Globale Ethik,
Strukturwandel und Bewußtsein
Vortrag von Andreas Bummel bei der Freimaurerloge Johannes der
Evangelist zur Eintracht in Darmstadt, 19. September 2001
Die aktuellen Ereignisse werfen einen dunklen Schatten über
das Thema meines heutigen Vortrages. Die verheerenden Terroranschläge
in New York und Washington haben mich zutiefst erschüttert.
Die Anschläge am 11. September 2001 stellen einen geschichtlichen
Wendepunkt dar. Ein Kollege aus der Zukunftsforschung hat in einem
Telefongespräch völlig zutreffend festgestellt: Die Zukunft
hat sich verändert, ob zum Guten oder Schlechten, wird sich
zeigen. Für mich persönlich steht dieses Datum für
den Einbruch des Unfassbaren in die Wirklichkeit. Die Entführung
von vier Linienmaschinen durch fanatische Selbstmörder, die
Zerstörung des World Trade Center mit tausenden von Toten
ist kein Stück aus einem schlechten Actionfilm. Die Entwicklungen
unserer Zeit stehen seit dem 11. September 2001 in einem völlig
neuen Licht da. Auch das Unvorstellbare ist möglich geworden.
Das Thema über das ich heute mit Euch sprechen möchte,
ist das Verhältnis zwischen globaler Ethik, Strukturwandel
und Bewußtsein.
Die terroristischen Anschläge in den USA haben uns in monströser
Weise erneut vor Augen geführt, wie zerbrechlich die Stabilität
unserer hoch komplexen modernen Gesellschaft und ihrer Funktionsbereiche
ist. Im zu Ende gegangenen Jahrhundert wurde deutlich, daß das
Denken und Fühlen des Menschen weit hinter seinen technologischen
und ökonomischen Entwicklungen zurückbleibt. Mit dem
Wahnsinn des modernen Krieges und millionenfachen Völkermord
steht es für die größten Fehlleistungen der menschlichen
Geschichte. Erich Fromm hat völlig zutreffend festgestellt,
daß wir in einer historischen Epoche leben, "die durch eine
scharfe Diskrepanz gekennzeichnet ist zwischen der intellektuellen
Entwicklung des Menschen, die ihn zur Entwicklung der schlimmsten
Vernichtungswaffen geführt hat, und seiner geistig-emotionalen
Entwicklung, die ihn noch im Zustand eines ausgeprägten Narzißmus
mit all seinen pathologischen Symptomen stecken bleiben ließ".
Ethik beschreibt Normen und Maximen der Lebensführung, die
sich aus der Verantwortung gegenüber anderen herleiten.
Sie ist der Teil der Philosophie, der die Moral behandelt und Wertvorstellungen
wie "gut" und "böse" hinterfragt. Schon hier deuten
sich die Verbindungen praktisch verstandener Ethik zur Bewußtseinspsychologie
an: Wie wir gesehen haben, hält Fromm krankhafte Selbstbezogenheit
in unserer Zeit für charakteristisch. Ein Merkmal des pathologischen
Narzißmus ist aber die mangelhafte Fähigkeit, sich in
andere einfühlen zu können. Die Wirkung des krankhaft
narzistisch Handelnden auf das Gegenüber wird nur begrenzt
erkannt, das Gegenüber verdinglicht. Das Bewußtsein
ist hier fest an die auf das Selbst und durch seine Interessen
interpretierte Wahrnehmung gebunden. Ethisch differenzierte Sichtweisen
werden blockiert und letztlich auf die allgemeinsten verfügbaren
Kategorien von "gut" und "böse" verengt, die zur Rechtfertigung
eigenen Handelns herangezogen werden. Die spontanen Übergriffe
gegen Muslime in den USA in diesen Tagen basieren auf dieser Typisierung,
so wie Verschwörungstheoreme überhaupt.
Ein Bewußtsein, das die differenzierte Wahrnehmung des Selbst
im Verhältnis zum anderen und der Umwelt einschließt,
ist ethischen Fragestellungen vorausgesetzt. Wenn wir Inhalt und
Grundlage einer globalen Ethik untersuchen möchten,
ist damit also eine Betrachtung der spezifischen Gestalt der bewußtseinspsychologischen
Voraussetzungen unlösbar verbunden. Dass die Menschheit dabei
ist, die existentiellen Grundlagen des Ökosystems Erde zu
vernichten, dass sie sich in die Lage versetzt hat, sich mittels
Massenvernichtungswaffen selbst auszulöschen, macht unsere
Epoche welthistorisch einzigartig. Die offensichtliche Unfähigkeit
des Menschen, dieser Herausforderung nachhaltig zu begegnen, begründet
unsere Überlegungen zu einer globalen Ethik. Eine solche Ethik
wäre Ausdruck eines geänderten Bewußtseins und
Triebkraft für ordnungspolitischen Strukturwandel auf allen
Ebenen. Diese Wechselwirkungen werden wir im politischen und historischen
Kontext später noch betrachten. Es ist gerade die Diskrepanz
zwischen der - wenn überhaupt - langsamen Weiterentwicklung
menschlichen Bewußtseins und der seit dem 18. Jahrhundert
immer rapider fortschreitenden technologischen Entwicklung, die
das Spannungsfeld des gegenwärtigen, welthistorischen Umbruchs
ausmacht.
Neben Fromm hat auch der Bewußtseinspsychologe Jean Gebser
in seinem Werk "Ursprung und Gegenwart" auf diese Kluft aufmerksam
gemacht: "Was wir heute erleben", schrieb Gebser um 1948, "ist
eine Weltkrise und Menschheitskrise, wie sie bisher nur in Wendezeiten
auftrat, die für das Leben der Erde und der jeweiligen Menschheit
einschneidend und endgültig waren. Die Krise unserer Zeit
und unserer Welt bereitet einen vollständigen Umwandlungsprozeß vor,
der [...] einem Ereignis zuzueilen scheint, das von uns aus gesehen
nur mit dem Ausdruck >globale Katastrophe< umschrieben werden
kann, [...] sich als eine Neukonstellation planetaren Ausmaßes
darstellen muß. Und wir sollten uns darüber im klaren
sein, daß uns bis zu jenem Ereignis nur noch einige Jahrzehnte
verbleiben." Jetzt kommt das Entscheidende: "Diese Frist ist durch
die Zunahme der technischen Möglichkeiten bestimmt, die in
einem exakten Verhältnis zu der Abnahme des menschlichen Verantwortungsbewußtseins
steht."
