Weltordnung
im Umbruch -
Der Zivilisationsprozeß im globalen Zeitalter
Andreas Bummel, "Weltordnung im Umbruch - Der Zivilisationsprozess
im globalen Zeitalter", in: Blickpunkt
Zukunft, Nr. 38/39, 22. Jg., April 2002
Über Jahrzehnte war die Weltordnung im bipolaren
Konflikt zwischen Ost und West konserviert. Mit dem Ende des Kalten
Krieges und der eruptiven Auflösung der Sowjetunion ist diese
klare Strukturierung aufgebrochen und eine auf allen Ebenen wirksame
Dynamik in Gang gesetzt worden. Im Weltordnungsdiskurs stehen die
Sozialwissenschaften den Veränderungen weitgehend orientierungslos
gegenüber (vgl. Mettler
2000, 93).
Ihre paradigmatische Grundlage ist nach wie vor das Modell des
modernen Nationalstaats. Dieser Beitrag wirbt für eine neue
Perspektive: Auf Grundlage der Entwicklungsmuster des Zivilisationsprozesses
können die nur scheinbar durcheinanderlaufenden Entwicklungen
der Gegenwart in einer globalen Betrachtung integriert und mögliche
Zukunftsperspektiven für die Weltordnung identifiziert werden.
Die Zivilisationsgeschichte der Menschheit gestaltet
sich als ein Prozeß aus Integration und Zerfall sozialer
Einheiten. Innerhalb dieser Einheiten kommt es zu geregelten Mechanismen
des Interessenausgleichs und zu einer Pazifizierung, während
zwischen ihnen eine latente Konkurrenz herrscht, die je nach Veränderung
der Machtbalance in gewalttätige Auseinandersetzungen umschlägt.
Die grundlegende Funktion dieser Einheiten ist es, ihre Mitglieder
gegen Angriffe anderer solcher Einheiten, die ihr Überleben
bedrohen, zu schützen bzw. andere zur Verbesserung der eigenen
Stellung selbst anzugreifen. Im Verdrängungskampf um Siedlungsgebiete,
Rohstoffe, Nahrung und politische Kontrolle ist es zu immer höheren
Organisationsstufen und zur Ausbildung immer größerer
Einheiten gekommen: von Gruppen von Jägern und Sammlern, Familienverbänden,
Sippen und Stämmen über Stadt- und Flächenstaaten
zu ganzen Kontinentalreichen. Die heute gebräuchliche Definition
von Geopolitik verdeutlicht die fortbestehende Konkurrenz sozialer
Einheiten um solche Faktoren: "Die Analyse von Machtrivalitäten
zwischen verschiedenen Typen von Machtgruppen sowohl mit dem Ziel
der ideologischen und ökonomischen Dominanz, als auch
zur Kontrolle und Dominierung von Territorium, einschließlich
maritimer Zonen und dem Luftraum" ( Peters
1999, 31).
Den zivilisatorischen Prozeß sieht der Soziologe
Norbert Elias ( 1996) in
der Interaktion von Individuen begründet, die er im Begriff
der Figuration zusammenfaßt. Die Dynamik der konkurrierenden
sozialen Einheiten sieht Elias durch die Verflechtung solcher Figurationen
bestimmt. Aus ihrer Wechselwirkung entsteht eine überindividuelle,
aber keineswegs teleologische Eigendynamik. "Es kommt zu Entwicklungen,
die sich aus planvollen individuellen Handlungen zusammensetzen,
als Ganzes jedoch ungeplant sind" (vgl. Baumgart/Eichener,
1997, 112).
In seinem Entwurf für eine Theorie der Zivilisation zeigt
Elias das Grundmuster der vom frühen Mittelalter ausgehenden
Dynamik auf: "Im Zustand der äußersten, feudalen Desintegration
des Abendlandes beginnen [...] bestimmte Verflechtungsmechanismen
zu spielen, die zu einer Integration immer größerer
Verbände hindrängen. Aus den Konkurrenz- und Ausscheidungskämpfen
kleinerer Herrschaftseinheiten, der Territorialherrschaften, die
sich selbst in den Ausscheidungskämpfen noch kleinerer Einheiten
heranbilden, gehen langsam einige wenige und schließlich
eine der kämpfenden Einheiten als Sieger hervor. Der Sieger
bildet das Integrationszentrum einer größeren Herrschaftseinheit
[...]" ( 1995,
435).
