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Globale Ethik, Strukturwandel und Bewußtsein

Vortrag von Andreas Bummel bei der Freimaurerloge Johannes der Evangelist zur Eintracht in Darmstadt, 19. September 2001

Die aktuellen Ereignisse werfen einen dunklen Schatten über das Thema meines heutigen Vortrages. Die verheerenden Terroranschläge in New York und Washington haben mich zutiefst erschüttert. Die Anschläge am 11. September 2001 stellen einen geschichtlichen Wendepunkt dar. Ein Kollege aus der Zukunftsforschung hat in einem Telefongespräch völlig zutreffend festgestellt: Die Zukunft hat sich verändert, ob zum Guten oder Schlechten, wird sich zeigen. Für mich persönlich steht dieses Datum für den Einbruch des Unfassbaren in die Wirklichkeit. Die Entführung von vier Linienmaschinen durch fanatische Selbstmörder, die Zerstörung des World Trade Center mit tausenden von Toten ist kein Stück aus einem schlechten Actionfilm. Die Entwicklungen unserer Zeit stehen seit dem 11. September 2001 in einem völlig neuen Licht da. Auch das Unvorstellbare ist möglich geworden. Das Thema über das ich heute mit Euch sprechen möchte, ist das Verhältnis zwischen globaler Ethik, Strukturwandel und Bewußtsein.

Die terroristischen Anschläge in den USA haben uns in monströser Weise erneut vor Augen geführt, wie zerbrechlich die Stabilität unserer hoch komplexen modernen Gesellschaft und ihrer Funktionsbereiche ist. Im zu Ende gegangenen Jahrhundert wurde deutlich, daß das Denken und Fühlen des Menschen weit hinter seinen technologischen und ökonomischen Entwicklungen zurückbleibt. Mit dem Wahnsinn des modernen Krieges und millionenfachen Völkermord steht es für die größten Fehlleistungen der menschlichen Geschichte. Erich Fromm hat völlig zutreffend festgestellt, daß wir in einer historischen Epoche leben, "die durch eine scharfe Diskrepanz gekennzeichnet ist zwischen der intellektuellen Entwicklung des Menschen, die ihn zur Entwicklung der schlimmsten Vernichtungswaffen geführt hat, und seiner geistig-emotionalen Entwicklung, die ihn noch im Zustand eines ausgeprägten Narzißmus mit all seinen pathologischen Symptomen stecken bleiben ließ".

Ethik beschreibt Normen und Maximen der Lebensführung, die sich aus der Verantwortung gegenüber anderen herleiten. Sie ist der Teil der Philosophie, der die Moral behandelt und Wertvorstellungen wie "gut" und "böse" hinterfragt. Schon hier deuten sich die Verbindungen praktisch verstandener Ethik zur Bewußtseinspsychologie an: Wie wir gesehen haben, hält Fromm krankhafte Selbstbezogenheit in unserer Zeit für charakteristisch. Ein Merkmal des pathologischen Narzißmus ist aber die mangelhafte Fähigkeit, sich in andere einfühlen zu können. Die Wirkung des krankhaft narzistisch Handelnden auf das Gegenüber wird nur begrenzt erkannt, das Gegenüber verdinglicht. Das Bewußtsein ist hier fest an die auf das Selbst und durch seine Interessen interpretierte Wahrnehmung gebunden. Ethisch differenzierte Sichtweisen werden blockiert und letztlich auf die allgemeinsten verfügbaren Kategorien von "gut" und "böse" verengt, die zur Rechtfertigung eigenen Handelns herangezogen werden. Die spontanen Übergriffe gegen Muslime in den USA in diesen Tagen basieren auf dieser Typisierung, so wie Verschwörungstheoreme überhaupt.

Ein Bewußtsein, das die differenzierte Wahrnehmung des Selbst im Verhältnis zum anderen und der Umwelt einschließt, ist ethischen Fragestellungen vorausgesetzt. Wenn wir Inhalt und Grundlage einer globalen Ethik untersuchen möchten, ist damit also eine Betrachtung der spezifischen Gestalt der bewußtseinspsychologischen Voraussetzungen unlösbar verbunden. Dass die Menschheit dabei ist, die existentiellen Grundlagen des Ökosystems Erde zu vernichten, dass sie sich in die Lage versetzt hat, sich mittels Massenvernichtungswaffen selbst auszulöschen, macht unsere Epoche welthistorisch einzigartig. Die offensichtliche Unfähigkeit des Menschen, dieser Herausforderung nachhaltig zu begegnen, begründet unsere Überlegungen zu einer globalen Ethik. Eine solche Ethik wäre Ausdruck eines geänderten Bewußtseins und Triebkraft für ordnungspolitischen Strukturwandel auf allen Ebenen. Diese Wechselwirkungen werden wir im politischen und historischen Kontext später noch betrachten. Es ist gerade die Diskrepanz zwischen der - wenn überhaupt - langsamen Weiterentwicklung menschlichen Bewußtseins und der seit dem 18. Jahrhundert immer rapider fortschreitenden technologischen Entwicklung, die das Spannungsfeld des gegenwärtigen, welthistorischen Umbruchs ausmacht.

Neben Fromm hat auch der Bewußtseinspsychologe Jean Gebser in seinem Werk "Ursprung und Gegenwart" auf diese Kluft aufmerksam gemacht: "Was wir heute erleben", schrieb Gebser um 1948, "ist eine Weltkrise und Menschheitskrise, wie sie bisher nur in Wendezeiten auftrat, die für das Leben der Erde und der jeweiligen Menschheit einschneidend und endgültig waren. Die Krise unserer Zeit und unserer Welt bereitet einen vollständigen Umwandlungsprozeß vor, der [...] einem Ereignis zuzueilen scheint, das von uns aus gesehen nur mit dem Ausdruck >globale Katastrophe< umschrieben werden kann, [...] sich als eine Neukonstellation planetaren Ausmaßes darstellen muß. Und wir sollten uns darüber im klaren sein, daß uns bis zu jenem Ereignis nur noch einige Jahrzehnte verbleiben." Jetzt kommt das Entscheidende: "Diese Frist ist durch die Zunahme der technischen Möglichkeiten bestimmt, die in einem exakten Verhältnis zu der Abnahme des menschlichen Verantwortungsbewußtseins steht."