Das Ende des Kalten Krieges und damit auch das Ende einer unmittelbaren
Bedrohung durch einen umfassenden nuklearen Schlagabtausch zwischen
den USA und der damaligen UdSSR tun dieser Prognose leider keinen
Abbruch. Vor dem Hintergrund der aktuellen Terroranschläge,
aber auch Angesichts der zu erwartenden Entwicklungen im Bereich
der Bio- und Nanotechnologie ist ihr Grundsachverhalt nach wie
vor offensichtlich. Jeremy Rifkin von der Foundation of Economic
Trends in Washington D.C. spricht lakonisch von der "Neuerschaffung
der Welt": "Nie zuvor in ihrer Geschichte ist die Menschheit derart
unvorbereitet gewesen auf die neuen technologischen und ökonomischen
Möglichkeiten, Herausforderungen und Risiken, die sich an
ihrem Horizont abzeichnen. Unsere Lebensweise wird sich in den
nächsten Jahrzehnten vermutlich tiefgreifender verändern,
als in den vergangenen tausend Jahren." In der kombinierten Anwendung
von Genetik, Nanotechnologie und Robotik sieht Bill Joy, Entwicklungschef
der Firma Sun Microsystems, in den nächsten Jahrzehnten
weitaus größere Gefahren als die der "klassischen" Massenvernichtungswaffen
heraufziehen. In einem dramatischen Appell hat er darauf hingewiesen,
daß in den nächsten dreißig Jahren mit der technischen
Verwirklichung virusähnlicher, selbstreplizierender Roboterorganismen
auf Molekularebene zu rechnen ist. Einen entsprechenden Essay vom
April 2000 hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung mit dem
Brief von Albert Einstein an US-Präsident Roosevelt vom 2.
August 1939 verglichen, in dem er diesen dazu aufgefordert hat,
die Entwicklung der Atombombe in staatliche Hand zu nehmen, um
dem Dritten Reich zuvorzukommen.
Die Bedrohung durch atomare, biologische und chemische Waffensysteme
besteht außerdem weiterhin fort. Entscheidendes Gewicht kommt
der wachsenden Gefahr der Weiterverbreitung der Waffentechnologien
und von Spaltmaterialien an andere Staaten und terroristische Gruppen
zu. 1980 gab es nach Erkenntnissen des Bundesnachrichtendienst
(BND) drei Länder in der Dritten Welt, die Raketentechnologie
zu erwerben suchten: Libyen, der Irak und Nordkorea. Im Jahr 2000
arbeiteten bereits neun Länder, die meisten davon im Nahen
und Mittleren Osten, an nationalen Raketenprogrammen; gleichzeitig
arbeiteten fast alle diese Staaten an der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen.
Nach Einschätzung des BND wird etwa der Irak um 2005 über
Raketen mit 3000 Kilometern Reichweite verfügen, die dann
auf Ziele in Ost- und Süddeutschland abgefeuert werden könnten.
Bestückt mit nur einem Kilogramm Milzbrand-Bakterien würde
ein solcher Angriff zur Verseuchung eines Gebiets von der Größe
von zehn Quadratkilometern führen. Der Tod von 70 bis 80 Prozent
der betroffenen Bevölkerung binnen weniger Tage wäre
die Folge. Wie die im August 1998 aus dem Irak abgezogenen UN-Inspektoren
ermitteln konnten, verfügte Bagdad Anfang der neunziger Jahre
bereits über eine ganze Reihe bakteriologischer Kampfstoffe,
darunter 8,5 Tonnen Milzbranderreger.
Der moralische, politische und soziale Niedergang der Welt wurde
schon um die Jahrhundertwende vor dem Ersten Weltkrieg beklagt.
In seinem Werk "Untergang des Abendlandes" beschreibt Oswald Spengler
die abendländische Gegenwart 1917 als niedergehenden Endzustand.
Ganz im Gegensatz dazu steht Jean Gebser. Es läßt sich
kein größerer Unterschied denken, als der zwischen den
von Spengler postulierten biologischen Alterungsphasen völkischer
Kulturen - ihrem Wachsen, Reifen und Absterben - und dem von Gebser
quer durch die Völker beobachteten Anwachsen des Bewußtseins
von Stufe zu Stufe, in Gebser Worten von Mutation zu Mutation.
Der apokalyptische Kulturpessimismus nach Spengler hat für
Gebser vor allem eine "den Geist unterminierende Wirkung". "Eine Überwindung
des jetzigen Zustandes der Welt, die wahrscheinlich ihren rationalistischen
und technokratischen Höhepunkt bald erreichen wird, kann weder
durch die Ratio noch durch die Technokratie, aber ebensowenig durch
ein Predigen und Mahnen zu Ethos und Moral oder durch ein irgendwie
geartetes Zurück geschehen", stellt Gebser fest. Und weiter: "Wir
können nur eins tun: In der Betrachtung aller Äußerungen
unserer Zeit so weit und so tief vorzustoßen, daß uns
die dämonischen und zerstörenden Aspekte nicht mehr bannen,
so daß wir nicht nur sie sehen, sondern hinter und
unter ihnen die unermeßlich starken Keimlinge des Neuen wahrnehmen,
für das die einstürzende Welt den Humus liefert."
Das Fundament, um dieses Neue zu orten, ist zunächst die
Erkenntnis, dass sich das menschliche Bewußtsein in der Menschheitsgeschichte
beständig transformiert und differenziert hat. In der Tradition
von Jean Gebser steht hier vor allem Ken Wilber, der wichtigste
Theoretiker der transpersonalen Psychologie. Seiner Auffassung
nach ist Geschichte im wesentlichen die Entfaltung einer Reihenfolge
immer höherer Strukturen. Folgen wir diesem Konzept, lassen
sich für das menschliche Bewußtsein verschiedene Evolutionsstufen
identifizieren, die sich über Jahrtausende im fließenden Übergang
nach und nach entfaltet haben. Dies darzustellen, wäre alleine
mindestens einen eigenen Vortrag wert. Ich muß mich deshalb
beschränken und vereinfachen, vor allem, weil wir ja diese
Entfaltung später noch im Zusammenhang des weltgeschichtlichen
Strukturwandels betrachten möchten.
Jede Stufe der Evolution transzendiert und umfaßt alle vorherigen.
