Weltpolitik
am Scheideweg?
Imperium Americanum, Staatenanarchie oder Weltföderation
- Zur Entwicklung der Weltordnung im 21. Jahrhundert.
Vortrag von Andreas Bummel vom 13. Dezember 2002 in der Seidl-Villa,
München
Ich freue mich, dass Sie heute Abend in der Vorweihnachtszeit
hierher gefunden haben, um einen Blick in die Weltordnung des 21.
Jahrhunderts zu wagen. Es ist natürlich klar, dass die Zukunft
nicht vorhergesagt werden kann. Niemand weiß, wie unsere
Welt in - sagen wir - 20 oder 25 Jahren aussehen wird. Aber darum
geht es heute auch nicht. Es geht darum, sich einmal zu fragen,
wie unsere Welt aussehen könnte, wenn wir bestimmte Trends
und Entwicklungen, die heute schon sichtbar sind, weiterdenken.
Der Zeithorizont ist dabei völlig offen. Unser Ausflug soll
dazu dienen, die mögliche Tragweite der aktuellen weltpolitischen
Entwicklungen zu erkennen.
Die Weltpolitik und mit ihr die ganze Menschheit steht an einem
historischen Scheideweg. Das tut sie spätestens seit der Entwicklung
der Nuklearwaffen, aber der Grad auf dem wir laufen wird immer
schmaler. Bevor ich versuche, die konkret sichtbaren politischen
Bruchstellen herauszuarbeiten, müssen wir uns die allgemeine
Situation vergegenwärtigen, in der sich die Welt befindet.
Dazu möchte ich erst einmal einige Aspekte aus dem ökologischen
und sozialen Bereich herausheben.
Ein wesentlicher Punkt ist das Bevölkerungswachstum und die
extreme Kluft zwischen armen und reichen Ländern. Die Weltbank
rechnet damit, dass die Weltbevölkerung in den nächsten
50 Jahren von jetzt sechs auf neun Milliarden Menschen steigt.
Der Energie-, Wasser-, Wohnraum und Bildungsbedarf wird enorm sein.
Nach Angaben der Internationalen Energie-Agentur müssen weltweit
rund 1,6 Milliarden Menschen völlig ohne Strom auskommen.
Agenturchef Robert Priddle meint, dass es in 30 Jahren immer noch
1,4 Milliarden sein werden, wenn sich politisch nichts radikal ändert.
Keinen Zugang zu Elektrizität zu haben, ist ein wesentlicher
Grund für Unterentwicklung. Bei der Wasserversorgung sieht
es ähnlich aus. Nach wie vor fehlt rund einer Milliarde Menschen
der sichere Zugang zu Trinkwasser. Nach einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation
und von Unicef müssen etwa 2,4 Milliarden Menschen ohne zureichende
Sanitäranlagen zurecht kommen. Richard Jolly, der Vorsitzende
des Gemeinschaftsrats für Wasserversorgung und Sanitärbedingungen
in Genf schätzt, daß zur Behebung dieses Zustands rund
12 Milliarden Euro pro Jahr nötig sind. Diese Summe entspricht
in etwa dem, was Europäer jährlich für Eiscreme
ausgeben und ungefähr die Hälfte davon, was die US-Bevölkerung
Jahr für Jahr für Haustierfutter ausgibt. Jährlich
sterben geschätzte 2,2 Millionen Menschen durch verseuchtes
Wasser. Bis 2025 wird die Hälfte der Erdbevölkerung,
rund 3,5 Milliarden Menschen, von ernsthaftem Wassermangel bedroht
sein. Verteilungskämpfe um Wasser und andere Resourcen werden
sich verschärfen.
Etwa 1,2 Milliarden Menschen leben von nur rund einem Euro pro
Tag. Die Kluft zwischen den ärmsten und den reichsten wächst
beständig: Die ärmsten 20 Prozent der Weltbevölkerung
erlebten in den vergangenen 30 Jahren einen Rückgang ihres
Anteils am Welteinkommen. Von 2,3 auf 1,4 Prozent. Der Anteil der
reichsten 20 Prozent stieg dagegen von 70 auf 85 Prozent an. Der
UN-Bericht über die menschliche Entwicklung von 1996 hat außerdem
festgestellt, dass das Vermögen der 358 Milliardäre auf
der Welt das jährliche Einkommen von 45 Prozent der Weltbevölkerung übersteigt.
Beim Weltsozialgipfel in Kopenhagen im Jahr 2000 beklagte Unicef,
daß Ende der 90er Jahre die Entwicklungshilfe real auf das
Niveau der 50er Jahre zurückgefallen ist. Die Industrieländer
geben mit 350 Milliarden Dollar sieben mal so viel Geld für
Subventionen als für Entwicklungshilfe aus, ganz einfach um
Produkte aus den Entwicklungsländern von ihren Märkten
fernzuhalten. Zu Recht fordert die Weltbank, daß mit diesen
Handelsbarrieren Schluß gemacht wird, vor allem mit den Agrarsubventionen.
In ihrem Bericht über Informations- und Kommunikationstechnologie
weist die UN auch auf das krasse Ungleichgewicht in der Ausbreitung
des Internets hin. Alle afrikanischen Staaten zusammen sind im
Internet schwächer vertreten als die Benutzer der Stadt New
York. Im ganzen Afrika südlich der Sahara gibt es weniger
Telefonanschlüsse, als in Manhattan.
Vor knapp zwei Wochen haben das Aids-Programm der Vereinten Nationen
und die Weltgesundheitsorganisation ihre neueste Statistik in Johannesburg
vorgelegt. Die Aids-Epidemie wütet schlimmer als die Pest
im Mittelalter. Diesen Vergleich hat Stephen Lewis, der UN-Sondergesandte
für die Krankheit, gezogen. Allein in diesem Jahr werden 3,1
Millionen Menschen an Aids sterben, 20 Millionen sind bereits gestorben,
42 Millionen sind weltweit inzwischen infiziert. Nach einer Prognose
werden bis 2010 weitere 45 Millionen hinzukommen, wenn nicht massiv
gegengesteuert wird. Länder wie Kenia werden in ihrer Entwicklung
um Jahrzehnte zurückgeworfen, vom individuellen Leid ganz
zu schweigen.