Das Ende des Kalten Krieges und damit auch das Ende einer unmittelbaren Bedrohung durch einen umfassenden nuklearen Schlagabtausch zwischen den USA und der damaligen UdSSR tun dieser Prognose leider keinen Abbruch. Vor dem Hintergrund der aktuellen Terroranschläge, aber auch Angesichts der zu erwartenden Entwicklungen im Bereich der Bio- und Nanotechnologie ist ihr Grundsachverhalt nach wie vor offensichtlich. Jeremy Rifkin von der Foundation of Economic Trends in Washington D.C. spricht lakonisch von der "Neuerschaffung der Welt": "Nie zuvor in ihrer Geschichte ist die Menschheit derart unvorbereitet gewesen auf die neuen technologischen und ökonomischen Möglichkeiten, Herausforderungen und Risiken, die sich an ihrem Horizont abzeichnen. Unsere Lebensweise wird sich in den nächsten Jahrzehnten vermutlich tiefgreifender verändern, als in den vergangenen tausend Jahren." In der kombinierten Anwendung von Genetik, Nanotechnologie und Robotik sieht Bill Joy, Entwicklungschef der Firma Sun Microsystems, in den nächsten Jahrzehnten weitaus größere Gefahren als die der "klassischen" Massenvernichtungswaffen heraufziehen. In einem dramatischen Appell hat er darauf hingewiesen, daß in den nächsten dreißig Jahren mit der technischen Verwirklichung virusähnlicher, selbstreplizierender Roboterorganismen auf Molekularebene zu rechnen ist. Einen entsprechenden Essay vom April 2000 hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung mit dem Brief von Albert Einstein an US-Präsident Roosevelt vom 2. August 1939 verglichen, in dem er diesen dazu aufgefordert hat, die Entwicklung der Atombombe in staatliche Hand zu nehmen, um dem Dritten Reich zuvorzukommen.

Die Bedrohung durch atomare, biologische und chemische Waffensysteme besteht außerdem weiterhin fort. Entscheidendes Gewicht kommt der wachsenden Gefahr der Weiterverbreitung der Waffentechnologien und von Spaltmaterialien an andere Staaten und terroristische Gruppen zu. 1980 gab es nach Erkenntnissen des Bundesnachrichtendienst (BND) drei Länder in der Dritten Welt, die Raketentechnologie zu erwerben suchten: Libyen, der Irak und Nordkorea. Im Jahr 2000 arbeiteten bereits neun Länder, die meisten davon im Nahen und Mittleren Osten, an nationalen Raketenprogrammen; gleichzeitig arbeiteten fast alle diese Staaten an der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen. Nach Einschätzung des BND wird etwa der Irak um 2005 über Raketen mit 3000 Kilometern Reichweite verfügen, die dann auf Ziele in Ost- und Süddeutschland abgefeuert werden könnten. Bestückt mit nur einem Kilogramm Milzbrand-Bakterien würde ein solcher Angriff zur Verseuchung eines Gebiets von der Größe von zehn Quadratkilometern führen. Der Tod von 70 bis 80 Prozent der betroffenen Bevölkerung binnen weniger Tage wäre die Folge. Wie die im August 1998 aus dem Irak abgezogenen UN-Inspektoren ermitteln konnten, verfügte Bagdad Anfang der neunziger Jahre bereits über eine ganze Reihe bakteriologischer Kampfstoffe, darunter 8,5 Tonnen Milzbranderreger.

Der moralische, politische und soziale Niedergang der Welt wurde schon um die Jahrhundertwende vor dem Ersten Weltkrieg beklagt. In seinem Werk "Untergang des Abendlandes" beschreibt Oswald Spengler die abendländische Gegenwart 1917 als niedergehenden Endzustand. Ganz im Gegensatz dazu steht Jean Gebser. Es läßt sich kein größerer Unterschied denken, als der zwischen den von Spengler postulierten biologischen Alterungsphasen völkischer Kulturen - ihrem Wachsen, Reifen und Absterben - und dem von Gebser quer durch die Völker beobachteten Anwachsen des Bewußtseins von Stufe zu Stufe, in Gebser Worten von Mutation zu Mutation. Der apokalyptische Kulturpessimismus nach Spengler hat für Gebser vor allem eine "den Geist unterminierende Wirkung". "Eine Überwindung des jetzigen Zustandes der Welt, die wahrscheinlich ihren rationalistischen und technokratischen Höhepunkt bald erreichen wird, kann weder durch die Ratio noch durch die Technokratie, aber ebensowenig durch ein Predigen und Mahnen zu Ethos und Moral oder durch ein irgendwie geartetes Zurück geschehen", stellt Gebser fest. Und weiter: "Wir können nur eins tun: In der Betrachtung aller Äußerungen unserer Zeit so weit und so tief vorzustoßen, daß uns die dämonischen und zerstörenden Aspekte nicht mehr bannen, so daß wir nicht nur sie sehen, sondern hinter und unter ihnen die unermeßlich starken Keimlinge des Neuen wahrnehmen, für das die einstürzende Welt den Humus liefert."

Das Fundament, um dieses Neue zu orten, ist zunächst die Erkenntnis, dass sich das menschliche Bewußtsein in der Menschheitsgeschichte beständig transformiert und differenziert hat. In der Tradition von Jean Gebser steht hier vor allem Ken Wilber, der wichtigste Theoretiker der transpersonalen Psychologie. Seiner Auffassung nach ist Geschichte im wesentlichen die Entfaltung einer Reihenfolge immer höherer Strukturen. Folgen wir diesem Konzept, lassen sich für das menschliche Bewußtsein verschiedene Evolutionsstufen identifizieren, die sich über Jahrtausende im fließenden Übergang nach und nach entfaltet haben. Dies darzustellen, wäre alleine mindestens einen eigenen Vortrag wert. Ich muß mich deshalb beschränken und vereinfachen, vor allem, weil wir ja diese Entfaltung später noch im Zusammenhang des weltgeschichtlichen Strukturwandels betrachten möchten.