Aus den dauernden Kämpfen zwischen den Feudalherren entstanden
dynastische Monarchien, schließlich absolutistische Staaten,
die von einer immer umfassenderen, staatlichen Monopolisierung
des Gebrauchs von Gewalt auf ihrem Territorium gekennzeichnet sind.
Die im Krieg gipfelnden Konkurrenzverhältnisse
der sozialen Einheiten sind ein wichtiger Impulsgeber für
technische, ökonomische und soziale Innovation. Im Zuge der
Beilegung des Dreißigjährigen Krieges vor mehr als 350
Jahren verankerte der Westfälische Frieden von Münster
und Osnabrück das Prinzip der Souveränität und Gleichheit
der Staaten, auf dem die internationale Ordnung im Prinzip heute
noch basiert. War die Souveränität zunächst eine
Eigenschaft der Feudalherren und absolutistischen Herrscher, verwandelte
sie sich bei der Entstehung des modernen Nationalstaats im Zuge
der Französischen Revolution 1789 im Innern in die Souveränität
des Volkes und nach außen in die des Staates. Der republikanische
Staat trat so nahtlos das Erbe der Monarchien an. Die Wertneutralität
ermöglichte den Verkehr zwischen verschiedenen Staaten über
alle politischen, wirtschaftlichen und ideologischen Gegensätze
hinweg. Das latente Konkurrenzverhältnis blieb allerdings
bestehen: Das beim Wiener Kongreß 1815 von Metternich fundierte
Prinzip des europäischen Machtgleichgewichts zwischen England,
Frankreich, Preußen, Österreich und Rußland konnte
den Frieden, abgesehen von den Konflikten, an denen Preußen
beteiligt war, nämlich den Dänischen Krieg 1863, dem
deutsch-österreichischen Krieg 1866 und dem deutsch-französischen
Krieg 1870/71, nur auf Kosten des Balkans und Chinas, sowie der
Kolonien in Afrika und Südasien sichern. Bei Beginn des Ersten
Weltkrieges 1914 standen keine offenen, außereuropäischen
Kompensationsräume mehr zur Verfügung, das System des "europäischen
Konzerts" der Großmächte brach mangels weiterer Ausweichmöglichkeiten
unter seiner eigenen Bündnisdynamik zusammen. Das von der
Souveränität abgeleitete Recht zum Krieg (ius ad bellum) im
klassischen Völkerrecht ist so erst unter dem Eindruck des
Ersten Weltkriegs mit dem Briand-Kellogg-Pakt vom 27. August 1928
eingeschränkt worden, wenn auch ohne praktischen Erfolg. Das
1945 nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Trümmerhaufen des
Völkerbundes entstandene System der Vereinten Nationen basiert
weiterhin auf dem Prinzip der Souveränität der Nationalstaaten.
Die UN-Charta ist nur ein völkerrechtlicher Vertrag zwischen
diesen Staaten, wenn sie auch dem Sicherheitsrat, vom Selbstverteidigungsrecht
nach Art. 51 einmal abgesehen, ein völkerrechtliches Gewaltmonopol
einräumt.
Gleichwohl existiert erstmals in der Geschichte eine
durch engste Interdependenz aller sozialen Einheiten und ihrer
Figurationen konstituierte Weltzivilisation, welche ausnahmslos
die gesamte Erde umfaßt. Träger dieser über alle
Grenzen hinweg wachsenden Verflechtungen sind rasante technologische
Fortschritte in den Bereichen Kommunikation, Transport, Medien
und Information. Sozialer Wandel ist stark an die Technikentwicklung
gekoppelt. Zu denken sei hier nur an die Wirkung technischer Erfindungen
wie die des Schießpulvers, des Buchdrucks, der Dampfmaschine
oder der Elektrizität. Großtechnische Systeme wie Elektrizitätsnetze,
Ver- und Entsorgungssysteme sowie Verkehrs- und Kommunikationssysteme
sind dabei im Elias'schen Sinne als "in Material gegossene Form" der
Figuration wirksam. Sie stellen spezifische Vehikel sozialer Systeme
dar, die auf physisch vernetzten Strukturen beruhen, die sich über
große räumliche Distanzen erstrecken (vgl. Grundmann,
1994; Weingart, 1989).