Der Verbrauch fossiler Energieträger und die Kohlenstoffemissionen
ist in den 90er Jahren weiterhin angestiegen. Anzeichen für
einen Klimawechsel aufgrund globaler Erwärmung werden immer
offensichtlicher. Zum Beispiel sind Dürreperioden in ihrer
Häufigkeit und Intensität besonders in Teilen Asiens
und Afrikas verstärkt wahrzunehmen. 2001 hat es mit 15 tropischen
Stürmen im Nordatlantik 30 Prozent mehr als sonst im Jahresdurchschnitt
gegeben. Das Jahr 2001 ist nach 1998 als zweitwärmstes in
die 141jährige Geschichte der Wetterstatistik eingegangen.
Die Extreme wurden bspw. mit 50 Grad plus in Pakistan und minus
60 Grad in Russland weitaus schärfer. Die höchste Flutwelle
seit 1888 suchte Ungarn heim, schwere Regenfälle in Mosambik,
Zambia, Java, Guinea, Algerien und Vietnam machten Tausende obdachlos.
Dieses Jahr wurde auch Deutschland von einer Jahrhundertflut heimgesucht.
Der Zwischenstaatliche Ausschuss für Klimawandel IPCC rechnet
mit einer Erwärmung von 1,4 bis 5,8 Grad bis 2100. Das hat
katastrophale Folgen: Überschwemmung von niedrig gelegenen
Küstengebieten, schnellere Ausbreitung der Wüsten, Abschmelzen
von Gletschern, klima- und überschwemmungsbedingte Migrationsströme
in aller Welt. Vor zwanzig Jahren waren 147 Millionen Menschen
von Naturkatastrophen betroffen, in den 90er Jahren waren es 211
Millionen. Es werden immer mehr werden.
Während wir hier sitzen wird weltweit in jeder Sekunde ein
Quadratmeter Waldfläche abgeholzt. In den 1990er Jahren wurden
zwischen 90 und 150 Millionen Hektar Wald zerstört, eine Fläche
mindestens 2,5 mal so gross wie Deutschland. Am Rande der UN-Biodiversitätskonferenz
im April war von Global Forest Watch zu hören, dass in den
kommenden zwei Jahrzehnten 40 Prozent aller derzeit noch intakten
Waldregionen gestört sein sein werden. Die Abholzung in einem
derartigen Ausmaß stellt eine enorme Bedrohung für die
Biodiversität dar. In den Wäldern leben zwei Drittel
aller Landtiere. Pro Jahr sterben 27.000 Tier- oder Pflanzenarten
aus. Das ist alle zwanzig Minuten eine Art.
Meine Damen und Herren, der Geo3-Bericht des UN-Umweltprogramms
vom Mai dieses Jahres kommt zu dem Schluß, daß der
Planet heute an einem Scheideweg angekommen ist. Mit den Beispielen,
die ich eben vorgetragen habe, wollte ich das untermauern. Im ökologischen
und sozialen Bereich steht die Menschheit schlicht vor einer Existenzkrise.
Der Club of Budapest spricht von einem Dritten Weltkrieg, den wir
gegen die eigenen Lebensgrundlagen führen. Hunger, Armut und
Unterentwicklung sind vielerorts Nährboden und Ursache des
Fanatismus und der Gewalt, die wir heute erleben.
Nach dieser kurzen Einstimmung kommen wir endlich auf das eigentliche
Thema des Abends, nämlich die politische Weltordnung. Dieses
Thema ist uferlos und deshalb muß ich mich hier auf bestimmte
Aspekte konzentrieren. Wir werden uns Entwicklungen anschauen,
die mit drei Zukunftsszenarien zu tun haben. Im ersten Szenario
geht es um die globale Vorherrschaft der USA. Das zweite Szenario
habe ich Staatenanarchie genannt. Beim dritten Szenario geht es
um die Ausbildung einer demokratischen Weltföderation.
Zunächst einmal müssen wir uns klarmachen, wie die Staatenwelt überhaupt
organisiert ist. Das noch immer vorherrschende Grundprinzip - die
nationalstaatliche Souveränität - stammt aus dem Zeitalter
der Reiterkuriere und Postkutschen. Nachdem beim dreißigjährigen
Krieg fast ein Drittel der mitteleuropäischen Bevölkerung
zu Tode gekommen ist und ganze Landstriche entvölkert wurden,
einigte man sich beim Westfälischen Frieden 1648 auf die souveräne
Gleichheit der Fürsten und gezwungenermaßen auf eine
konfessionelle Koexistenz. War die Souveränität zunächst
eine Eigenschaft der Feudalherren und absolutistischen Herrscher,
verwandelte sie sich bei der Entstehung des modernen Nationalstaats
im Zuge der Französischen Revolution 1789 in die Souveränität
des Volkes im Innern und in die des Staates nach außen. Der
republikanische Staat trat nahtlos das Erbe der Monarchien an.
Bei dem System der Vereinten Nationen handelt sich noch immer
um ein vertragliches Flickwerk der formal souveränen Staaten.
Die UNO ist vollständig von ihren Mitgliedsländern abhängig.
Bei ihrer Gründung 1945 hatte die UNO 51 Mitglieder. Heute
sind es 191. Die Anzahl der Mitgliedsländer der UN ist seit
dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 um 25 gestiegen. Jüngstes
Beispiel ist Ost-Timor, das in den 70ern von Indonesien besetzt
wurde und nach einem Referendum in 1999 seine Unabhängigkeit
wieder erlangt hat. Dieser Trend wird weitergehen. Es kann nicht
ausgeschlossen werden, daß die UN eines Tages 240 Mitglieder
zählt. Allein in der Unrepresented Nations and Peoples Organisation
sind 50 Minderheiten sowie Völker und Nationen vertreten,
die nicht ohne Grund nach voller staatlicher Souveränität
streben, darunter Tibet, Kosovo und Kurdistan.
Unter dem direkten Eindruck der Schrecken des Zweiten Weltkrieges
entstanden, haben die Vereinten Nationen das Zusammenleben
der Völker schon entscheidend verbessert. Das System der Vereinten
Nationen wird allerdings zunehmend anachronistisch. In einer sich
dramatisch verändernden Welt am Rande des 21. Jahrhunderts
spiegelt die UNO strukturell nach wie vor die Verhältnisse
von 1945.