Jede Stufe der Evolution transzendiert und umfaßt alle vorherigen. Die frühen Lebensformen wie Pflanzen zum Beispiel gingen über leblose Materie und Minerale hinaus, bewahrten sie aber in ihrer biologischen Zusammensetzung. Die Tiere gingen über die einfachen pflanzlichen Lebensformen hinaus, schlossen deren Leben aber in ihren eigenen körperlichen Aufbau ein. Ebenso entwickelte sich der Mensch über das Animalische hinaus, behielt aber animalische Eigenschaften. Als die ersten Hominiden aus der Evolution hervorgingen, entwickelten sie sich um einen Kern natürlicher und animalischer Strukturen, die bereits durch die frühere Evolution definiert waren. Der Urmensch begann seinen Weg eingehüllt in die unbewußten Bereiche von Natur und Körper, von Pflanze und Tier. Beherrscht von animalisch-reptilhaften Impulsen war seine Welt und sein Ich undifferenziert, verschmolzen. Dieser archaische Urgrund des menschlichen Bewußtseins wird unter anderem durch den mythologischen Ausdruck "Uroboros" bezeichnet. "Uroboros" ist das uranfängliche mythische Symbol der Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Es bedeutet selbstbezogenheit, allumfassend aber undifferenziert, paradiesisch, aber reptilhaft. Uroboros ist die Bewußtseinsstruktur, die den Hintergrund der universalen Mythen vom Garten Eden bildet, der Zeit vor dem Sündenfall.

Ausgehend von dieser uroborischen Stufe hat sich das menschliche Bewußtsein bisher in vier größere aufeinander folgende Strukturen differenziert. Gebser nennt diese in "Ursprung und Gegenwart" archaisch, magisch, mythisch und mental. Wie ich schon gesagt habe, die Übergänge sind natürlich fließend. Die archaische Ebene haben wir bereits betrachtet, es ist die uroboische. In der magischen Struktur tritt der Mensch aus der nulldimensionalen, archaischen Welt der Identität in die eindimensionale der Unität hinaus. Als Symbol der Eindimensionalität deutet der Punkt eine erste Zentrierung im Menschen an. Es beginnt ein erstes, schemenhaftes Gegenübersein, der Mensch beginnt zu wollen, Trieb und Instinkt entfalten sich und bringen ein durch sie bedingtes und betontes Bewußtsein hervor, das in einem "Wir" des Clans, der Sippe oder dem Stamm verwurzelt ist. Die Konzentration dieses schlafhaften Wollens auf ein Objekt, so Jean Gebser, war ohne Zweifel bewußtseinsbildend, als das es gleichzeitig eine Zentrierung der psychischen Energie im Menschen mit sich bringen mußte.

War die archaische Struktur Ausdruck der nulldimensionalen Identität und der ursprünglichen Ganzheit, war die magische Ausdruck der eindimensionalen Unität und naturverwobenen Einheit, so ist die folgende mytische Struktur ein Ausdruck der zweidimensionalen Polarität. War das Charakteristische der magischen Struktur die Bewußtwerdung der Natur, so ist es im Mythischen die Bewußtwerdung der Seele, also der Innenwelt. Ihr Symbol ist der Kreis. Nach Gebser enthält jeder Mythos ein Bewußtwerdungs-Element, insofern er den Bewußtwerdungs-Prozeß der Seele spiegelt. Mythologien nehmen nach seiner Ansicht Gestalt an, sobald der Mensch der Seele ansichtig wird. Diesen Prozeß erzählt er mythisch, in bildhafter Weise. So interpretiert Gebser den Mythos von Narziß auf folgende Weise: "Narziß [...], der seiner Selbst im Spiegel des Wassers ansichtig wird, der also (mythisch gesprochen) in die Seele schaut, schaut damit sich selber und wird sich seiner eigenen Existenz bewußt."

Das Erwachen des Denkens im Menschen sieht Gebser unter anderem im Mythos von der Geburt der Athene erzählt: "Athene entspringt [...] dem Haupte des Zeus; sie ist das Bild des Gedankens, des bewußten Denkens, das auch die dunklen Zusammenhänge [...] zu sehen vermag: denn Athene ist eulenäugig; ihr Attribut ist die Eule, der Vogel [...] der auch im Dunkeln sieht, dem die Nacht Tag ist."

Im Übergang in die heute vorherrschende mentale Ebene tritt der Mensch aus der Geborgenheit des zweidimensionalen Kreises in den dreidimensionalen Raum hinaus. Die Welt tritt dem mentalen Bewußtsein als tief getrennt von ihm gegenüber. Das selbstreflexive Ego entsteht und wird sich einer ihm fremden Außenwelt gewahr. War die Ausdrucksform der mythischen Struktur das Mythologem, so ist sie im mentalen Bewußtsein das Philosophische. Während das Mythologem, in archetypischen Erfahrungen wurzelnd, allgemeingültigen Charakter hat, ist die Philosophie nur von individueller Gültigkeit. Mit der Entfaltung der mentalen Struktur geht vor allen Dingen die räumlich und gedanklich gerichtete Betrachtung einher, die in der Entdeckung der Perspektive wurzelt. "Ich denke, folglich bin ich", sagte René Descartes als Antwort auf Gassendis "Ich gehe umher, folglich bin ich". Hier liegen die Grundlagen der technologischen Entwicklung: im rationalen, gerichteten Denken, aus dem sich beispielsweise die Kunst der technischen Zeichnung, der Architektur und lineares Zeitbewußtsein herausbildet.

Das mental-egoistische Bewußtsein hat stark destruktive Züge. Darauf weist Ken Wilber hin: "Mit der Ego-Ebene erreichen wir eine Evolutionsstufe, auf der das separate Ich so komplex und so >stark< ist, daß es sich nach seinem Ausbrechen aus der früheren unbewußten Bindung an Kosmos, Natur und Körper mit einem bisher ungekannten Rachegefühl gegen diese früheren Stufen wendet, die doch ebenfalls Ebenen der eigenen vielschichtigen Individualität geworden sind. [...] Das Ego transformierte sich nicht nur aus der [magischen] und der Gruppenzugehörigkeits-Struktur heraus nach oben, sondern verdrängte beide mit Heftigkeit. Das Ego wurde aggressiv und arrogant." Eine Ursache für psychopathologische Entwicklungen ist also vor allem die Unterdrückung wesentlicher, auf den vorherigen Entwicklungsstufen basierender Persönlichkeitselemente.