Auf dieser Grundlage entstehen mit geographisch ungebundenen, weltweit
agierenden Gruppen neue Formen sozialer Einheiten, die in der zivilisatorischen
Dynamik eigenständige Faktoren bilden. Dies können sowohl
zivilgesellschaftliche Gruppen sein, die der Eigendynamik nach
auf globale Integration hindrängen, oder aber terroristische
Organisationen, die sich im Überlebenskampf sehen.
In einem schwerfälligen Konferenzmarathon versucht
die Staatengemeinschaft, auf die weltweiten Probleme wie extreme
Armut, Klimawandel, Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, Umweltzerstörung
und Menschenrechtsverletzungen zu reagieren. Der erhebliche Koordinierungsbedarf
auf internationaler Ebene wird in den 514 bis Mai 2000 beim UN-Generalsekretär
hinterlegten multilateralen Verträgen sichtbar, die das gesamte
Spektrum menschlicher Aktivität abdecken und den Kern des
Völkerrechts darstellen. Die Zersplitterung der Welt in formal
souveräne Nationalstaaten, die durch voneinander unabhängige
Vertragsnetzwerke und zwischenstaatliche Organisationen ohne eigene
Souveränität miteinander verbunden sind, ermöglicht
bestimmten Staaten eine maximale weltpolitische Bewegungsfreiheit:
Das System ist faktisch durch eine Hierarchisierung von Macht zwischen
den Staaten geprägt. So können für ihren Status
in der internationalen Ordnung wirtschaftliche Faktoren wie das
Bruttosozialprodukt oder die Engergieproduktion, technologische
Entwicklung, militärische Stärke, Größe und
strategische Bedeutung des Territoriums, Größe der Bevölkerung
und anderes mehr herangezogen werden. Im Vetorecht der ständigen
Mitglieder des UN-Sicherheitsrates spiegelt sich diese Hierarchie
wider: "[Hier] bedeutet die mit dem Grundsatz von der souveränen
Gleichheit der Staaten unvereinbare Vetoregel eine normenlogische
Inkonsistenz, welche die Legitimität der gesamten Völkerrechtsordnung,
wie sie die UN verkörpern, in Frage stellt", bemerkt Hans
Köchler ( 1998,
26).
Kriegerische Auseinandersetzung in Territorien wie
dem Kongo, in denen die Monopolisierung der Gewalt durch den Staat
nur unzureichend entwickelt ist oder sich diese im Rahmen innerstaatlicher
Konflikte erst konsolidiert, sind nach wie vor an der Tagesordnung.
In diesen gewaltoffenen, d. h. nicht pazifizierten Räumen
der Weltzivilisation finden überlagerte, sich auf einem niedrigeren
Niveau abspielende Verflechtungsprozesse statt. Diese "grauen Zonen" wie
Afghanistan, Borneo, Burundi oder Somalia bleiben von der Weltgemeinschaft
weitgehend sich selbst überlassen (vgl. Conesa,
2001). Neue Formen sozialer Einheiten wie
das terroristische Al-Kaida-Netzwerk können vornehmlich in
solchen Zonen Operationsbasen bilden. Das Verflechtungssystem der
großen Kerneinheiten der Welt ist demgegenüber einem
qualitativen Wandel unterworfen. Aus der engen Interdependenz der
sozialen Einheiten der Weltgesellschaft entsteht eine befriedende
Wirkung. Der Krieg als Mittel zur Lösung von Konflikten ist
durch die Entwicklung der Massenvernichtungswaffen und des damit
einhergehenden Vernichtungspotentials dysfunktional geworden. "Seit
1945 hat der Fortschritt der Zerstörungstechnik in der Gestalt
von Kernwaffen die Menschheit [...] in eine neue Entwicklungsphase
gedrängt", betont Godfried van Benthem van den Bergh in einer
Analyse der Dynamik von Rüstung und Staatsbildungsprozessen
( 1984,
217).
Wie die sogenannten Stellvertreterkriege während der Systemkonfrontation
und die Entwicklung solcher Konzepte wie der low intensity warfare
(LIW) zeigen,
eignet sich die direkte und offene Anwendung von Gewalt auf der
Ebene der globalen Vormachtkämpfe nicht mehr als sinnvolles
Mittel, um Konkurrenzvorteile zu erlangen.
Die Befriedungswirkung durch das militärische
Vernichtungspotential auf globaler Ebene ist allerdings instabil.