Die ehemaligen Siegermächte des Zweiten Weltkriegs und die
Volksrepublik China genießen bis heute ein exklusives Vetorecht
im wichtigsten UN-Gremium, dem Sicherheitsrat. Die Generalversammlung
kann nur unverbindliche Empfehlungen aussprechen.
In einem schwerfälligen Konferenzmarathon versucht die Staatengemeinschaft,
auf die weltweiten Probleme wie extreme Armut, Klimawandel, Verbreitung
von Massenvernichtungswaffen, Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen
zu reagieren. Dass sie nicht schnell und angemessen auf die globalen
Probleme reagieren kann, liegt nicht nur am mangelnden politischen
Willen und den vielen unterschiedlichen Interessen, sondern auch
an der Schwerfälligkeit des Systems selber. Der erhebliche
Koordinierungsbedarf auf internationaler Ebene wird in den über
500 multilateralen Verträgen sichtbar, die beim UN-Generalsekretär
hinterlegt sind und das gesamte Spektrum menschlicher Aktivität
abdecken. Dieses Flickwerk ist der Kern des Völkerrechts.
Schauen wir uns kurz an, wie es grundsätzlich funktioniert.
Auf die Aushandlung eines multilateralen Abkommens im Rahmen der
UNO, ihrer Regional- und Sonderorganisationen oder speziellen Bevollmächtigten-Konferenzen,
folgt ein langwieriger Ratifikationsprozess in der Staatengemeinschaft.
Das heißt ein Staat muss entsprechend seiner verfassungsrechtlichen
Bestimmungen zustimmen, meistens das Parlament. Soweit eine bestimmte
Mindestzahl erreicht wurde, hat ein Abkommen jeweils nur in solchen
Staaten Geltung, die ihm durch Hinterlegung der Ratifikationsurkunde
bei den UN überhaupt beigetreten sind. Wird die Mindestzahl
nicht erreicht, bleibt das Abkommen außer Kraft. Vorbehaltsklauseln
in der nationalen Gesetzgebung bei der Zustimmung zu einem völkerrechtlichen
Abkommen sind in der Regel möglich. Die Umsetzung einer so
geschlossenen völkerrechtlichen Vereinbarung liegt beim Vertragsstaat
selbst; Entscheidungen des Internationalen Gerichtshofs in Den
Haag sind nur dann bindend, wenn beide Parteien ihn in der Sache
als zuständig anerkennen, was denkbar selten vorkommt. Selbst
in diesem Fall existiert kein probates Mittel, um seine Urteile
auch durchzusetzen.
Faktisch ist das Völkerrecht und die Weltordnung durch eine
Hierarchisierung von Macht zwischen den Staaten geprägt. Für
ihren Status in der internationalen Ordnung können wirtschaftliche
Faktoren wie das Bruttosozialprodukt oder die Engergieproduktion,
technologische Entwicklung, militärische Stärke, Größe
und strategische Bedeutung des Territoriums, Größe der
Bevölkerung und anderes mehr herangezogen werden.
Die Zersplitterung der Welt in formal souveräne Nationalstaaten,
die durch voneinander unabhängige Vertragsnetzwerke und zwischenstaatliche
Organisationen ohne eigene Souveränität miteinander verbunden
sind, ermöglicht bestimmten Staaten eine maximale weltpolitische
Bewegungsfreiheit.
Ohne Zweifel sind die USA das Land, das heute über die weitaus
größten machtpolitischen Möglichkeiten verfügt.
Oft wird gesagt, dass seit dem 11. September nichts mehr so ist,
wie vor den Anschlägen.
Meine Damen und Herren, genau das Gegenteil ist der Fall. Durch
die Anschläge vom 11. September hat sich eher ein schon vorher
zu beobachtender Trend durchgesetzt, nämlich das weltweite
Hegemoniestreben der USA. Mit dem 11. September 2001 ist die ordnungspolitische Übergangsphase
der Welt vorbei, die mit dem Ende des Kalten Krieges eingeläutet
wurde. In diesem zehnjährigen historischen Zeitfenster schien
es möglich zu sein, die Welt wirklich neu zu ordnen, aus der
Konflikterfahrung zu lernen und die internationalen Beziehungen
auf eine neue Grundlage zu stellen, auf die Grundlage des Rechts,
der Demokratie und der Kooperation. Die aus führenden internationalen
Persönlichkeiten zusammengesetzte Commission on Global Governance
hatte Anfang der 90er Jahre sogar vorgeschlagen, einen Weltgipfel
einzuberufen, bei dem eine institutionelle Reform der Weltordnung
erörtert wird, ähnlich den Tagungen von San Francisco
und Breton Woods in den 40ern, aus denen die UNO und die Weltfinanzinstitutionen
hervorgegangen sind. Zu diesem Hoffnungsschimmer hat wesentlich
Michail Gorbatschow beigetragen.
Lassen Sie mich zitieren, wie er das sogenannte "neue Denken" umschreibt: "Letzten
Endes muß der vernunftbegabte Mensch sich als globaler Mensch
verstehen, als Individuum, das nicht nur für sich selbst und
für das Schicksal seiner Gemeinschaft, sondern für den
Erdball, für die ganze Menschheit Verantwortung übernimmt".
So skizziert Gorbatschow das "Neue Denken" seiner Politik.
Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass sich der frühe
Zusammenbruch der Sowjetunion im nachhinein als fatal für
die Zukunftsentwicklung herausstellt. Gorbatschow hatte nicht mehr
die Zeit, um das neue Denken in den internationalen Beziehungen
durchzusetzen. Es hätte einen fundamentalen Wandel bedeutet.
Und nur mit dem machtpolitischen Gewicht der Sowjetunion wäre
das möglich gewesen. So ist die weltpolitische Entwicklung
seit 1991 in einem instabilen Stadium stecken geblieben. Es ist
bezeichnend, daß der erste Fall zwischenstaatlicher Aggression
nach dem Fall der Berliner Mauer mit der Invasion Panamas im Dezember
1989 von den USA ausgegangen ist. Jetzt wird eine zweite Chance
vertan. Statt den Schock des 11. September 2001 zum Aufbau einer
neuen und gerechten Weltordnung zu nutzen, treibt Bush junior seine
imperialen Expansionspläne voran. Dass viele Fragen im Zusammenhang
mit den Anschlägen immer noch ungeklärt sind, gibt dem
ganzen einen zusätzlichen faden Beigeschmack.