Die frühen Lebensformen wie Pflanzen zum Beispiel gingen über
leblose Materie und Minerale hinaus, bewahrten sie aber in ihrer
biologischen Zusammensetzung. Die Tiere gingen über die einfachen
pflanzlichen Lebensformen hinaus, schlossen deren Leben aber in
ihren eigenen körperlichen Aufbau ein. Ebenso entwickelte
sich der Mensch über das Animalische hinaus, behielt aber
animalische Eigenschaften. Als die ersten Hominiden aus der Evolution
hervorgingen, entwickelten sie sich um einen Kern natürlicher
und animalischer Strukturen, die bereits durch die frühere
Evolution definiert waren. Der Urmensch begann seinen Weg eingehüllt
in die unbewußten Bereiche von Natur und Körper, von
Pflanze und Tier. Beherrscht von animalisch-reptilhaften Impulsen
war seine Welt und sein Ich undifferenziert, verschmolzen. Dieser
archaische Urgrund des menschlichen Bewußtseins wird unter
anderem durch den mythologischen Ausdruck "Uroboros" bezeichnet. "Uroboros" ist
das uranfängliche mythische Symbol der Schlange, die sich
in den Schwanz beißt. Es bedeutet selbstbezogenheit, allumfassend
aber undifferenziert, paradiesisch, aber reptilhaft. Uroboros ist
die Bewußtseinsstruktur, die den Hintergrund der universalen
Mythen vom Garten Eden bildet, der Zeit vor dem Sündenfall.
Ausgehend von dieser uroborischen Stufe hat sich das menschliche
Bewußtsein bisher in vier größere aufeinander
folgende Strukturen differenziert. Gebser nennt diese in "Ursprung
und Gegenwart" archaisch, magisch, mythisch und mental. Wie ich
schon gesagt habe, die Übergänge sind natürlich
fließend. Die archaische Ebene haben wir bereits betrachtet,
es ist die uroboische. In der magischen Struktur tritt der Mensch
aus der nulldimensionalen, archaischen Welt der Identität
in die eindimensionale der Unität hinaus. Als Symbol der Eindimensionalität
deutet der Punkt eine erste Zentrierung im Menschen an. Es beginnt
ein erstes, schemenhaftes Gegenübersein, der Mensch beginnt
zu wollen, Trieb und Instinkt entfalten sich und bringen
ein durch sie bedingtes und betontes Bewußtsein hervor, das
in einem "Wir" des Clans, der Sippe oder dem Stamm verwurzelt ist.
Die Konzentration dieses schlafhaften Wollens auf ein Objekt, so
Jean Gebser, war ohne Zweifel bewußtseinsbildend, als das
es gleichzeitig eine Zentrierung der psychischen Energie im Menschen
mit sich bringen mußte.
War die archaische Struktur Ausdruck der nulldimensionalen Identität
und der ursprünglichen Ganzheit, war die magische Ausdruck
der eindimensionalen Unität und naturverwobenen Einheit, so
ist die folgende mytische Struktur ein Ausdruck der zweidimensionalen
Polarität. War das Charakteristische der magischen Struktur
die Bewußtwerdung der Natur, so ist es im Mythischen die
Bewußtwerdung der Seele, also der Innenwelt. Ihr Symbol ist
der Kreis. Nach Gebser enthält jeder Mythos ein Bewußtwerdungs-Element,
insofern er den Bewußtwerdungs-Prozeß der Seele spiegelt.
Mythologien nehmen nach seiner Ansicht Gestalt an, sobald der Mensch
der Seele ansichtig wird. Diesen Prozeß erzählt er mythisch,
in bildhafter Weise. So interpretiert Gebser den Mythos von Narziß auf
folgende Weise: "Narziß [...], der seiner Selbst im Spiegel
des Wassers ansichtig wird, der also (mythisch gesprochen) in die
Seele schaut, schaut damit sich selber und wird sich seiner eigenen
Existenz bewußt."
Das Erwachen des Denkens im Menschen sieht Gebser unter anderem
im Mythos von der Geburt der Athene erzählt: "Athene entspringt
[...] dem Haupte des Zeus; sie ist das Bild des Gedankens, des
bewußten Denkens, das auch die dunklen Zusammenhänge
[...] zu sehen vermag: denn Athene ist eulenäugig; ihr Attribut
ist die Eule, der Vogel [...] der auch im Dunkeln sieht, dem die
Nacht Tag ist."
Im Übergang in die heute vorherrschende mentale Ebene tritt
der Mensch aus der Geborgenheit des zweidimensionalen Kreises in
den dreidimensionalen Raum hinaus. Die Welt tritt dem mentalen
Bewußtsein als tief getrennt von ihm gegenüber. Das
selbstreflexive Ego entsteht und wird sich einer ihm fremden Außenwelt
gewahr. War die Ausdrucksform der mythischen Struktur das Mythologem,
so ist sie im mentalen Bewußtsein das Philosophische. Während
das Mythologem, in archetypischen Erfahrungen wurzelnd, allgemeingültigen
Charakter hat, ist die Philosophie nur von individueller Gültigkeit.
Mit der Entfaltung der mentalen Struktur geht vor allen Dingen
die räumlich und gedanklich gerichtete Betrachtung einher,
die in der Entdeckung der Perspektive wurzelt. "Ich denke, folglich
bin ich", sagte René Descartes als Antwort auf Gassendis "Ich
gehe umher, folglich bin ich". Hier liegen die Grundlagen der technologischen
Entwicklung: im rationalen, gerichteten Denken, aus dem sich beispielsweise
die Kunst der technischen Zeichnung, der Architektur und lineares
Zeitbewußtsein herausbildet.
Das mental-egoistische Bewußtsein hat stark destruktive
Züge. Darauf weist Ken Wilber hin: "Mit der Ego-Ebene erreichen
wir eine Evolutionsstufe, auf der das separate Ich so komplex und
so >stark< ist, daß es sich nach seinem Ausbrechen
aus der früheren unbewußten Bindung an Kosmos, Natur
und Körper mit einem bisher ungekannten Rachegefühl gegen
diese früheren Stufen wendet, die doch ebenfalls Ebenen der
eigenen vielschichtigen Individualität geworden sind. [...]
Das Ego transformierte sich nicht nur aus der [magischen] und der
Gruppenzugehörigkeits-Struktur heraus nach oben, sondern verdrängte
beide mit Heftigkeit. Das Ego wurde aggressiv und arrogant." Eine
Ursache für psychopathologische Entwicklungen ist also vor
allem die Unterdrückung wesentlicher, auf den vorherigen Entwicklungsstufen
basierender Persönlichkeitselemente.
Während die moderne Welt auf hoch komplexen Technologien
basiert, die erst durch die rational-ichhafte Ebene möglich
wurden, hat eine Mehrheit der Menschen diese bis heute überhaupt
nur bedingt erreicht oder ist schon in die destruktive Phase eingetreten.
