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Weltordnung im Umbruch -
Der Zivilisationsprozeß im globalen Zeitalter

Andreas Bummel, "Weltordnung im Umbruch - Der Zivilisationsprozess im globalen Zeitalter", in: Blickpunkt Zukunft, Nr. 38/39, 22. Jg., April 2002

Über Jahrzehnte war die Weltordnung im bipolaren Konflikt zwischen Ost und West konserviert. Mit dem Ende des Kalten Krieges und der eruptiven Auflösung der Sowjetunion ist diese klare Strukturierung aufgebrochen und eine auf allen Ebenen wirksame Dynamik in Gang gesetzt worden. Im Weltordnungsdiskurs stehen die Sozialwissenschaften den Veränderungen weitgehend orientierungslos gegenüber (vgl. Mettler 2000, 93). Ihre paradigmatische Grundlage ist nach wie vor das Modell des modernen Nationalstaats. Dieser Beitrag wirbt für eine neue Perspektive: Auf Grundlage der Entwicklungsmuster des Zivilisationsprozesses können die nur scheinbar durcheinanderlaufenden Entwicklungen der Gegenwart in einer globalen Betrachtung integriert und mögliche Zukunftsperspektiven für die Weltordnung identifiziert werden.

Die Zivilisationsgeschichte der Menschheit gestaltet sich als ein Prozeß aus Integration und Zerfall sozialer Einheiten. Innerhalb dieser Einheiten kommt es zu geregelten Mechanismen des Interessenausgleichs und zu einer Pazifizierung, während zwischen ihnen eine latente Konkurrenz herrscht, die je nach Veränderung der Machtbalance in gewalttätige Auseinandersetzungen umschlägt. Die grundlegende Funktion dieser Einheiten ist es, ihre Mitglieder gegen Angriffe anderer solcher Einheiten, die ihr Überleben bedrohen, zu schützen bzw. andere zur Verbesserung der eigenen Stellung selbst anzugreifen. Im Verdrängungskampf um Siedlungsgebiete, Rohstoffe, Nahrung und politische Kontrolle ist es zu immer höheren Organisationsstufen und zur Ausbildung immer größerer Einheiten gekommen: von Gruppen von Jägern und Sammlern, Familienverbänden, Sippen und Stämmen über Stadt- und Flächenstaaten zu ganzen Kontinentalreichen. Die heute gebräuchliche Definition von Geopolitik verdeutlicht die fortbestehende Konkurrenz sozialer Einheiten um solche Faktoren: "Die Analyse von Machtrivalitäten zwischen verschiedenen Typen von Machtgruppen sowohl mit dem Ziel der  ideologischen und ökonomischen Dominanz, als auch zur Kontrolle und Dominierung von Territorium, einschließlich maritimer Zonen und dem Luftraum" ( Peters 1999, 31).

Den zivilisatorischen Prozeß sieht der Soziologe Norbert Elias ( 1996) in der Interaktion von Individuen begründet, die er im Begriff der Figuration zusammenfaßt. Die Dynamik der konkurrierenden sozialen Einheiten sieht Elias durch die Verflechtung solcher Figurationen bestimmt. Aus ihrer Wechselwirkung entsteht eine überindividuelle, aber keineswegs teleologische Eigendynamik. "Es kommt zu Entwicklungen, die sich aus planvollen individuellen Handlungen zusammensetzen, als Ganzes jedoch ungeplant sind" (vgl. Baumgart/Eichener, 1997, 112). In seinem Entwurf für eine Theorie der Zivilisation zeigt Elias das Grundmuster der vom frühen Mittelalter ausgehenden Dynamik auf: "Im Zustand der äußersten, feudalen Desintegration des Abendlandes beginnen [...] bestimmte Verflechtungsmechanismen zu spielen, die zu einer Integration immer größerer Verbände hindrängen. Aus den Konkurrenz- und Ausscheidungskämpfen kleinerer Herrschaftseinheiten, der Territorialherrschaften, die sich selbst in den Ausscheidungskämpfen noch kleinerer Einheiten heranbilden, gehen langsam einige wenige und schließlich eine der kämpfenden Einheiten als Sieger hervor. Der Sieger bildet das Integrationszentrum einer größeren Herrschaftseinheit [...]" ( 1995, 435). Aus den dauernden Kämpfen zwischen den Feudalherren entstanden dynastische Monarchien, schließlich absolutistische Staaten, die von einer immer umfassenderen, staatlichen Monopolisierung des Gebrauchs von Gewalt auf ihrem Territorium gekennzeichnet sind.