Die von George Bush senior zum Auftakt des Golfkriegs 1991 verkündete "neue
Weltordnung" war schon damals nichts anderes als eine rhetorische
Figur. In diesem Gewand kleidet sich die Fortführung
des ideologischen Programms der US-Außenpolitik des 19. und
20. Jahrhunderts. In dessen Mittelpunkt steht die Überzeugung,
daß die Durchsetzung des US-amerikanischen Modells "liberaler
Demokratie" in allen Staaten der Welt notwendig ist, um die Verbreitung
von Frieden, Sicherheit, Stabilität und Wohlstand zu erreichen.
Getragen wird diese Idee von einem imperialen Sendungsbewußtsein,
das auf den puritanischen Auserwähltheitsglauben der ersten
Siedler der "neuen Welt" zurückgeführt werden kann.
Diese Demokratietheorie ist aber auch nur eine Worthülse.
Die Prinzipien, die von den USA verkündet werden, wenden sie
im zwischenstaatlichen Bereich selber nicht an. Bereits in der
Politik von Woodrow Wilsons ist dieses Problem sichtbar. In der
Fortführung der Monroe-Doktrin stand die Durchsetzung des
US-amerikanischen Modells in Mittelamerika auf dem Programm. Vom
Selbstbestimmungsrecht der Völker, wie es in Wilsons 14-Punkte-Plan
von 1918 propagiert wird, keine Spur. Während des Kalten Kriegs
haben sich die Ideale von Wilsons Friedensprogramm und von Roosevelts
Atlantik Charta vollends zu Legitimationsformeln eines globalen
Führungsanspruches gewandelt. Das Konzept der "neuen Weltordnung" aus
den 90ern war nur eine neue Bezeichnung. Das Konzept ist längst
diskreditiert. Der größte Hemmfaktor des Völkerrechts
und einer Weiterentwicklung der UNO sind die USA.
Lassen Sie mich hier ein paar aktuelle Beispiele aufzählen.
Die USA treten den Klimavereinbarungen von Kyoto nicht bei, um
ihre Kohlenstoffemissionen nicht reduzieren zu müssen. Sie
untergraben das Verifikationsprotokoll des Biowaffen-Übereinkommens,
weil eigene Biowaffen-Programme geheim gehalten werden sollen.
Die USA schwächen das UN-Kleinwaffenprotokoll. Schließlich
sind Sie der Hauptlieferant von Kleinwaffen auf dem Weltmarkt.
Die Verhandlungen sollen erst 2006 weitergeführt werden. Die
US-Regierung hat dem UN-Bevölkerungsfonds die Unterstützung
entzogen.
Die im September verhandelte Initiative für ein Klonverbot
ging den USA angeblich nicht weit genug. Die Angelegenheit wurde
auf September 2003 vertagt. Die Abrüstungsverhandlungen im
Rahmen der UN-Konferenz in Genf treten seit sechs Jahren auf der
Stelle. Man kann sich noch nicht einmal über ein Verhandlungsmandat
einigen. Die USA lehnen ein internationales Abkommen gegen Weltraumrüstung
strikt ab, das von Russland und China gefordert wird. Statt dessen
investiert die Bush-Regierung grosse Summen in das geplante nationale
Raketenabwehrsystem NMD, weshalb der ABM-Vertrag von 1972 bedeutungslos
geworden ist. Würde das System funktionieren, wie sich das
die US-Regierung vorstellt, könnten sie Nuklearwaffen offensiv
einsetzen ohne einen wirksamen Gegenschlag auf ihr Territorium
befürchten zu müssen. Die Beherrschung des Weltraums
gestattet nach dieser Vorstellung die Neutralisierung aller Gegner.
Was der Ozean im 19. Jahrhundert für das englische Empire
war, das soll der Weltraum im 21. Jahrhundert für die USA
werden. Das neue russisch-amerikanische Abrüstungsabkommen übrigens
kann jederzeit innerhalb von 90 Tagen gekündigt werden und
die außer Dienst gestellten Sprengköpfe werden nicht
vernichtet, sondern können auch eingelagert werden. [...]
In Abrüstungsfragen gibt es seit 1999 überhaupt eine
bedenkliche Kehrtwende. Während sich die weltweiten Militärausgaben
in den 90er Jahren um 30 Prozent reduziert hatten, haben sie 1999
mit 780 Milliarden Dollar den höchsten Stand seit 10 Jahren
erreicht. Erstmals gab es wieder einen massiven Zuwachs. Die Volksrepublik
China zum Beispiel hat ihren Militärhaushalt im Jahr 2001
mit 17,7 Prozent so stark wie seit 20 Jahren nicht mehr gesteigert.
Sofort nach Amtsantritt hat Bush junior den Verteidigungsetat um
4,8 Prozent gesteigert. Schon das Budget des Pentagon für
das Jahr 2000 war so hoch wie die gesamten Verteidigungsausgaben
der neun anderen größten Militärmächte der
Welt. Die weitere massive Anhebung des Militärhaushalts in
den USA nach dem 11. September wird die Abrüstungsproblematik
weiter verschärfen.
Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass die US-Wirtschaft
von der Rüstungsindustrie abhängig ist. Etwa ein Viertel
des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts wird durch die Herstellung
von Gütern erzielt, die für militärische Zwecke
bestimmt sind. Die amerikanischen Waffenverkäufe nehmen seit
dem Ende des Kalten Krieges zu. 1995 waren die USA nach eigenen
Berechnungen Herkunftsland von 49 Prozent der weltweiten Waffenimporte.
Sie exportierten Waffen aller Art in rund 140 Länder, von
denen 90 Prozent keine Demokratien sind oder für Menschenrechtsverletzungen
bekannt.
Meine Damen und Herren, die US-Administration verfolgt drei wichtige
Prioritäten, die inzwischen praktisch in einer Gesamtstrategie
zusammengeflossen sind. Das erste ist der Kampf gegen den Terrorismus.