Während die moderne Welt auf hoch komplexen Technologien basiert, die erst durch die rational-ichhafte Ebene möglich wurden, hat eine Mehrheit der Menschen diese bis heute überhaupt nur bedingt erreicht oder ist schon in die destruktive Phase eingetreten. Betrachten wir kurz den Terrorismus islamistischer Gruppen unter diesem Gesichtspunkt. Bassam Tibi stellt allgemein fest: "In Europa gab es Reformation, Aufklärung und die große Französische Revolution, d.h. historische Ereignisse, die dem europäischen kulturellen Projekt der Moderne und seinem rationalistischen Weltbild zugrunde liegen. [In der] arabo-islamischen, kulturell bedingten Wahrnehmung ist kein Platz für Individuen, die als Subjekte handeln. [...] Ein Individuum aus den eigenen Reihen muß stets im Einklang mit dem eigenen Kollektiv denken und handeln, wenn es nicht als >Verräter< sein Leben aufs Spiel setzen möchte. [...] In einer manichäisch zweigeteilten Welt, in der das Gute auf der eigenen Seite und das Böse [...] auf der anderen steht, gibt es nur eine Lösung für den >Verräter<, die physische Liquidierung." Der Glaube an ein ewiges Leben im Paradies bei einem Tod als Märtyrer im dhjhad als wesentliche Triebkraft deutet aber doch darauf hin, dass hier die Sehnsucht nach Überbrückung einer als schmerzlich empfundenen Trennung des Ich von seiner Außenwelt empfunden wird.

Diese bewußtseinspsychologische Tendenz zurück in vorherige Entwicklungsstufen können wir, wenn auch in anderer Gestalt, auch sonst beobachten: anhand der visuellen Massenmedien oder des esoterischen Mainstreams sehen wir, wie gegenwärtig eine rückläufige Entwicklung in Richtung auf präpersonale, kultische und narzißtische Zielsetzungen kultiviert wird. Ein Zurücksinken ins bildhafte Irrationale. Ist es symptomatisch, dass George W. Bush in einer ersten Stellungnahme vor einer Woche von einem "monumentalen Kampf zwischen Gut und Böse" gesprochen hat?

Im Sinne von Jean Gebser möchte ich mich aber auf die Keimlinge des Neuen konzentrieren. Wir haben jetzt eine gewissen Vorstellung der bisherigen Evolution des menschlichen Bewußtseins gewonnen und sehen die Konflikte, denen das Ego unterworfen ist. Nun hat es zentrale Bedeutung, dass die Entfaltung des Bewußtseins bei der mentalen Ebene nicht an ein Ende angekommen ist. Neben der Unterdrückung vorheriger Stufenelemente und der Tendenz dorthin zurück, hat die Bewußtseinspsychologie eine über das Ego hinausgehende transpersonale Ebene identifiziert. Diese ins Transzendente weisende Ebene bezeichnet Wilber als "gegenwärtiges und höheres Potential jedes Menschen, der sich darum bemüht, sich über das mental-ichhafte Stadium hinaus zu entwickeln und zu transformieren." Diese Umwandlung erfolgt vom Grundmuster her, auf die gleiche Weise, wie die Übergänge zwischen den vorherigen Stufen vor sich gegangen sind: Indem das Bewußtsein die Vergänglichkeit seiner gegenwärtigen Ebene akzeptiert, sich von dieser Ebene differenziert und sie dadurch zur nächsthöheren Ebene transzendiert. In unserer historischen Situation heißt das konkret, daß der Mensch seine mental-ichhafte Fixierung sterben lassen, sich von ihr differenzieren und sie transzendieren muß. Statt Unterdrückung und Zurücksinken besteht dieser Prozeß aus Transzendenz und Weiterentwicklung. Auch wenn das Durchschnittbewußtsein bisher so gut wie garnicht betroffen ist, lassen sich doch die ersten Ausläufer dieses Neuen identifizieren.

Die auf das mental-Ichhafte folgende Bewußtseinsstufe bezeichnet Jean Gebser als integrale Struktur: Dem Menschen werden nicht nur die verschiedenen Strukturen durchsichtig und bewußt, die ihn konstituieren, sondern er wird auch ihrer Auswirkungen auf sein eigenes Leben und Schicksal gewahr. Durch ein solches Bewußtwerden seiner eigenen Konstitutionsprinzipien versetzt sich der Integrierende in die Lage, die übergewichtig und damit destruktiv wirkenden Komponenten seiner Selbst durch eigene Einsicht zu meistern. Dieser Prozeß ist nicht als Bewußtseinserweiterung, sondern als Intensivierung, als Umlagerung der im Menschen angelegten Bewußtseinsebenen zu verstehen. Und gerade durch diese Umlagerung kommt in Wahrnehmung und Bewußtsein das qualitativ Neue der integralen Weltsicht zum Vorschein.

Beginnend mit der Entdeckung der Neuen Welt im 16. Jahrhundert leben wir heute erstmals in der Menschheitsgeschichte in einer den gesamten Globus umfassenden, hochgradig interdependenten Weltzivilisation. So rapide die technologischen Fähigkeiten sich weiterentwickeln, so zurückgeblieben ist nicht nur das menschliche Bewußtsein, sondern damit einhergehend auch unsere politische Struktur. Die Vereinten Nationen als weltweit einzige politische Organisation mit universalem Anspruch ist ein Konglomerat aus mittlerweile 189 sich als souverän verstehenden Nationalstaaten. Die 1945 in San Francisco im Gründungsakt angenommene UN-Charta stellt nur einen völkerrechtlichen Vertrag zwischen diesen Staaten dar. Die UN-Generalversammlung als Vertretungsorgan aller Staaten kann nichts Verbindliches beschliessen. In einem schwerfälligen Konferenzmarathon versucht die Staatengemeinschaft also, auf die neuen Rahmenbedingungen angemessen zu reagieren. Auf die Aushandlung eines multilateralen Abkommens im Rahmen der UNO, ihrer Regional- und Sonderorganisationen oder speziellen Bevollmächtigten-Konferenzen, folgt ein langwieriger Ratifikationsprozess in der Staatengemeinschaft. Soweit eine bestimmte Mindestzahl erreicht wurde, hat ein Abkommen jeweils nur in solchen Staaten Geltung, die ihm durch zumeist parlamentarische Ratifikation beigetreten sind. Wird die Mindestzahl nicht erreicht, bleibt das Abkommen außer Kraft. Vorbehaltsklauseln in der nationalen Gesetzgebung bei der Zustimmung zu einem völkerrechtlichen Abkommen sind nicht selten zu finden. Die Umsetzung einer so geschlossenen völkerrechtlichen Vereinbarungen liegt dann letzten Endes auch noch beim Vertragsstaat selbst. Trotzdem wird der erhebliche Koordinierungsbedarf auf internationaler Ebene in den 514 bis Mai 2000 beim UN-Generalsekretär hinterlegten multilateralen Verträgen sichtbar, die das gesamte Spektrum menschlicher Aktivität abdecken. Tatsächlich ist das internationale System, erst recht ein einzelner Staat, völlig überfordert. Die Anschläge in den USA sollten uns jetzt wieder deutlich vor Augen geführt haben, dass dies gerade auch im sicherheitspolitischen Bereich gilt.