Die im Krieg gipfelnden Konkurrenzverhältnisse der sozialen Einheiten sind ein wichtiger Impulsgeber für technische, ökonomische und soziale Innovation. Im Zuge der Beilegung des Dreißigjährigen Krieges vor mehr als 350 Jahren verankerte der Westfälische Frieden von Münster und Osnabrück das Prinzip der Souveränität und Gleichheit der Staaten, auf dem die internationale Ordnung im Prinzip heute noch basiert. War die Souveränität zunächst eine Eigenschaft der Feudalherren und absolutistischen Herrscher, verwandelte sie sich bei der Entstehung des modernen Nationalstaats im Zuge der Französischen Revolution 1789 im Innern in die Souveränität des Volkes und nach außen in die des Staates. Der republikanische Staat trat so nahtlos das Erbe der Monarchien an. Die Wertneutralität ermöglichte den Verkehr zwischen verschiedenen Staaten über alle politischen, wirtschaftlichen und ideologischen Gegensätze hinweg. Das latente Konkurrenzverhältnis blieb allerdings bestehen: Das beim Wiener Kongreß 1815 von Metternich fundierte Prinzip des europäischen Machtgleichgewichts zwischen England, Frankreich, Preußen, Österreich und Rußland konnte den Frieden, abgesehen von den Konflikten, an denen Preußen beteiligt war, nämlich den Dänischen Krieg 1863, dem deutsch-österreichischen Krieg 1866 und dem deutsch-französischen Krieg 1870/71, nur auf Kosten des Balkans und Chinas, sowie der Kolonien in Afrika und Südasien sichern. Bei Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 standen keine offenen, außereuropäischen Kompensationsräume mehr zur Verfügung, das System des "europäischen Konzerts" der Großmächte brach mangels weiterer Ausweichmöglichkeiten unter seiner eigenen Bündnisdynamik zusammen. Das von der Souveränität abgeleitete Recht zum Krieg (ius ad bellum) im klassischen Völkerrecht ist so erst unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs mit dem Briand-Kellogg-Pakt vom 27. August 1928 eingeschränkt worden, wenn auch ohne praktischen Erfolg. Das 1945 nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Trümmerhaufen des Völkerbundes entstandene System der Vereinten Nationen basiert weiterhin auf dem Prinzip der Souveränität der Nationalstaaten. Die UN-Charta ist nur ein völkerrechtlicher Vertrag zwischen diesen Staaten, wenn sie auch dem Sicherheitsrat, vom Selbstverteidigungsrecht nach Art. 51 einmal abgesehen, ein völkerrechtliches Gewaltmonopol einräumt.

Gleichwohl existiert erstmals in der Geschichte eine durch engste Interdependenz aller sozialen Einheiten und ihrer Figurationen konstituierte Weltzivilisation, welche ausnahmslos die gesamte Erde umfaßt. Träger dieser über alle Grenzen hinweg wachsenden Verflechtungen sind rasante technologische Fortschritte in den Bereichen Kommunikation, Transport, Medien und Information. Sozialer Wandel ist stark an die Technikentwicklung gekoppelt. Zu denken sei hier nur an die Wirkung technischer Erfindungen wie die des Schießpulvers, des Buchdrucks, der Dampfmaschine oder der Elektrizität. Großtechnische Systeme wie Elektrizitätsnetze, Ver- und Entsorgungssysteme sowie Verkehrs- und Kommunikationssysteme sind dabei im Elias'schen Sinne als "in Material gegossene Form" der Figuration wirksam. Sie stellen spezifische Vehikel sozialer Systeme dar, die auf physisch vernetzten Strukturen beruhen, die sich über große räumliche Distanzen erstrecken (vgl. Grundmann, 1994; Weingart, 1989). Auf dieser Grundlage entstehen mit geographisch ungebundenen, weltweit agierenden Gruppen neue Formen sozialer Einheiten, die in der zivilisatorischen Dynamik eigenständige Faktoren bilden. Dies können sowohl zivilgesellschaftliche Gruppen sein, die der Eigendynamik nach auf globale Integration hindrängen, oder aber terroristische Organisationen, die sich im Überlebenskampf sehen.