Das zweite ist die Modernisierung und Erweiterung des militärischen
Potentials, das dritte Ziel ist der Import zusätzlicher Rohölmengen
und eine Schonung der eigenen Resourcen, die immerhin 11,3 Prozent
des bekannten Weltvorkommens umfasst. Diese Strategie ist nur ein
Mittel zum Zweck. Washington versucht, die Weltordnung zu diktieren.
Präsident Bush glaubt bestimmen zu können, was gut oder
böse ist, wer Freund oder Feind. Dem Irak, der seinen Verzicht
auf Massenvernichtungswaffen jahrelang inspizieren ließ,
droht ein amerikanischer Angriff. Nordkorea, das sich offen zur
Arbeit an Nuklearwaffen bekennt und tatsächlich eine regionale
Gefahr darstellt, kommt mit Ermahnungen davon. Die illegale Atommacht
Pakistan, die die Taliban in Afghanisatan aufgebaut hat und selbst
einen großen Beitrag zum islamistischen Fundamentalismus
beigetragen hat, avanciert zum Bündnispartner ersten Ranges. Über
das Atomwaffenpotential Israels wird nicht gesprochen. Den Holländern
wird per Gesetz Gewalt angedroht, sollte der am 1. Juli dieses
Jahres in Kraft getretene Internationale Strafgerichtshof in Den
Haag es wagen, einen Amerikaner anzuklagen. Der Strafgerichtshof
ist zuständig für Völkermord, Kriegsverbrechen und
Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Die internationalen Organisationen werden nach Belieben erpresst
und instrumentalisiert, das Völkerrecht wird gebeugt. Die
Vorgänge um den Internationalen Strafgerichtshof sind besonders
brisant. Die USA bezahlen nominell etwa 27 Prozent der Kosten für
die Friedenseinsätze der UNO. Mit der Drohung, diese Unterstützung
einzustellen und alle Friedenseinsätze im Sicherheitsrat mit
einem Veto zu verhindern, hat die US-Regierung im Sommer die Resolution
1422 durchgesetzt, mit der das Personal von UN-Friedenseinsätzen
für eine Periode von zwölf Monaten mit Immunität
vor Strafverfolgung ausgestattet wird. Der dafür herangezogene
Artikel 16 des Statuts der Internationalen Strafgerichtshofes hat
eine ganz andere Intention.
Nach diesem Artikel kann der Sicherheitsrat die Strafverfolgung
in einer konkreten Situation aussetzen, wenn es der Herstellung
des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit dient. Es geht
zum Beispiel darum, bestimmten Konfliktparteien die Teilnahme an
Friedensverhandlungen zu ermöglichen, ohne Gefahr zu laufen,
dabei wegen einer Anklage des Strafgerichtshofes festgenommen zu
werden. Was die Resolution 1422 bedeutet ist letzten Endes die
Umdeutung eines unabhängigen völkerrechtlichen Vertrags
durch den Sicherheitsrat und damit eine klare Kompetenzüberschreitung
des höchsten UN-Organs. Der Sicherheitsrat kann völkerrechtliche
Verträge nicht ändern. Das ist ein beispielloser, ein
skandalöser Vorgang. Der Sicherheitsrat wird hier quasi zu
einem Gesetzgebungsorgan gemacht.
In der aktuellen Frage um die Waffeninspektionen im Irak haben
die USA klargemacht, dass sie notfalls auch ohne UN-Mandat militärisch
vorgehen werden. Wenn das passiert - und ich kann es mir wirklich
kaum vorstellen - landet das völkerrechtliche Gewaltmonopol
beim Sicherheitsrat vorerst auf dem Müllhaufen der Geschichte.
Für einen Präventivkrieg gibt es im Völkerrecht
keine Grundlage. Der NATO-Einsatz im Kosovo war völkerrechtlich
schon zweifelhaft genug. Aber das Konstrukt der humanitären
Intervention findet schon einige Bezugspunkte in der jüngsten
völkerrechtlichen Neubewertung nationalstaatlicher Souveränität,
wenn es um schwerste Menschenrechtsverletzungen geht. Die UN-Tribunale
für Jugoslawien und Rwanda zum Beispiel operieren international
anerkannt auf der Grundlage des humanitären Völkerrechts,
des Völkergewohnheitsrechts und der Völkermordkonvention
von 1948. Bei der Legitimationsformel "Terrorismusbekämpfung" in
der Irak-Frage handelt es sich um etwas völlig anderes. Zum
einen gibt es keine gültige Terrorismusdefinition, zum anderen
wird mit diesem Vorwand ja schon heute die Unterdrückungspolitik
gegen ganze Völker und Minderheiten verstärkt, denken
wir nur an Tschetschenien oder die Uiguren in China. Wenn die USA
den Irak ohne UN-Mandat angreifen, handelt es sich um einen völkerrechtswidrigen
Angriffskrieg, gegen den die Staatengemeinschaft allerdings nicht
viel ausrichten kann. Die bestehende Weltordnung würde damit
erheblich unterminiert.
Meine Damen und Herren, die beiden Zukunftsoptionen "Imperium
Americanum" und "Staatenanarchie" liegen nah aneinander. Auf den
Trend zu imperialer Hegemonie der USA brauche ich nicht weiter
einzugehen.
Mit ihrer Politik gefährden die USA aber die etablierten
Regeln der internationalen Gemeinschaft und verhindern durchgreifende
Lösungen für die vor uns stehenden Existenzprobleme.
Allerdings gibt es auch Gegenentwicklungen.
Das eine sind die Gegenbewegungen, die durch den Hegemonialanspruch
und das rücksichtslose Auftreten der USA selbst ausgelöst
werden. Der fundamentalistische Terrorismus ist ja gerade das beste
Beispiel dieses sogenannten Backlash. Aber es gibt auch andere
Beispiele. Gerade in diesen Tagen erreichen anti-amerikanische
Proteste in Südkorea ein ungeahntes und gesamtgesellschaftliches
Ausmaß, das die ganze sicherheitspolitische Zusammenarbeit
in Frage stellt. Im Juli wurden zwei koreanische Schulmädchen
von einem US-Militärfahrzeug überrollt und getötet.
Die Fahrer wurden in die USA verbracht und dort von einem Militärgericht
freigesprochen. Bush hat sich erst drei Monate später zu einer
Entschuldigung entschlossen. Solche Vorgänge gibt es permanent
und dieser könnte das Faß nun zum überlaufen bringen.
