 zurück
(2) Bräunlein, Jürgen; "Die Benachteiligten
schlagen zurück", in: Die Welt, 19.12.1998 zurück
(3) Freyermuth, Gundolf; "Sie beobachten uns",
in: c't, Nr. 13/1998, S.74ff. zurück
(4) Pörksen, Bernhard; "Weltformeln des Übels",
in: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, 32/1996 zurück
(5) vgl. Rötzer, Florian; "Alles eine Verschwörung",
in: Telepolis, online 07.12.98 zurück
(6) vgl. Schultz,
Uwe (Hg.); "Große Verschwörungen - Staatsstreich und
Tyrannensturz von der Antike bis zur Gegenwart", München, 11998 zurück
(7) Bräunlein, Jürgen; "Die Benachteiligten
schlagen zurück", in: Die Welt, 19.12.1998 zurück
(8) vgl. Pipes,
Daniel; "Verschwörung. Faszination und Macht des Geheimen",
München, 11998, S.99ff. zurück
(9) Reinalter, Helmut; "Die Freimaurerei
zwischen Josephinismus und frühfranziszeischer Reaktion",
in: Reinalter (Hg.); "Freimaurer und Geheimbünde im 18. Jahrhundert
in Mitteleuropa", Frankfurt am Main, 41993, S.35 zurück
(10) ebd., S.61 zurück
(11) ebd., S.36 zurück
(12) vgl. Gugenberger/Petri/Schweidlenka; "Weltverschwörungstheorien",
Wien/München, 11998, S.61 zurück
(13) vgl. Schings, Hans-Jürgen; "Die
Brüder des Marquis Posa. Schiller und der Geheimbund der Illuminaten",
Tübingen, 11996, S.56ff. zurück
(14) vgl. Pipes,
Daniel; "Verschwörung. Faszination und Macht des Geheimen",
München, 11998, S.107ff. zurück
(15) vgl. Bieberstein, Johannes Rogalla
von; "Die These von der freimaurerischen Verschwörung", in:
Reinalter (Hg.); "Freimaurer und Geheimbünde im 18. Jahrhundert
in Mitteleuropa", Frankfurt am Main, 41993, S.85ff. zurück
(16) vgl. Gugenberger/Petri/Schweidlenka; "Weltverschwörungstheorien",
Wien/München, 11998, S.62 zurück
(17) ebd., S.64 zurück
(18) zit.n. Pipes,
Daniel; "Verschwörung. Faszination und Macht des Geheimen",
München, 11998, S.273 zurück
(19) ebd. zurück
(20) vgl. "Schwarzbuch
des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror", München/Zürich, 41998 zurück
(21) Posener, Alan; "Unter Verfolgungswahn",
in: Die Welt, 23.10.1999 zurück
(22) vgl. "Schwarzbuch
des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror",
München/Zürich, 41998, S.268ff., S.276ff. zurück
(23) vgl. Valmy, Marcel; "Die Freimaurer", Köln,
1998, S.167 zurück
(24) vgl. Bieberstein, Johannes Rogalla
von; "Die These von der freimaurerischen Verschwörung", in:
Reinalter (Hg.); "Freimaurer und Geheimbünde im 18. Jahrhundert
in Mitteleuropa", Frankfurt am Main, 41993, S.85ff. zurück
(25) ebd., S.85ff. zurück
(26) vgl. Pipes,
Daniel; "Verschwörung. Faszination und Macht des Geheimen",
München, 11998, ebd., S.88 zurück
(27) vgl. Kilian, Martin; "Sehnsucht nach dem
Untergang", in: Darmstädter Echo, 20.11.1999 zurück
(28) vgl. The Arizona Republic, 20.04.1993, "Fiery
Apocalypse in Texas" und Detroit Free Press, 01.03.1993, "4 US
Agents Die in Cult Raid" zurück
(29) vgl. Ries, Jens-Uwe; "Karma, Ufos und Antisemitismus",
in: analyse & kritik, Nr. 394, 19.09.1996 zurück
(30) vgl. Besprechung von Röth, Berthold,
in: Tattva Viveka, Nr.12/1999, S.90/91 zurück
(31) vgl. Risi, Armin; "Machtwechsel
auf der Erde", Neuhausen, 11999, S.51 zurück
(32) vgl. Pipes,
Daniel; "Verschwörung. Faszination und Macht des Geheimen",
München, 11998, S.280 zurück
(33) Agethen, Manfred; "Geheimbund
und Utopie. Illuminaten, Freimaurer und deutsche Spätaufklärung",
München, 11984, S.45 zurück
(34) vgl. Schindler, Norbert; "Der
Geheimbund der Illuminaten - Aufklärung, Geheimnis und Politik",
in: Reinalter (Hg.); "Freimaurer und Geheimbünde im 18. Jahrhundert
in Mitteleuropa", Frankfurt am Main, 41993, S.285 zurück
(35) Agethen, Manfred; "Geheimbund
und Utopie. Illuminaten, Freimaurer und deutsche Spätaufklärung",
München, 11984, S.84 zurück
(36) ebd., S.85 zurück
(37) zit.n. Harder, Bernd; "Adolf Hitler lebt
in der Antarktis", in: Zeitschrift f. Humanismus und Aufklärung,
Nr. 1/98 zurück
(38) vgl. Benz, Wolfgang; "Diffamierung
aus dem Dunkel"; in: Schultz, Uwe (Hg.); "Große Verschwörungen",
München, 11998, S.217 zurück
(39) vgl. Pörksen, Bernhard; "Weltformeln
des Übels", in: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, 32/1996 zurück
(40) vgl. Detroit Free Press, 13.06.1995, "Most
don't follow Patriots' Games" zurück
(41) vgl. Tibi,
Bassam; "Die Verschwörung. Das Trauma arabischer Politik",
Hamburg, 11993, S.37 zurück
(42) ebd., S. 39/40 zurück
(43) vgl. Baumgart/Eichener; "Norbert
Elias zur Einführung", Hamburg, 21997, S.112 zurück
(44) vgl. Postman,
Neil; "Die zweite Aufklärung. Vom 18. ins 21. Jahrhundert",
Berlin, 11999 zurück |