In einem schwerfälligen Konferenzmarathon versucht die Staatengemeinschaft, auf die weltweiten Probleme wie extreme Armut, Klimawandel, Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen zu reagieren. Der erhebliche Koordinierungsbedarf auf internationaler Ebene wird in den 514 bis Mai 2000 beim UN-Generalsekretär hinterlegten multilateralen Verträgen sichtbar, die das gesamte Spektrum menschlicher Aktivität abdecken und den Kern des Völkerrechts darstellen. Die Zersplitterung der Welt in formal souveräne Nationalstaaten, die durch voneinander unabhängige Vertragsnetzwerke und zwischenstaatliche Organisationen ohne eigene Souveränität miteinander verbunden sind, ermöglicht bestimmten Staaten eine maximale weltpolitische Bewegungsfreiheit: Das System ist faktisch durch eine Hierarchisierung von Macht zwischen den Staaten geprägt. So können für ihren Status in der internationalen Ordnung wirtschaftliche Faktoren wie das Bruttosozialprodukt oder die Engergieproduktion, technologische Entwicklung, militärische Stärke, Größe und strategische Bedeutung des Territoriums, Größe der Bevölkerung und anderes mehr herangezogen werden. Im Vetorecht der ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates spiegelt sich diese Hierarchie wider: "[Hier] bedeutet die mit dem Grundsatz von der souveränen Gleichheit der Staaten unvereinbare Vetoregel eine normenlogische Inkonsistenz, welche die Legitimität der gesamten Völkerrechtsordnung, wie sie die UN verkörpern, in Frage stellt", bemerkt Hans Köchler ( 1998, 26).

Kriegerische Auseinandersetzung in Territorien wie dem Kongo, in denen die Monopolisierung der Gewalt durch den Staat nur unzureichend entwickelt ist oder sich diese im Rahmen innerstaatlicher Konflikte erst konsolidiert, sind nach wie vor an der Tagesordnung. In diesen gewaltoffenen, d. h. nicht pazifizierten Räumen der Weltzivilisation finden überlagerte, sich auf einem niedrigeren Niveau abspielende Verflechtungsprozesse statt. Diese "grauen Zonen" wie Afghanistan, Borneo, Burundi oder Somalia bleiben von der Weltgemeinschaft weitgehend sich selbst überlassen (vgl. Conesa, 2001). Neue Formen sozialer Einheiten wie das terroristische Al-Kaida-Netzwerk können vornehmlich in solchen Zonen Operationsbasen bilden. Das Verflechtungssystem der großen Kerneinheiten der Welt ist demgegenüber einem qualitativen Wandel unterworfen. Aus der engen Interdependenz der sozialen Einheiten der Weltgesellschaft entsteht eine befriedende Wirkung. Der Krieg als Mittel zur Lösung von Konflikten ist durch die Entwicklung der Massenvernichtungswaffen und des damit einhergehenden Vernichtungspotentials dysfunktional geworden. "Seit 1945 hat der Fortschritt der Zerstörungstechnik in der Gestalt von Kernwaffen die Menschheit [...] in eine neue Entwicklungsphase gedrängt", betont Godfried van Benthem van den Bergh in einer Analyse der Dynamik von Rüstung und Staatsbildungsprozessen ( 1984, 217). Wie die sogenannten Stellvertreterkriege während der Systemkonfrontation und die Entwicklung solcher Konzepte wie der low intensity warfare (LIW) zeigen, eignet sich die direkte und offene Anwendung von Gewalt auf der Ebene der globalen Vormachtkämpfe nicht mehr als sinnvolles Mittel, um Konkurrenzvorteile zu erlangen.