Aus ähnlichen Gründen wachsen auch die Resentiments in
Japan, besonders natürlich auf Okinawa. Gegen solche sozialen
Bewegungen wird auch die wirtschaftliche und militärische Überlegenheit
der USA nichts ausrichten können.
Eine weitaus wichtigere Gegenentwicklung ist die Möglichkeit
einer imperialen Überdehnung, wie sie der Historiker Paul
Kennedy schon vor Jahren festgestellt hat. Die USA ist vom Rest
der Welt so abhängig wie kein anderes Industrieland. Seit
Anfang der 80er Jahre geben die US-Regierungen mehr Geld aus, als
sie erwirtschaften. Im Jahr 2000 war das Leistungsbilanzdefizit
rund 450 Milliarden Dollar hoch, für die nächsten Jahre
wird ein Anstieg auf über 600 Milliarden Dollar erwartet.
Das Geld kommt aus dem Ausland, von deutschen Konzernen, englischen
Investmentfonds, japanischen Banken und so weiter. Man könnte
sich fragen, warum Ratingagenturen wie Moodys alle Länder
der Welt auf ihre Kreditwürdigkeit einschätzen, nur die
USA nicht.
Der wesentliche Punkt ist aber der langfristig zu erwartende relative
Machtverlust der USA in ökonomischer Hinsicht. Nur ein Beispiel:
Auf die USA entfallen gegenwärtig 4,6 Prozent der Weltbevölkerung,
auf China dagegen 21 Prozent. Die USA haben größere
machtpolitischen Möglichkeiten, weil sie pro Kopf ein Bruttoinlandsprodukt
von 34.000 Dollar haben, China dagegen nur 3.900 Dollar. Dieses
Verhältnis wird sich in den nächsten Jahrzehnten voraussichtlich
stark zu ungunsten der USA verändern und zwar nicht nur im
Hinblick auf China, sondern weltweit. Dieser Trend begünstigt
die Ausformung einer multipolaren Welt. Dieses Problem wird auch
von US-Strategen längst erkannt. Nicht umsonst wurde die Gründung
von NAFTA und einer gesamtamerikanischen Freihandelszone zu einem
wichtigen Punkt auf der politischen Agenda der USA. Kritische Beobachter
schätzen das so ein, dass dadurch zumindest die Vorherrschaft
auf dem amerikanischen Doppelkontinent zementiert werden soll.
Das führt uns zu einem weiteren wichtigen Zukunftstrend für
die Weltordnung, nämlich zu regionalen Integrationsprozessen
und der Globalisierung. Neben der in den 90er Jahren begonnenen
Welle der Staatenbildung wird das internationale System von ökonomischer
und politischer Zusammenarbeit in zwischenstaatlichen Organisationen
geprägt, die eine regionale Substruktur der Weltordnung bilden.
Durch die von der Staatengemeinschaft selbst in Gang gebrachte
Liberalisierung der regionalen und weltweiten Finanz-, Dienstleistungs-
und Gütermärkte ist eine wechselseitige Eigendynamik
zwischen Globalisierung und Integrationsdruck entstanden. Sie hat
ihren Ursprung in dem Bemühen der Staaten, im internationalen
System durch gezielte Kooperation Konkurrenzvorteile zu erlangen
oder nachteiligen Entwicklungen entgegenzuwirken. Vorreiter solcher
Prozesse ist natürlich die Europäische Union, die seit
gestern ihren Erweiterungsgipfel in Kopenhagen durchführt.
Das theoretische Modell kann als Stufenfolge der Integration dargestellt
werden. [...]
Wenn auch mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten schreiten solche
Integrationsprozesse in allen Weltregionen voran, vor allem inspiriert
durch das Beispiel der EU und den wachsenden Druck durch die Globalisierung.
Nur einige Schlaglichter: Im Rahmen der im Juli neu gegründeten
Afrikanischen Union soll eine einheitliche afrikanische Währungs-
und Wirtschaftszone geschaffen werden. Geplant ist ein Afrikaparlament,
ein afrikanischer Gerichtshof und ein afrikanischer Sicherheitsrat.
[...]
Zu einer gemeinsamen Wirtschaftszone wollen sich auch die zehn
Länder der AESAN-Gemeinschaft in Ostasien zusammenschließen.
Bis 2010 ist die Bildung einer Freihandelszone als Vorstufe zu
einer Währungsunion geplant. In einem "Jahrhundertprojekt" soll
dann ein Zusammengehen mit Japan, China und Südkorea in Angriff
genommen werden. Beim ersten südamerikanischen Gipfel im August
2000 in Buenos Aires war von der Vision der "Vereinigten Staaten
von Südamerika" die Rede. Schon 1998 hatten sich die 34 Staats-
und Regierungschefs aller Staaten Amerikas auf einen Zeitplan für
die Schaffung der gemeinsamen Freihandelszone bis 2005 verständigt,
die von Alaska bis Feuerland reichen wird. Selbst im Nahen Osten
werden von Ehud Barak und Jordaniens Prinz Hassan regionale Integrationskonzepte
als Friedensperspektive vorgebracht.
Die Ergebnisse des noch bis März tagenden Konvents über
die Zukunft Europas und des aktuellen Gipfels in Kopenhagen werden
deshalb weit über das Schicksal Europas hinaus eine Austrahlungswirkung
haben. Ein Rückschlag der europäischen Integration könnte
hier wesentliche Impulse abgraben, von den anderen politischen
Konsequenzen ganz zu schweigen. Ich möchte aus der weiten
europapolitischen Debatte einen besonders aktuellen und wichtigen
Aspekt herausgreifen, nämlich die Frage nach der Aufnahme
der Türkei als Vollmitglied der EU.
An dieser Sache ist ja besonders erstaunlich, wie vehement sich
die USA für diesen Schritt einsetzen. Militär- und geostrategische
Gründe kann das nicht haben, die Türkei sind ein verläßlicher
NATO-Partner und sind im übrigen einer der größten
Käufer von US-amerikanischen Rüstungsgütern.