Wie Elias gezeigt hat, folgt der Zivilisationsprozess sozialer
Einheiten einer überindividuellen und damit nicht einer der
menschlichen Rationalität folgenden Dynamik. Es kann daher
nicht davon ausgegangen werden, daß die Dysfunktionalität
einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen globalen Kerneinheiten
wie den USA, Russland oder China diese in Zukunft auch tatsächlich
ausschließt. Die Soziologen Christopher Chase-Dunn und Bruce
Podobnik weisen darauf hin, daß "zahlreiche Analysten den
Ausbruch eines Krieges zwischen Kernmächten der Welt in Zukunft
definitiv für wahrscheinlich halten" ( 1999,
41, 54). Projekte wie das von den
USA geplante nationale Raketenabwehrsystem (NMD), der von der US-Militärdoktrin
vorgesehene offensive Einsatz taktischer Nuklearwaffen und die
Kriegsrethorik des US-Präsidenten Bush jr. erscheinen in diesem
Zusammenhang als hoch problematisch.
Das internationale System wird zugleich zunehmend von ökonomischer
und politischer Zusammenarbeit in zwischenstaatlichen Organisationen
geprägt. Durch die von der Staatengemeinschaft selbst in Gang
gebrachte Liberalisierung der großregionalen und weltweiten
Finanz-, Dienstleistungs- und Gütermärkte ist nun eine
wechselseitige Eigendynamik zwischen Globalisierung und Integrationsdruck
entstanden. Sie hat ihren Ursprung in dem Bemühen der Staaten,
im internationalen System durch gezielte Kooperation Konkurrenzvorteile
zu erlangen oder für sie nachteiligen Entwicklungen entgegenzuwirken.
Herausragendes Beispiel ist die EU, deren Integrationsprozeß erhebliche
Ausstrahlungswirkung entfaltet. Nur einige Schlaglichter: So soll
im Rahmen der 2001 neu gegründeten Afrikanischen Union eine
einheitliche afrikanische Währungs- und Wirtschaftszone geschaffen
werden. Zu einer gemeinsamen Wirtschaftszone wollen sich auch die
zehn Länder der AESAN-Gemeinschaft zusammenschließen.
Bis 2010 ist die Bildung einer Freihandelszone als Vorstufe zu
einer Währungsunion geplant. In einem "Jahrhundertprojekt" soll
dann ein Zusammengehen mit Japan, China und Südkorea in Angriff
genommen werden. Beim ersten südamerikanischen Gipfel im August
2000 in Buenos Aires war von der Vision der "Vereinigten Staaten
von Südamerika" die Rede. Schon 1998 hatten sich die 34 Staats-
und Regierungschefs aller Staaten Amerikas auf einen Zeitplan für
die Schaffung der gemeinsamen Freihandelszone FTAA bis 2005 verständigt,
die von Alaska bis Feuerland reichen wird. Selbst im Nahen Osten
werden von Ehud Barak und Jordaniens Prinz Hassan regionale Integrationskonzepte
als Friedensperspektive vorgebracht.
Mit der wirtschaftspolitischen Annäherung in den
Weltregionen könnte eine Tendenz zu zunehmender politischer
Integration einhergehen. An den Bemühungen der EU zum Aufbau
der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP), ihrer
Verschmelzung mit der Westeuropäischen Union (WEU) und dem
Zeitplan zur Einrichtung einer entsprechenden EU-Eingreiftruppe
bis 2003 wird deutlich, daß eine der wirtschaftlichen Kooperation
folgende politische Integration in ihrer sicherheitspolitischen
Komponente langfristig auch zu Verschiebungen im militärischen
Gewaltmonopol der Staaten führen könnte. Vorschläge
für die Einrichtung einer permanenten UN-Eingreiftruppe und
zur Einrichtung des in der Charta vorgesehenen UN-Generalstabs
weisen auf Weltebene in dieselbe Richtung.