Betrachten wir kurz den Terrorismus islamistischer Gruppen unter
diesem Gesichtspunkt. Bassam Tibi stellt allgemein fest: "In Europa
gab es Reformation, Aufklärung und die große Französische
Revolution, d.h. historische Ereignisse, die dem europäischen
kulturellen Projekt der Moderne und seinem rationalistischen Weltbild
zugrunde liegen. [In der] arabo-islamischen, kulturell bedingten
Wahrnehmung ist kein Platz für Individuen, die als Subjekte
handeln. [...] Ein Individuum aus den eigenen Reihen muß stets
im Einklang mit dem eigenen Kollektiv denken und handeln, wenn
es nicht als >Verräter< sein Leben aufs Spiel setzen
möchte. [...] In einer manichäisch zweigeteilten Welt,
in der das Gute auf der eigenen Seite und das Böse [...] auf
der anderen steht, gibt es nur eine Lösung für den >Verräter<,
die physische Liquidierung." Der Glaube an ein ewiges Leben im
Paradies bei einem Tod als Märtyrer im dhjhad als wesentliche
Triebkraft deutet aber doch darauf hin, dass hier die Sehnsucht
nach Überbrückung einer als schmerzlich empfundenen Trennung
des Ich von seiner Außenwelt empfunden wird.
Diese bewußtseinspsychologische Tendenz zurück in vorherige
Entwicklungsstufen können wir, wenn auch in anderer Gestalt,
auch sonst beobachten: anhand der visuellen Massenmedien oder des
esoterischen Mainstreams sehen wir, wie gegenwärtig eine rückläufige
Entwicklung in Richtung auf präpersonale, kultische und narzißtische
Zielsetzungen kultiviert wird. Ein Zurücksinken ins bildhafte
Irrationale. Ist es symptomatisch, dass George W. Bush in einer
ersten Stellungnahme vor einer Woche von einem "monumentalen Kampf
zwischen Gut und Böse" gesprochen hat?
Im Sinne von Jean Gebser möchte ich mich aber auf die Keimlinge
des Neuen konzentrieren. Wir haben jetzt eine gewissen Vorstellung
der bisherigen Evolution des menschlichen Bewußtseins gewonnen
und sehen die Konflikte, denen das Ego unterworfen ist. Nun hat
es zentrale Bedeutung, dass die Entfaltung des Bewußtseins
bei der mentalen Ebene nicht an ein Ende angekommen ist.
Neben der Unterdrückung vorheriger Stufenelemente und der
Tendenz dorthin zurück, hat die Bewußtseinspsychologie
eine über das Ego hinausgehende transpersonale Ebene identifiziert.
Diese ins Transzendente weisende Ebene bezeichnet Wilber als "gegenwärtiges
und höheres Potential jedes Menschen, der sich darum bemüht,
sich über das mental-ichhafte Stadium hinaus zu entwickeln
und zu transformieren." Diese Umwandlung erfolgt vom Grundmuster
her, auf die gleiche Weise, wie die Übergänge zwischen
den vorherigen Stufen vor sich gegangen sind: Indem das Bewußtsein
die Vergänglichkeit seiner gegenwärtigen Ebene akzeptiert,
sich von dieser Ebene differenziert und sie dadurch zur nächsthöheren
Ebene transzendiert. In unserer historischen Situation heißt
das konkret, daß der Mensch seine mental-ichhafte Fixierung
sterben lassen, sich von ihr differenzieren und sie transzendieren
muß. Statt Unterdrückung und Zurücksinken besteht
dieser Prozeß aus Transzendenz und Weiterentwicklung. Auch
wenn das Durchschnittbewußtsein bisher so gut wie garnicht
betroffen ist, lassen sich doch die ersten Ausläufer dieses
Neuen identifizieren.
Die auf das mental-Ichhafte folgende Bewußtseinsstufe bezeichnet
Jean Gebser als integrale Struktur: Dem Menschen werden nicht nur
die verschiedenen Strukturen durchsichtig und bewußt, die
ihn konstituieren, sondern er wird auch ihrer Auswirkungen auf
sein eigenes Leben und Schicksal gewahr. Durch ein solches Bewußtwerden
seiner eigenen Konstitutionsprinzipien versetzt sich der Integrierende
in die Lage, die übergewichtig und damit destruktiv wirkenden
Komponenten seiner Selbst durch eigene Einsicht zu meistern. Dieser
Prozeß ist nicht als Bewußtseinserweiterung, sondern
als Intensivierung, als Umlagerung der im Menschen angelegten Bewußtseinsebenen
zu verstehen. Und gerade durch diese Umlagerung kommt in Wahrnehmung
und Bewußtsein das qualitativ Neue der integralen Weltsicht
zum Vorschein.
Beginnend mit der Entdeckung der Neuen Welt im 16. Jahrhundert
leben wir heute erstmals in der Menschheitsgeschichte in einer
den gesamten Globus umfassenden, hochgradig interdependenten Weltzivilisation.
So rapide die technologischen Fähigkeiten sich weiterentwickeln,
so zurückgeblieben ist nicht nur das menschliche Bewußtsein,
sondern damit einhergehend auch unsere politische Struktur. Die
Vereinten Nationen als weltweit einzige politische Organisation
mit universalem Anspruch ist ein Konglomerat aus mittlerweile 189
sich als souverän verstehenden Nationalstaaten. Die 1945 in
San Francisco im Gründungsakt angenommene UN-Charta stellt
nur einen völkerrechtlichen Vertrag zwischen diesen Staaten
dar. Die UN-Generalversammlung als Vertretungsorgan aller Staaten
kann nichts Verbindliches beschliessen. In einem schwerfälligen
Konferenzmarathon versucht die Staatengemeinschaft also, auf die
neuen Rahmenbedingungen angemessen zu reagieren. Auf die Aushandlung
eines multilateralen Abkommens im Rahmen der UNO, ihrer Regional-
und Sonderorganisationen oder speziellen Bevollmächtigten-Konferenzen,
folgt ein langwieriger Ratifikationsprozess in der Staatengemeinschaft.