Die USA werden nicht müde zu betonen, dass sie eine starke
EU als Partner in der Welt haben möchten. Dieses Bekenntnis
passt allerdings nicht in die allgemeine Hegemonialstrategie der
US-Regierung. Der Konventspräsident Giscard d'Estaing hat
vor einigen Tagen gewarnt, dass eine Vollmitgliedschaft der Türkei
faktisch das Ende der EU bedeuten würde. Wenn wir diesem Hinweis
nachgehen, können wir erkennen, dass die USA auf diese Weise
versuchen könnten, das europäische Integrationsprojekt
zu untergraben. Die schiere Größe der Türkei mit
65 Millionen Einwohnern, die instabile Wirtschaftslage, die islamische
Kulturprägung und der gewaltige Auswanderungsdruck wären
ein Brocken, der die Integrationsfähigkeit der EU sprengen
würde. Von den 2,5 Millionen vertriebenen Kurden ganz zu schweigen.
[...]
Vor der Tür Europas wartet zudem ein weiteres Sammelsurium
künftiger Beitrittsaspiranten, Kroatien, Serbien, Montenegro,
Mazedonien, Bosnien und Albanien dürfen sich auf Versprechen
berufen, selbst manche in Marroko und in der Ukraine hegen leise
Hoffnungen. Bekommt die Türkei eine konkrete Beitrittsperspektive,
werden viele dieser Länder langfristig nicht abgewiesen werden
können. Experten befürchten schon, dass Europa im 21.
Jahrhundert wieder spätmittelalterliche Strukturen bekommen
könnte, mit wachsenden, wabernden Grenzen und einem mehr oder
weniger festen Kern. Zweifellos würde das zur Zersetzung der
Weltordnung beitragen.
Nichtsdestotrotz, meine Damen und Herren, die regionalen Integrationsprozesse
befördern die Entstehung einer multipolaren Ordnung, sie sind
die ersten Vorstufen eines neuen politischen Stockwerks in der
Weltordnung. Wenden wir uns nun dem dritten Szenario zu, der Ausbildung
einer demokratischen Weltföderation. Viele zentrale Trends
weisen in diese Richtung. Zum einen gibt es eine Demokratisierung
der Staatenwelt zu beobachten. Über zwei Drittel der Weltbevölkerung
lebt heute in formell pluralistischen und demokratischen Systemen.
Allein im Jahr 1993 hielten beispielsweise 43 Länder zum ersten
Mal nationale Wahlen ab. [...]
Die Entwicklung von stabilen demokratischen Systemen auf nationalstaatlicher
Ebene ist eine wichtige Voraussetzung für den Aufbau einer
demokratischen Weltordnung, vor allem in der Russischen Föderation
und der Volksrepublik China.
Beginnend mit der Entdeckung der Neuen Welt im 16. Jahrhundert
leben wir heute erstmals in der Menschheitsgeschichte in einer
den gesamten Globus umfassenden, hochgradig interdependenten Weltzivilisation.
Die Auswirkungen der rasanten Entwicklungen in den Informations-
und Kommunikationstechnologien ist historisch wohl nur mit der
sogenannten "Gutenberg-Revolution" nach Erfindung des Buchdrucks
vergleichbar. Eine damit verbundene Tendenz ist die Herausbildung
einer globalen Zivilgesellschaft. Neben den nationalen Regierungen
haben zahllose transnationale Akteure aus Wirtschaft und Gesellschaft,
Wissenschaft und Kultur, Technik und Ökologie damit begonnen,
ihre Anliegen weltweit zu verfolgen. Sie begründen damit erste
Ansätze einer kommenden Weltgesellschaft.
Gerade die Nichtregierungsorganisationen haben das Potential,
im Verbund mit gleichgesinnten Staaten wesentliche Neuerungen zu
schaffen. Die besten Beispiele dieser Art sind die großen
Erfolge der Anti-Personenminen-Koalition und natürlich der
Koalition für den Internationalen Strafgerichtshof. Teile
der entstehenden Zivilgesellschaft machen mittlerweile am Rande
fast aller internationalen Konferenzen mobil und protestieren.
Organisationen wie Attac stehen in ihren Überlegungen allerdings
erst ganz am Anfang. Der linksintellektuelle Gründerzirkel
der Organisation in Paris begegnet der Herausforderung, globale
Strukturen neu zu denken, noch vollkommen hilflos. Die strukturpolitische
Konsequenz der Forderung nach einer internationalen Steuer auf
Devisentransaktionen zum Beispiel wird nicht zu Ende gedacht: damit
eine solche Steuer funktionieren kann, bedarf es letztlich einer
Steuerhoheit auf globaler Ebene, mithin einer fundamentalen Stärkung
und damit auch einer Demokratisierung der UNO. Dazu habe ich aus
Attac-Kreisen noch nichts gehört, ganz im Gegenteil. In Porto
Alegre erklärte Susanne George, dass sie die Idee eines Weltparlaments
völlig abwegig findet. Aber auf Attac, wenn ich mir das erlauben
darf, wird es in dieser Frage nicht ankommen.
Bereits 1994 hat das Europäische Parlament vorgeschlagen, "die
Möglichkeiten zur Einrichtung einer beratenden parlamentarischen
Versammlung innerhalb der UN" prüfen zu lassen und im März
1999 präzisiert, daß "eine parlamentarische Dimension
in das System der UNO" eingeführt werden soll. In einer Resolution
vom September 2000 ermutigt die Parlamentarische Versammlung des
Europarates die Vereinten Nationen ebenfalls dazu, mit der Entwicklung "einer
parlamentarischen Dimension" zu beginnen. Mit der Aufforderung
an die Regierungen der UN-Mitgliedsstaaten, die Einrichtung einer
Parlamentarischen Versammlung bei den Vereinten Nationen zu prüfen,
hat sich auch das Millennium-Forum im Mai 2000 und damit die globale
Zivilgesellschaft der Initiative des World Federalist Movement
für ein UN-Parlament angeschlossen. Nach der Strategie des
World Federalist Movement kann ein beratendes UN-Parlament als
embryonale Vorstufe eines direkt zu wählenden Weltparlaments
betrachtet werden. Vor knapp vier Wochen hat die UN-Generalversammlung
der Interparlamentarischen Union einen Beobachterstatus eingeräumt.
Die Annäherung zwischen der UN und der IPU ist im Kontext
einer parlamentarischen Dimension der UN hoch interessant. [...]