Mit Blick auf die Gründung des Deutschen Zollvereins
1834 wies schon Preußens Finanzminister Friedrich von Motz
auf den Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher und politischer
Einigung hin: "Wenn es staatswissenschaftliche Wahrheit ist, daß Ein-,
Aus- und Durchgangszölle nur die Folge politischer Trennung
verschiedener Staaten sind (und das ist wahr), so muß es
umgewandt auch Wahrheit sein, daß Einigung dieser Staaten
zu einem Zoll- und Handelsverbande zugleich Einigung zu einem und
demselben politischen System mit sich führt. Und je natürlicher
jene Verbindung zu einem kommerziellen Zoll- und Handelssystem
ist - nachdem sie auf der einzig festen und dauerhaften Grundlage
wechselseitig gleicher Vorteile ruht -, desto inniger und fester
wird auch die Verbindung zu einem politischen System unter
diesen Staaten sein" ( Görtemaker
1983, 148).
Hans-Werner Hahn ( 1984) weist
jedoch darauf hin, daß der Zollverein "noch nicht" aufgrund
selbstdynamischer Eigengesetzlichkeiten zur politischen Einigung
geführt habe.
Für die deutsche Reichsgründung 1871 in Versailles waren
Entscheidungen auf dem militärisch-politischen Sektor, namentlich
der deutsch-französische Krieg, ausschlaggebend. "Zum anderen
sollte bei einer Bewertung der politischen Folgen stets beachtet
werden, daß die Integrationserfolge des Zollvereins eng mit
seinen hegemonialen Strukturen zusammenhingen", so Hahn mit Blick
auf die preußische Vormachtstellung im Deutschen Bund vom
8. Juni 1815 (ebd., 193).
Das Interesse der USA an der Gründung der FTAA,
die nach dem Ende des Kalten Krieges zu einem wichtigen Punkt auf
ihrer politischen Tagesordnung wurde, sehen Beobachter hier in ähnlicher
Weise motiviert, sich "einen riesigen Markt zu schaffen und zugleich
die Vormachtstellung auf dem Doppelkontinent zu zementieren" ( Habel,
2000). Hintergrund ist die zu ortende,
relative Abnahme der US-amerikanischen Hegemoniefähigkeit
auf globaler Ebene. Das von dem Historiker Paul Kennedy ( 1989) analysierte
Phänomen
der imperialen Überdehnung, die zur Implosion von Hegemonialmächten
geführt hat, ist im Fall der USA evident. Kennedy kommt zu
dem Fazit, daß "die Entscheidungsträger in Washington
[...] nun der Tatsache ins Auge sehen [müssen], daß die
Gesamtsumme der globalen Interessen und Verpflichtungen der USA
heutzutage weit größer ist als die Kraft des Landes,
sie alle gleichzeitig zu erfüllen" (ebd., 759). Die Weltmacht
USA ist ökonomisch wie kaum ein anderes Industrieland von
ausländischen Kapitalgebern abhängig, stellt der Ökonome
Wolfgang Flic fest. Durch den gleichzeitigen Aufstieg anderer Kernmächte
ist die Weltordnung von einer zunehmenden Tendenz zur Multipolarität
bestimmt, welche die Dynamik in den Großregionen anregt. "Die
globale Politik hat sich folglich vom bipolaren System des Kalten
Kriegs durch einen unipolaren Moment - mit Gipfel im Golfkrieg
- bewegt und passiert nun ein oder zwei uni-multipolare Jahrzehnte,
bevor sie in ein echtes multipolares 21. Jahrhundert eintritt",
so der US-Stratege Samuel Huntington ( 1999).
Die Reaktion der USA auf die Anschläge des 11. Septembers
2001 wird diese Tendenz nur mittelfristig verzögern können.
Die außenpolitische
Rücksichtslosigkeit der USA, als könne sie ihre hegemoniale
Stellung langfristig behalten, führt durch entsprechende Gegenreaktionen
im Gegenteil nur zu einer Verstärkung dieser Entwicklung.
Hinter der gegenwärtigen Dynamik zur Konsolidierung
der zahlreichen großregionalen Wirtschaftszusammenschlüsse
sehen Chase-Dunn und Podobnik entsprechend nicht nur das Bedürfnis
nach freiem Austausch von Gütern und Dienstleistungen. Das
Ausbleiben von diplomatischen Initiativen für die Bildung
der seit Jahren diskutierten Transatlantischen Freihandelszone
TAFTA zwischen den USA und der EU erscheint vor diesem Hintergrund
keineswegs als das von Clyde Prestowitz ( 1996) und
anderen ausgemachte "große Mysterium der modernen internationalen
Wirtschaftsbeziehungen." Vielmehr kann der gegenwärtige "[...]