Soweit eine bestimmte Mindestzahl erreicht wurde, hat ein Abkommen
jeweils nur in solchen Staaten Geltung, die ihm durch zumeist parlamentarische
Ratifikation beigetreten sind. Wird die Mindestzahl nicht erreicht,
bleibt das Abkommen außer Kraft. Vorbehaltsklauseln in der
nationalen Gesetzgebung bei der Zustimmung zu einem völkerrechtlichen
Abkommen sind nicht selten zu finden. Die Umsetzung einer so geschlossenen
völkerrechtlichen Vereinbarungen liegt dann letzten Endes
auch noch beim Vertragsstaat selbst. Trotzdem wird der erhebliche
Koordinierungsbedarf auf internationaler Ebene in den 514 bis Mai
2000 beim UN-Generalsekretär hinterlegten multilateralen Verträgen
sichtbar, die das gesamte Spektrum menschlicher Aktivität
abdecken. Tatsächlich ist das internationale System, erst
recht ein einzelner Staat, völlig überfordert. Die Anschläge
in den USA sollten uns jetzt wieder deutlich vor Augen geführt
haben, dass dies gerade auch im sicherheitspolitischen Bereich
gilt.
Das völkerrechtliche Prinzip der nationalstaatlichen Souveränität
ist angesichts des Entwicklungsstandes der Wirtschaft, Wissenschaft
und Technologie ein offensichtlicher Anachronismus aus dem Zeitalter
der Postkutschen. Dieses noch heute gültige Prinzip wurde
im Zuge der Beilegung des Dreißigjährigen Krieges durch
den Westfälischen Frieden von Münster und Osnabrück
vor mehr als 350 Jahren verankert. Als am 24. Oktober 1648 die
Verträge zwischen dem Deutschen Reich, Frankreich und Schweden
abgeschlossen wurden, dauerte es neun Tage, bis die Nachricht vom
Ende des Konflikts in Prag angekommen war. Von Münster nach
Paris dauerten die Depeschen regelmäßig zehn Tage. Von
Osnabrück nach Stockholm liefen die Berichte sechzehn Tage.
Am längsten mußte Madrid warten: ein Sonderkurier konnte
den Weg bestenfalls in zwanzig Tagen zurücklegen. Heute übermitteln
wir jede nur denkbare Nachricht in Bruchteilen einer Sekunde um
den Erdball.
Mit Glasnost und Perestroika hat Michail Gorbatschow als Präsident
der Sowjetunion wesentlich zur Beendigung des Kalten Kriegs beigetragen.
Noch Anfang der 80er Jahre kippten die Zukunftserwartungen in Westeuropa
nach dem NATO-Doppelbeschluß in apokalyptische Endzeitvisionen
von einer nahen atomaren Selbstauslöschung der Menschheit
um. Dieses Inferno wurde vorerst abgewandt, die Weltkrise als solche
besteht weiter. Gorbatschow sah sich durch eine veränderte
Einstellung motiviert. Sein sogenanntes "neues Denken" charakterisiert
er wie folgt: "Letzten Endes muß der vernunftbegabte Mensch
sich als globaler Mensch verstehen, als Individuum, das nicht nur
für sich selbst und für das Schicksal seiner Gemeinschaft,
sondern für den Erdball, für die ganze Menschheit Verantwortung übernimmt." In
dieser praktisch umgesetzten Perspektive lassen sich erste beispielhafte
Ausläufer einer integrierten Weltsicht blicken. Worauf
ich an dieser Stelle allerdings hinaus möchte, ist der Zusammenhang
zwischen Strukturwandel und Bewußtsein.
Grundsätzlich können wir auch bei einer soziostrukturellen
Betrachtung der Menschheitsgeschichte die Herausbildung immer
höherer Stufen beobachten. Die Zivilisationsgeschichte gestaltet
sich demnach als ein Prozeß aus Integration und Zerfall
sozialer Einheiten. Durch Integration entsteht eine höhere
Ebene, durch Zerfall sinken die Teile wieder in vorherige Stufen
zurück. Im Verdrängungskampf um Siedlungsgebiete, Rohstoffe,
Nahrung und politische Kontrolle ist es zu immer höheren
Organisationsstufen und zur Ausbildung immer größerer
Einheiten gekommen: von Gruppen von Jägern und Sammlern,
Familienverbänden, Sippen und Stämmen über Stadt-
und Flächenstaaten zu ganzen Kontinentalreichen. Innerhalb
dieser Einheiten kommt es zu geregelten Mechanismen des Interessenausgleichs
und zu einer Pazifizierung, während zwischen ihnen eine
latente Konkurrenz herrscht, die je nach Veränderung der
Machtbalance in gewalttätige Auseinandersetzungen umschlägt.
Wie wir gesehen haben, finden diese Verflechtungen innerhalb
der Weltzivilisation grundsätzlich noch immer zwischen Nationalstaaten
statt. Warum das so ist? Nach Ken Wilber sind nationale Regierungen
heute mit wenigen Ausnahmen Organisationen eines nur kärglich
rational überformten magischen Bewußtseins, die von
einem hoch konfrontativen, animalischem Selbsterhaltungstrieb
bestimmt sind.
Die Wechselwirkung zwischen Strukturbildung und Bewußtseinsentwicklung
ist auch für Fromm evident; sie bedingen und verstärken
einander: "Wenn der einzelne sich primär als Weltbürger
erleben und wenn er auf die Menschheit und ihre Leistungen stolz
sein könnte, würde sich sein Narzißmus die Menschheit
und nicht ihre widerstreitenden Komponenten zum Gegenstand nehmen.
[...] Aber es liegt auf der Hand, daß es zu einer solchen
Entwicklung nur kommen kann, wenn sich viele und schließlich
alle Nationen zusammentun und bereit sind, zugunsten der Souveränität
der Menschheit auf einen Teil ihrer nationalen Souveränität
zu verzichten [...]. Eine verstärkte UNO [...] [ist] zweifellos
die Voraussetzung dafür, daß die Menschheit und ihre
gemeinsamen Errungenschaften zum Gegenstand des Gruppen-Narzißmus
werden können."
Lionel Curtis, je nach Blickwinkel Zerstörer des Britischen
Empire oder Schöpfer des Commonwealth, hat ebenso darauf hingewiesen,
daß es nicht allein auf eine Bewußtseinsentwicklung
ankommen kann. Einem entsprechenden Strukturwandel kommt eine ebenso
wesentliche Bedeutung zu. "Die Völkerbundsvereinigung hat
immer behauptet", so Curtis, "daß der Völkerbund imstande
gewesen wäre, den Krieg zu verhindern, wenn nur erstklassige
Staatsmänner die Politik der Mitgliedsstaaten geleitet hätten." Aber,
so der Einwand von Curtis, "ein System, das den Frieden der Welt
nur so lange sichern kann, als überdurchschnittliche Menschen
an seiner Spitze stehen, ist vielmehr eine ständige Gefahr
für den Frieden." Aus dieser Erkenntnis heraus habe der amerikanische
Verfassungskonvent vom 17. September 1778 den ursprünglichen,
losen amerikanischen Staatenbund von 1777 in einen echten Bundesstaat mit
einer neuen, föderalen Verfassung umgewandelt, also
auf einer höheren Strukturebene etabliert. Nicht Menschen,
sondern ein "veraltetes und schadhaftes System", meint Curtis,
habe den inneren Frieden Amerikas gefährdet. Die Analogie,
die Curtis hier zur UNO zieht, ist völlig einleuchtend: "Die
Vereinten Nationen sind leider wie die amerikanischen Bundesartikel
nur ein Versuch, eine auf einem Vertrag zwischen souveränen
Staaten begründete Regierung zu schaffen, ein Unterfangen,
das >nur eine Umschreibung für Regierungsunfähigkeit
ist<."