Die Befriedungswirkung durch das militärische Vernichtungspotential auf globaler Ebene ist allerdings instabil. Wie Elias gezeigt hat, folgt der Zivilisationsprozess sozialer Einheiten einer überindividuellen und damit nicht einer der menschlichen Rationalität folgenden Dynamik. Es kann daher nicht davon ausgegangen werden, daß die Dysfunktionalität einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen globalen Kerneinheiten wie den USA, Russland oder China diese in Zukunft auch tatsächlich ausschließt. Die Soziologen Christopher Chase-Dunn und Bruce Podobnik weisen darauf hin, daß "zahlreiche Analysten den Ausbruch eines Krieges zwischen Kernmächten der Welt in Zukunft definitiv für wahrscheinlich halten" ( 1999, 41, 54).  Projekte wie das von den USA geplante nationale Raketenabwehrsystem (NMD), der von der US-Militärdoktrin vorgesehene offensive Einsatz taktischer Nuklearwaffen und die Kriegsrethorik des US-Präsidenten Bush jr. erscheinen in diesem Zusammenhang als hoch problematisch.

Das internationale System wird zugleich zunehmend von ökonomischer und politischer Zusammenarbeit in zwischenstaatlichen Organisationen geprägt. Durch die von der Staatengemeinschaft selbst in Gang gebrachte Liberalisierung der großregionalen und weltweiten Finanz-, Dienstleistungs- und Gütermärkte ist nun eine wechselseitige Eigendynamik zwischen Globalisierung und Integrationsdruck entstanden. Sie hat ihren Ursprung in dem Bemühen der Staaten, im internationalen System durch gezielte Kooperation Konkurrenzvorteile zu erlangen oder für sie nachteiligen Entwicklungen entgegenzuwirken. Herausragendes Beispiel ist die EU, deren Integrationsprozeß erhebliche Ausstrahlungswirkung entfaltet. Nur einige Schlaglichter: So soll im Rahmen der 2001 neu gegründeten Afrikanischen Union eine einheitliche afrikanische Währungs- und Wirtschaftszone geschaffen werden. Zu einer gemeinsamen Wirtschaftszone wollen sich auch die zehn Länder der AESAN-Gemeinschaft zusammenschließen. Bis 2010 ist die Bildung einer Freihandelszone als Vorstufe zu einer Währungsunion geplant. In einem "Jahrhundertprojekt" soll dann ein Zusammengehen mit Japan, China und Südkorea in Angriff genommen werden. Beim ersten südamerikanischen Gipfel im August 2000 in Buenos Aires war von der Vision der "Vereinigten Staaten von Südamerika" die Rede. Schon 1998 hatten sich die 34 Staats- und Regierungschefs aller Staaten Amerikas auf einen Zeitplan für die Schaffung der gemeinsamen Freihandelszone FTAA bis 2005 verständigt, die von Alaska bis Feuerland reichen wird. Selbst im Nahen Osten werden von Ehud Barak und Jordaniens Prinz Hassan regionale Integrationskonzepte als Friedensperspektive vorgebracht.

Mit der wirtschaftspolitischen Annäherung in den Weltregionen könnte eine Tendenz zu zunehmender politischer Integration einhergehen. An den Bemühungen der EU zum Aufbau der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP), ihrer Verschmelzung mit der Westeuropäischen Union (WEU) und dem Zeitplan zur Einrichtung einer entsprechenden EU-Eingreiftruppe bis 2003 wird deutlich, daß eine der wirtschaftlichen Kooperation folgende politische Integration in ihrer sicherheitspolitischen Komponente langfristig auch zu Verschiebungen im militärischen Gewaltmonopol der Staaten führen könnte. Vorschläge für die Einrichtung einer permanenten UN-Eingreiftruppe und zur Einrichtung des in der Charta vorgesehenen UN-Generalstabs weisen auf Weltebene in dieselbe Richtung.

Mit Blick auf die Gründung des Deutschen Zollvereins 1834 wies schon Preußens Finanzminister Friedrich von Motz auf den Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher und politischer Einigung hin: "Wenn es staatswissenschaftliche Wahrheit ist, daß Ein-, Aus- und Durchgangszölle nur die Folge politischer Trennung verschiedener Staaten sind (und das ist wahr), so muß es umgewandt auch Wahrheit sein, daß Einigung dieser Staaten zu einem Zoll- und Handelsverbande zugleich Einigung zu einem und demselben politischen System mit sich führt. Und je natürlicher jene Verbindung zu einem kommerziellen Zoll- und Handelssystem ist - nachdem sie auf der einzig festen und dauerhaften Grundlage wechselseitig gleicher Vorteile ruht -, desto inniger und fester wird auch die Verbindung zu einem politischen System unter diesen Staaten sein" ( Görtemaker 1983, 148). Hans-Werner Hahn ( 1984) weist jedoch darauf hin, daß der Zollverein "noch nicht" aufgrund selbstdynamischer Eigengesetzlichkeiten zur politischen Einigung geführt habe. Für die deutsche Reichsgründung 1871 in Versailles waren Entscheidungen auf dem militärisch-politischen Sektor, namentlich der deutsch-französische Krieg, ausschlaggebend. "Zum anderen sollte bei einer Bewertung der politischen Folgen stets beachtet werden, daß die Integrationserfolge des Zollvereins eng mit seinen hegemonialen Strukturen zusammenhingen", so Hahn mit Blick auf die preußische Vormachtstellung im Deutschen Bund vom 8. Juni 1815 (ebd., 193).