Das völkerrechtliche Prinzip der nationalstaatlichen Souveränität ist angesichts des Entwicklungsstandes der Wirtschaft, Wissenschaft und Technologie ein offensichtlicher Anachronismus aus dem Zeitalter der Postkutschen. Dieses noch heute gültige Prinzip wurde im Zuge der Beilegung des Dreißigjährigen Krieges durch den Westfälischen Frieden von Münster und Osnabrück vor mehr als 350 Jahren verankert. Als am 24. Oktober 1648 die Verträge zwischen dem Deutschen Reich, Frankreich und Schweden abgeschlossen wurden, dauerte es neun Tage, bis die Nachricht vom Ende des Konflikts in Prag angekommen war. Von Münster nach Paris dauerten die Depeschen regelmäßig zehn Tage. Von Osnabrück nach Stockholm liefen die Berichte sechzehn Tage. Am längsten mußte Madrid warten: ein Sonderkurier konnte den Weg bestenfalls in zwanzig Tagen zurücklegen. Heute übermitteln wir jede nur denkbare Nachricht in Bruchteilen einer Sekunde um den Erdball.

Mit Glasnost und Perestroika hat Michail Gorbatschow als Präsident der Sowjetunion wesentlich zur Beendigung des Kalten Kriegs beigetragen. Noch Anfang der 80er Jahre kippten die Zukunftserwartungen in Westeuropa nach dem NATO-Doppelbeschluß in apokalyptische Endzeitvisionen von einer nahen atomaren Selbstauslöschung der Menschheit um. Dieses Inferno wurde vorerst abgewandt, die Weltkrise als solche besteht weiter. Gorbatschow sah sich durch eine veränderte Einstellung motiviert. Sein sogenanntes "neues Denken" charakterisiert er wie folgt: "Letzten Endes muß der vernunftbegabte Mensch sich als globaler Mensch verstehen, als Individuum, das nicht nur für sich selbst und für das Schicksal seiner Gemeinschaft, sondern für den Erdball, für die ganze Menschheit Verantwortung übernimmt." In dieser praktisch umgesetzten Perspektive lassen sich erste beispielhafte Ausläufer einer integrierten Weltsicht blicken. Worauf ich an dieser Stelle allerdings hinaus möchte, ist der Zusammenhang zwischen Strukturwandel und Bewußtsein.

Grundsätzlich können wir auch bei einer soziostrukturellen Betrachtung der Menschheitsgeschichte die Herausbildung immer höherer Stufen beobachten. Die Zivilisationsgeschichte gestaltet sich demnach als ein Prozeß aus Integration und Zerfall sozialer Einheiten. Durch Integration entsteht eine höhere Ebene, durch Zerfall sinken die Teile wieder in vorherige Stufen zurück. Im Verdrängungskampf um Siedlungsgebiete, Rohstoffe, Nahrung und politische Kontrolle ist es zu immer höheren Organisationsstufen und zur Ausbildung immer größerer Einheiten gekommen: von Gruppen von Jägern und Sammlern, Familienverbänden, Sippen und Stämmen über Stadt- und Flächenstaaten zu ganzen Kontinentalreichen. Innerhalb dieser Einheiten kommt es zu geregelten Mechanismen des Interessenausgleichs und zu einer Pazifizierung, während zwischen ihnen eine latente Konkurrenz herrscht, die je nach Veränderung der Machtbalance in gewalttätige Auseinandersetzungen umschlägt. Wie wir gesehen haben, finden diese Verflechtungen innerhalb der Weltzivilisation grundsätzlich noch immer zwischen Nationalstaaten statt. Warum das so ist? Nach Ken Wilber sind nationale Regierungen heute mit wenigen Ausnahmen Organisationen eines nur kärglich rational überformten magischen Bewußtseins, die von einem hoch konfrontativen, animalischem Selbsterhaltungstrieb bestimmt sind.

Die Wechselwirkung zwischen Strukturbildung und Bewußtseinsentwicklung ist auch für Fromm evident; sie bedingen und verstärken einander: "Wenn der einzelne sich primär als Weltbürger erleben und wenn er auf die Menschheit und ihre Leistungen stolz sein könnte, würde sich sein Narzißmus die Menschheit und nicht ihre widerstreitenden Komponenten zum Gegenstand nehmen. [...] Aber es liegt auf der Hand, daß es zu einer solchen Entwicklung nur kommen kann, wenn sich viele und schließlich alle Nationen zusammentun und bereit sind, zugunsten der Souveränität der Menschheit auf einen Teil ihrer nationalen Souveränität zu verzichten [...]. Eine verstärkte UNO [...] [ist] zweifellos die Voraussetzung dafür, daß die Menschheit und ihre gemeinsamen Errungenschaften zum Gegenstand des Gruppen-Narzißmus werden können."

Lionel Curtis, je nach Blickwinkel Zerstörer des Britischen Empire oder Schöpfer des Commonwealth, hat ebenso darauf hingewiesen, daß es nicht allein auf eine Bewußtseinsentwicklung ankommen kann. Einem entsprechenden Strukturwandel kommt eine ebenso wesentliche Bedeutung zu. "Die Völkerbundsvereinigung hat immer behauptet", so Curtis, "daß der Völkerbund imstande gewesen wäre, den Krieg zu verhindern, wenn nur erstklassige Staatsmänner die Politik der Mitgliedsstaaten geleitet hätten." Aber, so der Einwand von Curtis, "ein System, das den Frieden der Welt nur so lange sichern kann, als überdurchschnittliche Menschen an seiner Spitze stehen, ist vielmehr eine ständige Gefahr für den Frieden." Aus dieser Erkenntnis heraus habe der amerikanische Verfassungskonvent vom 17. September 1778 den ursprünglichen, losen amerikanischen Staatenbund von 1777 in einen echten Bundesstaat mit einer neuen, föderalen Verfassung umgewandelt, also auf einer höheren Strukturebene etabliert. Nicht Menschen, sondern ein "veraltetes und schadhaftes System", meint Curtis, habe den inneren Frieden Amerikas gefährdet. Die Analogie, die Curtis hier zur UNO zieht, ist völlig einleuchtend: "Die Vereinten Nationen sind leider wie die amerikanischen Bundesartikel nur ein Versuch, eine auf einem Vertrag zwischen souveränen Staaten begründete Regierung zu schaffen, ein Unterfangen, das >nur eine Umschreibung für Regierungsunfähigkeit ist<."