Worum es also geht, ist nichts anderes als die Ausbildung einer
politischen Einheit, welche die gesamte Welt umfaßt. Die
Reform der Vereinten Nationen bildet so den Kulminationspunkt zivilisatorischer
Prozesse im 21. Jahrhundert. Entscheidender Faktor wird dabei sein,
daß sich institutionalisierte Formen des Interessensausgleichs
und der Entscheidungsfindung herausbilden, in die möglichst
alle relevanten sozialen Einheiten gerecht und angemessen integriert
sind. An dieser Stelle wird die Parallelität zwischen
den grundlegenden Entwicklungsprozessen im Bereich des Bewußtseins
und der Weltordnung evident. In beiden Bereichen führen evolutionäre
Entwicklungsprozesse wechselwirkend auf eine gleichartige Herausforderung
hin: die Ausbildung einer qualitativ höheren integralen
Struktur durch Transzendierung und Bewußtmachung sowie eine
darauf folgende angemessen tarierte Neukonstellation der grundlegenden
Elemente zueinander. Im menschlichen Bewußtsein wird
so die mental-ichhafte Stufe unter Einbezug der archaischen, magischen
und mythischen Elemente transzendiert und in einer integralen Weltsicht
zueinander in Einklang gebracht. Die Überwindung des defizient
gewordenen Ego entspricht im strukturpolitischen Bereich der Überwindung
der auf dem Nationalstaat basierenden Weltordnung. Bei der europäischen
Integration können wir heute den am weitesten fortgeschrittenen
Entwicklungsprozess solcher Richtung beobachten. Ähnliche
Tendenzen lassen sich in allen Regionen der Welt beobachten:
Durch die von der Staatengemeinschaft selbst in Gang gebrachte
Liberalisierung der großregionalen und weltweiten Finanz-,
Dienstleistungs- und Gütermärkte ist nun eine wechselseitige
Eigendynamik zwischen Globalisierung und Integrationsdruck entstanden.
Sie hat ihren Ursprung in dem Bemühen der Staaten, im internationalen
System durch gezielte Kooperation Konkurrenzvorteile zu erlangen
oder für sie nachteiligen Entwicklungen entgegenzuwirken.
Es ist im Grundmuster das gleiche Prinzip, wie es auch bisher in
der Zivilisationsgeschichte sozialer Einheiten allgemein zum Tragen
gekommen ist. Lassen wir mal ein paar Schlaglichter vorüberziehen:
Am Rande eines Sondergipfels der 53 Mitgliedsländer der Organisation
für Afrikanische Einheit (OAU) im März 2001 begründeten
die versammelten Staatschefs die beschlossene Ablösung der
OAU durch die "Afrikanischen Union" mit einem panafrikanischen
Parlament, einem Gerichtshof und einer Zentralbank nach dem Vorbild
der EU damit, "daß im Rahmen der Globalisierung eine afrikanische
Einheit Vorteile für alle Mitgliedsstaaten bringe." Auf Grundlage
regionaler Zusammenschlüsse wie der Southern African Development
Community (SADC), der Economic Community of West African States
(ECOWAS) sowie der 1977 gescheiterten und 2001 neu gegründeten
East African Community (EAC) soll eine einheitliche afrikanische
Währungs- und Wirtschaftszone geschaffen werden. Zu einer
gemeinsamen Wirtschaftszone wollen sich auch die zehn südostasiatischen
Länder der ASEAN zusammenschließen. Bis 2010 ist die
Bildung einer Freihandelszone als Vorstufe zu einer Währungsunion
geplant. In einem "Jahrhundertprojekt" soll dann ein Zusammengehen
mit Japan, China und Südkorea in Angriff genommen werden.
Die Staatengemeinschaft verfolge den "hoch gesteckten Traum eines
ostasiatischen Marktes, einer ostasiatischen Währung und einer
ostasiatischen Gemeinschaft", so der philippinische Präsident
Joseph Estrada im November 1999.
Beim ersten südamerikanischen Gipfel im August 2000 in Buenos
Aires war von der Vision der "Vereinigten Staaten von Südamerika" die
Rede. Zunächst ist bis 2002 eine Freihandelszone anvisiert,
welche die Andengemeinschaft und den Mercosur-Zusammenschluß absorbieren
wird. Schon 1998 hatten sich die 34 Staats- und Regierungschefs
aller Staaten Amerikas bei ihrem zweiten Gipfeltreffen in Santiago
de Chile auf einen Zeitplan für die Schaffung der gemeinsamen
Freihandelszone FTAA bis 2005 verständigt, die von Alaska
bis Feuerland reichen wird.
Nach Vorstellung des ehemaligen israelischen Regierungschefs Ehud
Barak solle nach einem Friedensschluß Israels mit allen angrenzenden
arabischen Staaten eine regionale Organisation nach Vorbild des
ASEAN-Zusammenschlusses angestrebt werden, um "zur langfristigen
Stabilisierung der Beziehungen beizutragen." Jordaniens Prinz Hassan,
dessen Land 2000 ein symbolisches Freihandelsabkommen mit den USA
geschlossen hat, spricht sich bezeichnender Weise ebenso für "einen
neuen geistigen Ansatz" und vor allem für ein Konzept aus,
das "die gesamte Region in den Blick nimmt." Ein wirklich regionales
Konzept könne Anleihen nehmen bei europäischen Erfahrungen
und ein "extranationales Modell" entwickeln. "Wie die europäische
Integration im ersten Schritt auf der Grundlage von Eisen und Stahl
vollzogen wurde, so könnte das regionale Modell des Nahen
Ostens Öl, Wasser und andere Ressourcen zur Grundlage haben
[...]". Nur mit einem solchen "Modell Monnet" könne der Konfliktknoten
aus religiösem Fanatismus, Nationalismus und sozialer und
wirtschaftlicher Ungleichheit aufgelöst werden, meint Hassan.