Das Interesse der USA an der Gründung der FTAA, die nach dem Ende des Kalten Krieges zu einem wichtigen Punkt auf ihrer politischen Tagesordnung wurde, sehen Beobachter hier in ähnlicher Weise motiviert, sich "einen riesigen Markt zu schaffen und zugleich die Vormachtstellung auf dem Doppelkontinent zu zementieren" ( Habel, 2000). Hintergrund ist die zu ortende, relative Abnahme der US-amerikanischen Hegemoniefähigkeit auf globaler Ebene. Das von dem Historiker Paul Kennedy ( 1989) analysierte Phänomen der imperialen Überdehnung, die zur Implosion von Hegemonialmächten geführt hat, ist im Fall der USA evident. Kennedy kommt zu dem Fazit, daß "die Entscheidungsträger in Washington [...] nun der Tatsache ins Auge sehen [müssen], daß die Gesamtsumme der globalen Interessen und Verpflichtungen der USA heutzutage weit größer ist als die Kraft des Landes, sie alle gleichzeitig zu erfüllen" (ebd., 759). Die Weltmacht USA ist ökonomisch wie kaum ein anderes Industrieland von ausländischen Kapitalgebern abhängig, stellt der Ökonome Wolfgang Flic fest. Durch den gleichzeitigen Aufstieg anderer Kernmächte ist die Weltordnung von einer zunehmenden Tendenz zur Multipolarität bestimmt, welche die Dynamik in den Großregionen anregt. "Die globale Politik hat sich folglich vom bipolaren System des Kalten Kriegs durch einen unipolaren Moment - mit Gipfel im Golfkrieg - bewegt und passiert nun ein oder zwei uni-multipolare Jahrzehnte, bevor sie in ein echtes multipolares 21. Jahrhundert eintritt", so der US-Stratege Samuel Huntington ( 1999). Die Reaktion der USA auf die Anschläge des 11. Septembers 2001 wird diese Tendenz nur mittelfristig verzögern können. Die außenpolitische Rücksichtslosigkeit der USA, als könne sie ihre hegemoniale Stellung langfristig behalten, führt durch entsprechende Gegenreaktionen im Gegenteil nur zu einer Verstärkung dieser Entwicklung.

Hinter der gegenwärtigen Dynamik zur Konsolidierung der zahlreichen großregionalen Wirtschaftszusammenschlüsse sehen Chase-Dunn und Podobnik entsprechend nicht nur das Bedürfnis nach freiem Austausch von Gütern und Dienstleistungen. Das Ausbleiben von diplomatischen Initiativen für die Bildung der seit Jahren diskutierten Transatlantischen Freihandelszone TAFTA zwischen den USA und der EU erscheint vor diesem Hintergrund keineswegs als das von Clyde Prestowitz ( 1996) und anderen ausgemachte "große Mysterium der modernen internationalen Wirtschaftsbeziehungen." Vielmehr kann der gegenwärtige "[...] Prozeß der Blockformation [...] als funktionales Äquivalent zum kolonialen Imperialismus vergangener Jahrhunderte gesehen werden - mit rivalisierenden Kernmächten, die versuchen, ihre jeweilige geopolitische Position durch den Aufbau einer Dominanz über die Überschußakkumulation >ihres< Teils der Welt zu festigen", so Chase-Dunn und Podobnik (1999, 57). Wirtschaftliche, technologische und politische Integration ist so in der internationalen Hierarchietektonik zu einem zivilisatorischen Substitut für die dysfunktional gewordene Anwendung von Gewalt herangewachsen. Die daraus entstehenden zwischenstaatlichen Zusammenschlüsse bilden die Anfänge von supranationalen sozialen Einheiten in den Weltregionen und damit ein weiteres Stockwerk im Zivilisationsprozeß.