Worum es also geht, ist nichts anderes als die Ausbildung einer politischen Einheit, welche die gesamte Welt umfaßt. Die Reform der Vereinten Nationen bildet so den Kulminationspunkt zivilisatorischer Prozesse im 21. Jahrhundert. Entscheidender Faktor wird dabei sein, daß sich institutionalisierte Formen des Interessensausgleichs und der Entscheidungsfindung herausbilden, in die möglichst alle relevanten sozialen Einheiten gerecht und angemessen integriert sind. An dieser Stelle wird die Parallelität zwischen den grundlegenden Entwicklungsprozessen im Bereich des Bewußtseins und der Weltordnung evident. In beiden Bereichen führen evolutionäre Entwicklungsprozesse wechselwirkend auf eine gleichartige Herausforderung hin: die Ausbildung einer qualitativ höheren integralen Struktur durch Transzendierung und Bewußtmachung sowie eine darauf folgende angemessen tarierte Neukonstellation der grundlegenden Elemente zueinander. Im menschlichen Bewußtsein wird so die mental-ichhafte Stufe unter Einbezug der archaischen, magischen und mythischen Elemente transzendiert und in einer integralen Weltsicht zueinander in Einklang gebracht. Die Überwindung des defizient gewordenen Ego entspricht im strukturpolitischen Bereich der Überwindung der auf dem Nationalstaat basierenden Weltordnung. Bei der europäischen Integration können wir heute den am weitesten fortgeschrittenen Entwicklungsprozess solcher Richtung beobachten. Ähnliche Tendenzen lassen sich in allen Regionen der Welt beobachten:

Durch die von der Staatengemeinschaft selbst in Gang gebrachte Liberalisierung der großregionalen und weltweiten Finanz-, Dienstleistungs- und Gütermärkte ist nun eine wechselseitige Eigendynamik zwischen Globalisierung und Integrationsdruck entstanden. Sie hat ihren Ursprung in dem Bemühen der Staaten, im internationalen System durch gezielte Kooperation Konkurrenzvorteile zu erlangen oder für sie nachteiligen Entwicklungen entgegenzuwirken. Es ist im Grundmuster das gleiche Prinzip, wie es auch bisher in der Zivilisationsgeschichte sozialer Einheiten allgemein zum Tragen gekommen ist. Lassen wir mal ein paar Schlaglichter vorüberziehen:

Am Rande eines Sondergipfels der 53 Mitgliedsländer der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) im März 2001 begründeten die versammelten Staatschefs die beschlossene Ablösung der OAU durch die "Afrikanischen Union" mit einem panafrikanischen Parlament, einem Gerichtshof und einer Zentralbank nach dem Vorbild der EU damit, "daß im Rahmen der Globalisierung eine afrikanische Einheit Vorteile für alle Mitgliedsstaaten bringe." Auf Grundlage regionaler Zusammenschlüsse wie der Southern African Development Community (SADC), der Economic Community of West African States (ECOWAS) sowie der 1977 gescheiterten und 2001 neu gegründeten East African Community (EAC) soll eine einheitliche afrikanische Währungs- und Wirtschaftszone geschaffen werden. Zu einer gemeinsamen Wirtschaftszone wollen sich auch die zehn südostasiatischen Länder der ASEAN zusammenschließen. Bis 2010 ist die Bildung einer Freihandelszone als Vorstufe zu einer Währungsunion geplant. In einem "Jahrhundertprojekt" soll dann ein Zusammengehen mit Japan, China und Südkorea in Angriff genommen werden. Die Staatengemeinschaft verfolge den "hoch gesteckten Traum eines ostasiatischen Marktes, einer ostasiatischen Währung und einer ostasiatischen Gemeinschaft", so der philippinische Präsident Joseph Estrada im November 1999.

Beim ersten südamerikanischen Gipfel im August 2000 in Buenos Aires war von der Vision der "Vereinigten Staaten von Südamerika" die Rede. Zunächst ist bis 2002 eine Freihandelszone anvisiert, welche die Andengemeinschaft und den Mercosur-Zusammenschluß absorbieren wird. Schon 1998 hatten sich die 34 Staats- und Regierungschefs aller Staaten Amerikas bei ihrem zweiten Gipfeltreffen in Santiago de Chile auf einen Zeitplan für die Schaffung der gemeinsamen Freihandelszone FTAA bis 2005 verständigt, die von Alaska bis Feuerland reichen wird.

Nach Vorstellung des ehemaligen israelischen Regierungschefs Ehud Barak solle nach einem Friedensschluß Israels mit allen angrenzenden arabischen Staaten eine regionale Organisation nach Vorbild des ASEAN-Zusammenschlusses angestrebt werden, um "zur langfristigen Stabilisierung der Beziehungen beizutragen." Jordaniens Prinz Hassan, dessen Land 2000 ein symbolisches Freihandelsabkommen mit den USA geschlossen hat, spricht sich bezeichnender Weise ebenso für "einen neuen geistigen Ansatz" und vor allem für ein Konzept aus, das "die gesamte Region in den Blick nimmt." Ein wirklich regionales Konzept könne Anleihen nehmen bei europäischen Erfahrungen und ein "extranationales Modell" entwickeln. "Wie die europäische Integration im ersten Schritt auf der Grundlage von Eisen und Stahl vollzogen wurde, so könnte das regionale Modell des Nahen Ostens Öl, Wasser und andere Ressourcen zur Grundlage haben [...]". Nur mit einem solchen "Modell Monnet" könne der Konfliktknoten aus religiösem Fanatismus, Nationalismus und sozialer und wirtschaftlicher Ungleichheit aufgelöst werden, meint Hassan.