Soweit wir davon ausgehen, dass die von Gebser und vielen anderen
befürchtete "globale Katastrophe" ausbleibt, führen diese
Entwicklungsprozesse auf die Herausbildung weltstaatlicher Strukturen
hinaus. Es wird deshalb nicht mehr allzu lange dauern, bis auch
der populäre Globalisierungsdiskurs auf dieses Thema einschwenken
wird, mit dem sich Weltföderalisten unter dem Eindruck des
Zweiten Weltkrieges bereits seit 1947 befassen. In einem Gastbeitrag
unserer Entwicklungshilfe-Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul
für die Frankfurter Rundschau von Anfang August dieses Jahres
deutet sich das beispielhaft an. Sie schreibt da zutreffend: "Wir
müssen [...] weiter denken als zum bisherigen >Global Governance
Ansatz<. Mit ihm hat sich ein komplexes vielschichtiges System
entwickelt, in dem die nationalen Regierungen Kompetenzen teilen
und auch delegieren, in dem lokale, regionale, globale Institutionen
und Akteure, auch aus dem privaten Sektor, ein neues Zusammenspiel
organisieren. Es geht jetzt auch um die Entwicklung weltstaatlicher
Strukturen." In einem Beitrag zur "Evolution nationalstaatlich
verfaßter Gesellschaften" schlägt Mathias Bös sehr
passend vor, die Analyse der Weltgesellschaft durch eine - wie
er es nennt - "Reterritorialisierung soziologischer Theorieformationen" zu
schärfen, also sozialräumlich mit einer Betrachtung von
Regionen, Staaten, Weltregionen und der schließlich der Welt
als Ganzes. Auf einer ordnungspolitisch austarierten Integration
dieser Ebenen in einem demokratischen und rechtsstaatlichen System
basiert der Weltföderalismus.
In einem von mir verfassten Bericht
der Gesellschaft für bedrohte Völker vom Mai 2000
ist genau diese Frage, die Gestalt weltstaatlicher Strukturen,
im Rahmen einer anstehenden, umfassenden Reform der UN thematisiert.
Das Thema UN-Reform und Weltordnungsstrukturen in allen seinen
Facetten ist uferlos. Ich möchte jetzt also nur noch einmal
festhalten, wie diese soziostrukturellen Prozesse den bewußtseinspsychologischen
Herausforderungen im Grundmuster ähneln und wie unlösbar
sie miteinander verbunden sind.
Auf dieser grob skizzierten Grundlage können wir jetzt
einem letzten Anlauf machen und uns der Frage nach globaler Ethik
nähern. Wie wir ganz am Anfang festgestellt haben, ist ein
Bewußtsein, das die differenzierte Wahrnehmung des Selbst
im Verhältnis zum anderen und der Umwelt einschließt,
ethischen Fragestellungen vorausgesetzt. Nun geht es hier aber
nicht um irgendeine, sondern um globale Ethik. Die Voraussetzung
ethischen Handelns auf globaler Ebene ist also ein Bewußtsein,
dass nicht nur sich selbst, sondern auch seine Umwelt und den Nächsten im
globalen Zusammenhang differenziert wahrnehmen kann. Globale
Ethik ist deshalb, bevor man sie überhaupt näher definieren
kann, von einer zumindest annähernd integralen Weltsicht,
sowohl strukturpolitisch, als auch bewußtseinspsychologisch,
abhängig.
Dieser Erkenntnis entsprechend ist für die Mitglieder des
Club of Budapest die Entwicklung des Bewußtseins, der Weltordnung
und einer globalen Ethik eine "Parallelstrategie". In dem 1996
vorgestellten "Manifest über globale Verantwortung" heißt
es: "Am Ende des 20. Jahrhunderts sind wir an einem historischen
Scheideweg angekommen: in sozialer, spiritueller wie kultureller
Hinsicht stehen wir unmittelbar an der Schwelle zu einer neuen
Stufe unserer Entwicklung. Der Unterschied zu früheren Dekaden
dieses Jahrhunderts ist dabei ebenso grundlegend wie jener zwischen
Höhlenmensch und Viehzüchter, Nomade und Dorfbewohner.
[...] Welche Maßnahmen wir auch immer ergreifen mögen.
Wir schaffen mit ihnen entweder den Rahmen für den Aufbau
einer friedlichen, kooperativen globalen Gesellschaft und schreiben
damit das große Abenteuer des Lebens, des Geistes und des
Bewußtseins auf dieser Erde fort, oder wir inszenieren das
Ende der Menschheit." Solange die planetarische Dimension nicht
Bestandteil menschlichen Geistes und Bewußtseins sei, würde
die Tendenz zur letzteren Option immer weiter zunehmen. Globales
Bewußtsein aber umfasse das Wissen um und das Gefühl für
die vitale Interdependenz und die grundsätzliche Einheit der
Menschheit. Ein solches Bewußtsein beinhalte die bewußt
vollzogene Annahme der Ethik, die mit dieser Erkenntnis verbunden
ist. Hans Küng schließlich stellt explizit fest, dass
es ohne ein Weltethos auch keine tragfähige Weltordnung geben
kann.
Dieses Weltethos existiert bereits. Es vereint Werte, Überzeugungen
und Normen, die alle Menschen verbinden, gleich welcher sozialen
Herkunft, welchen Geschlechts, welcher Hautfarbe, Sprache oder
Religion. Die "Erklärung zum Weltethos" des Weltparlaments
der Religionen vom 4. September 1993 in Chicago beschreibt diese
gemeinsame Grundlage aller Menschen in der Welt auf eindrucksvolle
Weise. Mit Weltethos bezeichnet die von Vertretern aller großen
spirituellen und religiösen Richtungen erarbeitete Erklärung
einen weltweiten Grundkonsens bezüglich bestehender verbindender
Werte, unverrückbarer Maßstäbe und persönlicher
Grundhaltungen. Im "Blick auf eine neue Weltordnung" ruft das Weltparlament
der Religionen diese ethischen Normen in Erinnerung. Als ein grundlegendes
Prinzip wird die sogenannte "goldene Regel" hervorgehoben: Was
Du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen
zu. Aus diesem Prinzip entwickelt die Erklärung vier umfassende
uralte Richtlinien, die sich nach Ansicht ihrer zahlreichen Verfasser
in den Religionen der Welt finden. Ich möchte sie in aller
Kürze ansprechen:
1. Hab Ehrfurcht vor dem Leben - Das heißt: Jeder
Mensch hat das Recht auf Leben, körperliche Unversehrtheit
und freie Entfaltung der Persönlichkeit, soweit er nicht die
Rechte anderer verletzt. Kein Mensch hat das Recht, einen anderen
physisch oder psychisch zu quälen, zu verletzen, gar zu töten.