Wenden wir uns einem weiteren Aspekt zu. Die wachsende Anzahl
innerstaatlicher Konflikte führt angesichts von Völkermord,
Bürgerkrieg, schweren Menschenrechtsverletzungen und Kämpfen
zwischen ethnischen oder religiösen Gruppen zu einer Neubewertung
nationalstaatlicher Souveränität. Der Versuch, den ehemaligen
chilenischen Diktator Pinochet vor ein spanisches Gericht zu bringen,
ist ebenso wie die Einrichtung der UN-Sondertribunale für
das Gebiet des ehemaligen Jugoslawien und für Rwanda, nur
ein Indiz für das gewachsene Verantwortungs- und Unrechtsbewußtsein
auf internationaler Ebene. Epochal ist die Durchsetzung des Internationalen
Strafgerichtshofes gegen den massiven Widerstand der USA. Mittlerweile
haben sich mehr als 80 Staaten dem Statut angeschlossen. Erste Überlegungen
zu so einem Gericht gehen auf das Jahr 1872 zurück.
Selbst wenn der Nationalstaat nicht in seinen Grundfunktionen
erodiert, wird seine Fähigkeit zur Gestaltung der Gesellschaft
und zur Lösung von Problemen innerhalb seiner Territorialgrenzen
in einer zunehmenden Zahl von Politikfeldern durch den wirtschaftlichen
Strukturwandel, die neuen Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten
sowie durch sicherheitspolitische und ökologische Probleme
eingeschränkt. Eine Auffächerung nationalstaatlicher
Souveränität ist die Folge: Um den weltweiten Herausforderungen
zu begegnen, sind die Staaten über die regionalen Zusammenschlüsse
hinaus zu immer engerer Kooperation im UN-System gezwungen. Angesichts
der existentiellen Probleme wird es langfristig kaum eine andere
Möglichkeit geben, mal abgesehen vom Versinken im Chaos, wie
es von unserem Szenario "Staatenanarchie" abgedeckt wird.
Dies sind die Grundlagen, auf denen eine föderative und demokratische
Weltordnung wachsen könnte. Worum es hier geht ist ein Umbau
des verzettelten UN-Systems in eine effektive und demokratisierte
Weltorganisation der dritten Generation, in der die nationalstaatliche
Souveränität nach subsidiären Gesichtspunkten aufgefächert
ist. Ein solcher Schritt erfordert die Überwindung des machtpolitischen
Denkens, wie wir es vor allem im Szenario Imperium Americanum kennenlernen,
denn dieses hat ja schon längst begonnen.
Meine Damen und Herren, werfen wir noch mal einen genaueren Blick
auf die USA. Durch die Zwischenwahlen am 5. November 2002 verfügen
die Republikaner erstmals seit 1954 die Mehrheit sowohl im Senat
und im Repräsentantenhaus während sie gleichzeitig den
Präsidenten stellen. Ihre Position hat sich dadurch weiter
gefestigt. Besonders radikale Republikaner sind gegenüber
der UNO insgesamt skeptisch eingestellt. In einem vom Republikaner
Paul Ron im März 1999 in das Repräsentantenhaus eingebrachten
Gesetzentwurf ist sogar der Austritt der USA aus der UNO und sämtlichen
Organisationen des UN-Systems vorgesehen. Es ist aber trotzdem
wichtig zu sehen, dass das Meinungsspektrum in den USA weit gefächert
ist.
Der Senat von Massachusetts beispielsweise verabschiedete im Mai
1992 eine Resolution, mit der der US-Kongress dazu aufgefordert
wurde, die verfassungsrechtlichen Voraussetzungen für eine
Beteiligung der USA an einer föderalen Weltregierung zu schaffen.
Die von den Republikanern und der Bush-Administration verfolgte
Politik spiegelt trotz der historischen Wahlergebnisse nicht das
allgemeine Meinungsbild in der US-Bevölkerung zu internationalen
Fragen wider. In der Bevölkerung sowie bei den Demokraten
stößt eine Stärkung der UN auf Unterstützung.
Den demokratischen Abgeordneten McGovern aus Massachusetts etwa
veranlassten die Gewaltakte in Ost Timor, im Mai 2000 einen Gesetzesentwurf
zur Einrichtung einer 6.000 Mann starken, internationalen Militärtruppe
einzubringen. Noch aufschlußreicher sind repräsentative
Umfragen zu diesem Thema. Drei Monate vor McGoverns Vorstoß haben
sich 51,6 Prozent der US-Amerikaner für eine UN-Armee ausgesprochen.
Die aktuelle World-View-Umfrage von 2002 kommt zu dem Ergebnis,
daß 57 Prozent der Befragten sich eine Stärkung der
UN wünschen, mit einem Gegenargument konfrontiert, wächst
die Zustimmung sogar auf 77 Prozent. Ebenso 77 Prozent befürworten,
daß die UN mit einer schnellen Eingreiftruppe ausgestattet
werden sollte. 71 Prozent sind der Auffassung, die USA sollten
dem Internationalen Strafgerichtshof beitreten, nur 22 Prozent
sind dagegen.
Wenn es in den USA einen Wechsel in den politischen Mehrheiten
und in der Präsidentschaft gibt, besteht die Aussicht, dass
sich das Land zumindest nicht gegen eine Weiterentwicklung der
UNO stemmt.
Meine Damen und Herren, ich komme zum Schluß.
Erst nach der Leidserfahrung des Dreißigjährigen Krieges
wurde das völkerrechtliche Konzept der souveränen Gleichheit
geboren. Zum ersten System kollektiver Sicherheit im Rahmen des
Völkerbundes konnte man sich erst nach den erschütternden
Erfahrungen der modernen Kriegsführung aufraffen. Die Vereinten
Nationen und die europäische Integration sind Ergebnisse des
schier unfassbaren Verbrechen des Zweiten Weltkrieges.
Ich hoffe sehr, daß die Bereitschaft zur Etablierung einer
Weltföderation nicht erst der Schockwirkung einer noch größeren
Katastrophe bedarf. So wenig die Geschichte an sich ein Ziel oder
einen Sinn hat, können wir uns als Menschen doch dazu entschließen,
ihr beides zu verleihen. Dafür brauchen wir eine neue Vision
von der Welt der Zukunft, die uns im konkreten Handeln leitet.
In diesem Sinne wünsche ich uns eine anregende Diskussion.
|