Soweit wir davon ausgehen, dass die von Gebser und vielen anderen befürchtete "globale Katastrophe" ausbleibt, führen diese Entwicklungsprozesse auf die Herausbildung weltstaatlicher Strukturen hinaus. Es wird deshalb nicht mehr allzu lange dauern, bis auch der populäre Globalisierungsdiskurs auf dieses Thema einschwenken wird, mit dem sich Weltföderalisten unter dem Eindruck des Zweiten Weltkrieges bereits seit 1947 befassen. In einem Gastbeitrag unserer Entwicklungshilfe-Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul für die Frankfurter Rundschau von Anfang August dieses Jahres deutet sich das beispielhaft an. Sie schreibt da zutreffend: "Wir müssen [...] weiter denken als zum bisherigen >Global Governance Ansatz<. Mit ihm hat sich ein komplexes vielschichtiges System entwickelt, in dem die nationalen Regierungen Kompetenzen teilen und auch delegieren, in dem lokale, regionale, globale Institutionen und Akteure, auch aus dem privaten Sektor, ein neues Zusammenspiel organisieren. Es geht jetzt auch um die Entwicklung weltstaatlicher Strukturen." In einem Beitrag zur "Evolution nationalstaatlich verfaßter Gesellschaften" schlägt Mathias Bös sehr passend vor, die Analyse der Weltgesellschaft durch eine - wie er es nennt - "Reterritorialisierung soziologischer Theorieformationen" zu schärfen, also sozialräumlich mit einer Betrachtung von Regionen, Staaten, Weltregionen und der schließlich der Welt als Ganzes. Auf einer ordnungspolitisch austarierten Integration dieser Ebenen in einem demokratischen und rechtsstaatlichen System basiert der Weltföderalismus.

In einem von mir verfassten Bericht der Gesellschaft für bedrohte Völker vom Mai 2000 ist genau diese Frage, die Gestalt weltstaatlicher Strukturen, im Rahmen einer anstehenden, umfassenden Reform der UN thematisiert. Das Thema UN-Reform und Weltordnungsstrukturen in allen seinen Facetten ist uferlos. Ich möchte jetzt also nur noch einmal festhalten, wie diese soziostrukturellen Prozesse den bewußtseinspsychologischen Herausforderungen im Grundmuster ähneln und wie unlösbar sie miteinander verbunden sind.

Auf dieser grob skizzierten Grundlage können wir jetzt einem letzten Anlauf machen und uns der Frage nach globaler Ethik nähern. Wie wir ganz am Anfang festgestellt haben, ist ein Bewußtsein, das die differenzierte Wahrnehmung des Selbst im Verhältnis zum anderen und der Umwelt einschließt, ethischen Fragestellungen vorausgesetzt. Nun geht es hier aber nicht um irgendeine, sondern um globale Ethik. Die Voraussetzung ethischen Handelns auf globaler Ebene ist also ein Bewußtsein, dass nicht nur sich selbst, sondern auch seine Umwelt und den Nächsten im globalen Zusammenhang differenziert wahrnehmen kann. Globale Ethik ist deshalb, bevor man sie überhaupt näher definieren kann, von einer zumindest annähernd integralen Weltsicht, sowohl strukturpolitisch, als auch bewußtseinspsychologisch, abhängig.

Dieser Erkenntnis entsprechend ist für die Mitglieder des Club of Budapest die Entwicklung des Bewußtseins, der Weltordnung und einer globalen Ethik eine "Parallelstrategie". In dem 1996 vorgestellten "Manifest über globale Verantwortung" heißt es: "Am Ende des 20. Jahrhunderts sind wir an einem historischen Scheideweg angekommen: in sozialer, spiritueller wie kultureller Hinsicht stehen wir unmittelbar an der Schwelle zu einer neuen Stufe unserer Entwicklung. Der Unterschied zu früheren Dekaden dieses Jahrhunderts ist dabei ebenso grundlegend wie jener zwischen Höhlenmensch und Viehzüchter, Nomade und Dorfbewohner. [...] Welche Maßnahmen wir auch immer ergreifen mögen. Wir schaffen mit ihnen entweder den Rahmen für den Aufbau einer friedlichen, kooperativen globalen Gesellschaft und schreiben damit das große Abenteuer des Lebens, des Geistes und des Bewußtseins auf dieser Erde fort, oder wir inszenieren das Ende der Menschheit." Solange die planetarische Dimension nicht Bestandteil menschlichen Geistes und Bewußtseins sei, würde die Tendenz zur letzteren Option immer weiter zunehmen. Globales Bewußtsein aber umfasse das Wissen um und das Gefühl für die vitale Interdependenz und die grundsätzliche Einheit der Menschheit. Ein solches Bewußtsein beinhalte die bewußt vollzogene Annahme der Ethik, die mit dieser Erkenntnis verbunden ist. Hans Küng schließlich stellt explizit fest, dass es ohne ein Weltethos auch keine tragfähige Weltordnung geben kann.

Dieses Weltethos existiert bereits. Es vereint Werte, Überzeugungen und Normen, die alle Menschen verbinden, gleich welcher sozialen Herkunft, welchen Geschlechts, welcher Hautfarbe, Sprache oder Religion. Die "Erklärung zum Weltethos" des Weltparlaments der Religionen vom 4. September 1993 in Chicago beschreibt diese gemeinsame Grundlage aller Menschen in der Welt auf eindrucksvolle Weise. Mit Weltethos bezeichnet die von Vertretern aller großen spirituellen und religiösen Richtungen erarbeitete Erklärung einen weltweiten Grundkonsens bezüglich bestehender verbindender Werte, unverrückbarer Maßstäbe und persönlicher Grundhaltungen. Im "Blick auf eine neue Weltordnung" ruft das Weltparlament der Religionen diese ethischen Normen in Erinnerung. Als ein grundlegendes Prinzip wird die sogenannte "goldene Regel" hervorgehoben: Was Du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu. Aus diesem Prinzip entwickelt die Erklärung vier umfassende uralte Richtlinien, die sich nach Ansicht ihrer zahlreichen Verfasser in den Religionen der Welt finden. Ich möchte sie in aller Kürze ansprechen:

1. Hab Ehrfurcht vor dem Leben - Das heißt: Jeder Mensch hat das Recht auf Leben, körperliche Unversehrtheit und freie Entfaltung der Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt. Kein Mensch hat das Recht, einen anderen physisch oder psychisch zu quälen, zu verletzen, gar zu töten.