2. Du sollst nicht stehlen - Kein Mensch hat das Recht,
einen anderen Menschen zu bestehlen oder zu übervorteilen.
Zugleich, so die Erklärung, würde Eigentum verpflichten.
Sein Gebrauch solle zugleich dem Wohl der Allgemeinheit dienen.
3. Du sollst nicht lügen - oder: Rede und handle
wahrhaftig.
4. Achtet und liebet einander - Ohne partnerschaftliches
Zusammenleben in der Familie gibt es keine wahre Menschlichkeit.
Kein Mensch hat das Recht, einen anderen zum bloßen Objekt
seiner Sexualität zu erniedrigen oder das andere Geschlecht
zu diskriminieren.
Mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948
haben wir im Rahmen der UN darüber hinaus einen konkreten
Katalog vorliegen, an den wir uns halten können. Nicht umsonst
hat Chicago diese Erklärung in Erinnerung gerufen. Was die
Allgemeine Erklärung der Menschenrechte auf der Ebene des
Rechts proklamiert hat, wird vom Ethos her bestätigt und vertieft: "Die
volle Realisierung der Unverfügbarkeit der menschlichen Person,
der unveräußerlichen Freiheit, der prinzipiellen Gleichheit
aller Menschen und der notwendigen Solidarität und gegenseitigen
Abhängigkeit der Menschen voneinander."
Autoritäre Regierungen weisen immer wieder darauf hin, daß die
Allgemeine Erklärung der Menschenrechte westlicher Denkart
entspringe und ihre Werte deshalb nicht auf ihre jeweilige Kultur übertragen
werden dürften. Malaysias Ministerpräsident Mahathir
bin Mohamad machte zum 50jährigen Jubiläum der Erklärung
1997 den Vorschlag, sie zu ändern oder ganz aufzuheben. Die
Begründung: die Erklärung fuße fast ausschließlich
auf Individualrechten, während die Rechte der Gemeinschaft
vernachlässigt würden. In Südostasien sei nun einmal
aber das Gruppengefühl stärker. Sri Lankas Präsidentin
Chandrika Kumaratunga betrachtet einen so begründeten "Wertekonflikt" als
Manöver, um "von einer Vielzahl von Vergehen" abzulenken.
Der ehemalige Vorsitzende des malaysischen Anwaltsvereins und UN-Sonderberichterstatter über
die Unabhängigkeit der Justiz, Dato' Param Cumaraswamy weist
auf die umfassende Ratifizierung der Allgemeinen Erklärung
der Menschenrechte in nicht westlichen Staaten hin, um ihre universale
Gültigkeit vor Augen zu führen. Das von der AEMR durch
Individualrechte betonte Individualbewußtsein ist in jedem
Menschen angelegt. Der Vorschlag von Mahathir hatte tatsächlich
keine auch nur annähernde Chance, verwirklicht zu werden.
Die Einwände gegen das Vorhandensein einer gemeinsamen Wertegrundlage
sind stets machtpolitisch begründet. Wie wir gesehen haben,
hat diese Haltung im Kern eine bewußtseinspsychologische
Ursache.
In seinem Buch über die "neue Utopie der Freimaurerei" stellt
Giuliano Di Bernardo die Übereinstimmung zwischen freimaurerischer
Ethik und den vom Weltparlament der Religionen entwickelten Grundsätzen
fest. Dieses Ergebnis ist nicht überraschend, schließlich
wirken in der Freimaurerei Menschen aller Religionen. Es waren
außerdem vor allem Freimaurer, die sich im Rahmen der amerikanischen
Unabhängigkeit und der französischen Revolution für
die Verwirklichung allgemeiner Menschenrechte eingesetzt haben.
Durch die Verbreitung aufklärerischen Gedankenguts haben die
Logen durch ihre praktische universelle Ethik in erheblichem Maße
auch ein neues Bewußtsein verbreitet.
War die Souveränität zunächst eine Eigenschaft
der Feudalherren und absolutistischen Herrscher, verwandelte sie
sich bei der Entstehung des modernen Nationalstaats im Zuge der
Französischen Revolution 1789 im Innern in die Souveränität
des Volkes und nach außen in die des Staates. Der republikanische
Staat trat in dieser Hinsicht nahtlos das Erbe der Monarchien an.
Die Wertneutralität ermöglichte den Verkehr zwischen
verschiedenen Staaten über alle politischen, wirtschaftlichen
und ideologischen Gegensätze hinweg. Diese Konzeption entsprach
der überschaubaren Interdependenz des Zeitalters der Postkutschen
und Reiterkuriere. Es ist jetzt an der Zeit, den Nationalstaat
als das zu erkennen, was er ist: ein notwendiges Übergangsstadium
auf dem Weg zu einer föderalen Weltrepublik. Die Freimaurerei
hat dazu beigetragen, universale Werte auf nationalstaatlicher
Ebene zu verwirklichen. Die Aufgabe der Zukunft ist es, diese Werte
global umzusetzen. Ich habe heute versucht zu zeigen, dass dieses
Vorhaben von menschheitsgeschichtlicher Bedeutung ist.
Als Symbol des integralen Bewußtseins sieht Jean Gebser
eine sich drehende Kugel, Sinnbild der Einheit der drei räumlichen
Dimensionen und der Zeit. Ich möchte deshalb mit Zitaten von
zwei Astronauten schließen:
Den Himmel liebte ich Zeit meines Lebens. Und als sich die
Gelegenheit ergab, dass ich fliegen konnte, wollte ich höher
hinaus und als Gipfelstürmer bis ins unendliche Weltall.
Nach acht Flugtagen im Weltraum erkannte ich, daß der Mensch
die Höhe vor allem braucht, um die Erde, die so vieles durchlitten
hat, besser zu verstehen und manches zu erkennen, was aus der
Nähe nicht wahrgenommen werden kann. Nicht allein, um von
ihrer Schönheit in Bann geschlagen zu werden, sondern auch
um zu einem Verantwortungsgefühl dafür zu finden, daß nichts,
was wir tun, die Natur in auch nur geringstem Maße Schaden
leiden lassen darf. Pham Tuan, Vietnam
Für diejenigen, die die Erde aus dem Weltraum gesehen
haben, und für die Hunderte und vielleicht Tausende, die
es noch tun werden, verändert das Erlebnis sehr wahrscheinlich
ihre Weltsicht. Die Dinge, die wir auf der Erde miteinander teilen,
werden viel wertvoller als jene, die uns trennen. Donald Williams,
USA
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