Die als zivilisatorisches Substitut des durch die Entwicklung der Massenvernichtungswaffen dysfunktional gewordenen Krieges interpretierbaren Integrationsprozesse können als Anfang des von Elias prognostizierten globalen Staatsbildungsprozesses verstanden werden (vgl. Elias 1995, 118, 436). Gleichzeitig allerdings sind die Konkurrenzverhältnisse zwischen sozialen Einheiten auf unteren Ebenen, etwa zwischen ethnischen Minderheiten und sie unterdrückenden Staatsgebilden, durch Gewaltausübung geprägt. In der Überlagerung der auf verschiedenen Ebenen ablaufenden Prozesse sowie in der gleichzeitigen Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen in der Staatengemeinschaft wird die Fragilität der globalen Integrationsprozesse deutlich. Mit der Tendenz zu einer multipolaren Ordnung gehen langfristig veränderte Rahmenbedingungen für die Möglichkeiten zu einer Weiterentwicklung und Reform des UN-Systems einher. Verschiebungen in der Staatenhierarchie werden entweder zu Strukturanpassungen innerhalb der UN führen, zunächst etwa durch eine Abschaffung des Vetorechts im Sicherheitsrat, oder aber eine vollständige Marginalisierung der Weltorganisation einleiten, mit der ein dramatischer zivilisatorischer Regress der Menschheit verbunden sein würde. Weitreichende Reformvorschläge für das UN-System aufgrund des gegenwärtig gegebenen politischen Stillstands als utopisch abzulehnen und nicht zu diskutieren, ist deshalb nicht nur kurzsichtig, sondern auch riskant.

Neben großregionaler Integration bildet die Reform der Vereinten Nationen so den Kulminationspunkt zivilisatorischer Prozesse im 21. Jahrhundert. Der entscheidende Faktor wird dabei sein, daß sich institutionalisierte Formen des Interessensausgleichs und der Entscheidungsfindung herausbilden, in die möglichst alle relevanten sozialen Einheiten gerecht und angemessen integriert sind. Die Frage nach der Gestalt einer stabilen Weltordnung sieht der Weltföderalismus durch die Zivilisationsgeschichte selbst beantwortet: "Seit der Antike haben jedes Dorf, jede Stadt und schließlich jeder Staat erkannt, daß eine Gesellschaft mit innerem Frieden folgendes erfordert: 1. Gesetze (um festzulegen, was getan bzw. nicht getan werden darf); 2. Gerichte (um Streitigkeiten zu lösen und zu entscheiden, ob die Bestimmungen der Gesetze verletzt worden sind); 3. ein System wirksamer Rechtsdurchsetzung", so Benjamin Ferencz ( Brauer 1995, 14). Wie die Philosophen Vittorio Hösle ( 1997) und Otfried Höffe ( 1999) jüngst festgestellt haben, können solche Institutionen letztlich nur im Rahmen einer föderalen Weltrepublik den Frieden sichern und zur globalen Herrschaft von Recht, Gerechtigkeit und Demokratie führen. Das bevorstehende Inkrafttreten des Statuts des Internationalen Strafgerichtshofes in diesem Jahr weist in diese Richtung.

Erst nach der Leidserfahrung des Dreißigjährigen Krieges wurde das völkerrechtliche Konzept der souveränen Gleichheit geboren, der Völkerbund war eine Konsequenz der erschütternden Erfahrungen der modernen Kriegsführung und die Vereinten Nationen das Ergebnis seines Versagens im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges. Es bleibt zu hoffen, daß die Bereitschaft zur Etablierung einer Weltföderation nicht erst der Schockwirkung einer dritten globalen Katastrophe bedarf. Es könnte die letzte sein.

 

Nachweise

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Elias, Norbert (1996); Was ist Soziologie?, 8. Aufl., Weinheim/München: Juventa weiterlesen

Görtemaker, Manfred (1983); Deutschland im 19. Jahrhundert. Entwicklungslinien, 1. Aufl., Opladen: Leske und Budrich weiterlesen

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