2. Du sollst nicht stehlen - Kein Mensch hat das Recht, einen anderen Menschen zu bestehlen oder zu übervorteilen. Zugleich, so die Erklärung, würde Eigentum verpflichten. Sein Gebrauch solle zugleich dem Wohl der Allgemeinheit dienen.

3. Du sollst nicht lügen - oder: Rede und handle wahrhaftig.

4. Achtet und liebet einander - Ohne partnerschaftliches Zusammenleben in der Familie gibt es keine wahre Menschlichkeit. Kein Mensch hat das Recht, einen anderen zum bloßen Objekt seiner Sexualität zu erniedrigen oder das andere Geschlecht zu diskriminieren.

Mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 haben wir im Rahmen der UN darüber hinaus einen konkreten Katalog vorliegen, an den wir uns halten können. Nicht umsonst hat Chicago diese Erklärung in Erinnerung gerufen. Was die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte auf der Ebene des Rechts proklamiert hat, wird vom Ethos her bestätigt und vertieft: "Die volle Realisierung der Unverfügbarkeit der menschlichen Person, der unveräußerlichen Freiheit, der prinzipiellen Gleichheit aller Menschen und der notwendigen Solidarität und gegenseitigen Abhängigkeit der Menschen voneinander."

Autoritäre Regierungen weisen immer wieder darauf hin, daß die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte westlicher Denkart entspringe und ihre Werte deshalb nicht auf ihre jeweilige Kultur übertragen werden dürften. Malaysias Ministerpräsident Mahathir bin Mohamad machte zum 50jährigen Jubiläum der Erklärung 1997 den Vorschlag, sie zu ändern oder ganz aufzuheben. Die Begründung: die Erklärung fuße fast ausschließlich auf Individualrechten, während die Rechte der Gemeinschaft vernachlässigt würden. In Südostasien sei nun einmal aber das Gruppengefühl stärker. Sri Lankas Präsidentin Chandrika Kumaratunga betrachtet einen so begründeten "Wertekonflikt" als Manöver, um "von einer Vielzahl von Vergehen" abzulenken. Der ehemalige Vorsitzende des malaysischen Anwaltsvereins und UN-Sonderberichterstatter über die Unabhängigkeit der Justiz, Dato' Param Cumaraswamy weist auf die umfassende Ratifizierung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte in nicht westlichen Staaten hin, um ihre universale Gültigkeit vor Augen zu führen. Das von der AEMR durch Individualrechte betonte Individualbewußtsein ist in jedem Menschen angelegt. Der Vorschlag von Mahathir hatte tatsächlich keine auch nur annähernde Chance, verwirklicht zu werden. Die Einwände gegen das Vorhandensein einer gemeinsamen Wertegrundlage sind stets machtpolitisch begründet. Wie wir gesehen haben, hat diese Haltung im Kern eine bewußtseinspsychologische Ursache.

In seinem Buch über die "neue Utopie der Freimaurerei" stellt Giuliano Di Bernardo die Übereinstimmung zwischen freimaurerischer Ethik und den vom Weltparlament der Religionen entwickelten Grundsätzen fest. Dieses Ergebnis ist nicht überraschend, schließlich wirken in der Freimaurerei Menschen aller Religionen. Es waren außerdem vor allem Freimaurer, die sich im Rahmen der amerikanischen Unabhängigkeit und der französischen Revolution für die Verwirklichung allgemeiner Menschenrechte eingesetzt haben. Durch die Verbreitung aufklärerischen Gedankenguts haben die Logen durch ihre praktische universelle Ethik in erheblichem Maße auch ein neues Bewußtsein verbreitet.

War die Souveränität zunächst eine Eigenschaft der Feudalherren und absolutistischen Herrscher, verwandelte sie sich bei der Entstehung des modernen Nationalstaats im Zuge der Französischen Revolution 1789 im Innern in die Souveränität des Volkes und nach außen in die des Staates. Der republikanische Staat trat in dieser Hinsicht nahtlos das Erbe der Monarchien an. Die Wertneutralität ermöglichte den Verkehr zwischen verschiedenen Staaten über alle politischen, wirtschaftlichen und ideologischen Gegensätze hinweg. Diese Konzeption entsprach der überschaubaren Interdependenz des Zeitalters der Postkutschen und Reiterkuriere. Es ist jetzt an der Zeit, den Nationalstaat als das zu erkennen, was er ist: ein notwendiges Übergangsstadium auf dem Weg zu einer föderalen Weltrepublik. Die Freimaurerei hat dazu beigetragen, universale Werte auf nationalstaatlicher Ebene zu verwirklichen. Die Aufgabe der Zukunft ist es, diese Werte global umzusetzen. Ich habe heute versucht zu zeigen, dass dieses Vorhaben von menschheitsgeschichtlicher Bedeutung ist.

Als Symbol des integralen Bewußtseins sieht Jean Gebser eine sich drehende Kugel, Sinnbild der Einheit der drei räumlichen Dimensionen und der Zeit. Ich möchte deshalb mit Zitaten von zwei Astronauten schließen:

Den Himmel liebte ich Zeit meines Lebens. Und als sich die Gelegenheit ergab, dass ich fliegen konnte, wollte ich höher hinaus und als Gipfelstürmer bis ins unendliche Weltall. Nach acht Flugtagen im Weltraum erkannte ich, daß der Mensch die Höhe vor allem braucht, um die Erde, die so vieles durchlitten hat, besser zu verstehen und manches zu erkennen, was aus der Nähe nicht wahrgenommen werden kann. Nicht allein, um von ihrer Schönheit in Bann geschlagen zu werden, sondern auch um zu einem Verantwortungsgefühl dafür zu finden, daß nichts, was wir tun, die Natur in auch nur geringstem Maße Schaden leiden lassen darf. Pham Tuan, Vietnam

Für diejenigen, die die Erde aus dem Weltraum gesehen haben, und für die Hunderte und vielleicht Tausende, die es noch tun werden, verändert das Erlebnis sehr wahrscheinlich ihre Weltsicht. Die Dinge, die wir auf der Erde miteinander teilen, werden viel wertvoller als jene, die uns trennen. Donald Williams, USA