Prozeß der Blockformation [...] als funktionales Äquivalent
zum kolonialen Imperialismus vergangener Jahrhunderte gesehen werden
- mit rivalisierenden Kernmächten, die versuchen, ihre jeweilige
geopolitische Position durch den Aufbau einer Dominanz über
die Überschußakkumulation >ihres< Teils der Welt
zu festigen", so Chase-Dunn und Podobnik (1999, 57). Wirtschaftliche,
technologische und politische Integration ist so in der internationalen
Hierarchietektonik zu einem zivilisatorischen Substitut für
die dysfunktional gewordene Anwendung von Gewalt herangewachsen.
Die daraus entstehenden zwischenstaatlichen Zusammenschlüsse
bilden die Anfänge von supranationalen sozialen Einheiten
in den Weltregionen und damit ein weiteres Stockwerk im Zivilisationsprozeß.
Die als zivilisatorisches Substitut des durch die Entwicklung
der Massenvernichtungswaffen dysfunktional gewordenen Krieges interpretierbaren
Integrationsprozesse können als Anfang des von Elias prognostizierten
globalen Staatsbildungsprozesses verstanden werden (vgl. Elias
1995, 118, 436). Gleichzeitig allerdings sind die Konkurrenzverhältnisse
zwischen sozialen Einheiten auf unteren Ebenen, etwa zwischen ethnischen
Minderheiten und sie unterdrückenden Staatsgebilden, durch
Gewaltausübung geprägt. In der Überlagerung der
auf verschiedenen Ebenen ablaufenden Prozesse sowie in der gleichzeitigen
Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen in der Staatengemeinschaft
wird die Fragilität der globalen Integrationsprozesse deutlich.
Mit der Tendenz zu einer multipolaren Ordnung gehen langfristig
veränderte Rahmenbedingungen für die Möglichkeiten
zu einer Weiterentwicklung und Reform des UN-Systems einher. Verschiebungen
in der Staatenhierarchie werden entweder zu Strukturanpassungen
innerhalb der UN führen, zunächst etwa durch eine Abschaffung
des Vetorechts im Sicherheitsrat, oder aber eine vollständige
Marginalisierung der Weltorganisation einleiten, mit der ein dramatischer
zivilisatorischer Regress der Menschheit verbunden sein würde.
Weitreichende Reformvorschläge für das UN-System aufgrund
des gegenwärtig gegebenen politischen Stillstands als utopisch
abzulehnen und nicht zu diskutieren, ist deshalb nicht nur kurzsichtig,
sondern auch riskant.
Neben großregionaler Integration bildet die Reform
der Vereinten Nationen so den Kulminationspunkt zivilisatorischer
Prozesse im 21. Jahrhundert. Der entscheidende Faktor wird dabei
sein, daß sich institutionalisierte Formen des Interessensausgleichs
und der Entscheidungsfindung herausbilden, in die möglichst
alle relevanten sozialen Einheiten gerecht und angemessen integriert
sind. Die Frage nach der Gestalt einer stabilen Weltordnung sieht
der Weltföderalismus durch die Zivilisationsgeschichte selbst
beantwortet: "Seit der Antike haben jedes Dorf, jede Stadt und
schließlich jeder Staat erkannt, daß eine Gesellschaft
mit innerem Frieden folgendes erfordert: 1. Gesetze (um festzulegen,
was getan bzw. nicht getan werden darf); 2. Gerichte (um Streitigkeiten
zu lösen und zu entscheiden, ob die Bestimmungen der Gesetze
verletzt worden sind); 3. ein System wirksamer Rechtsdurchsetzung",
so Benjamin Ferencz ( Brauer
1995, 14).
Wie die Philosophen Vittorio Hösle ( 1997)
und Otfried Höffe ( 1999) jüngst
festgestellt haben, können solche Institutionen letztlich
nur im Rahmen einer föderalen Weltrepublik den Frieden sichern
und zur globalen Herrschaft von Recht, Gerechtigkeit und Demokratie
führen. Das bevorstehende Inkrafttreten des Statuts des Internationalen
Strafgerichtshofes in diesem Jahr weist in diese Richtung.
Erst nach der Leidserfahrung des Dreißigjährigen
Krieges wurde das völkerrechtliche Konzept der souveränen
Gleichheit geboren, der Völkerbund war eine Konsequenz der
erschütternden Erfahrungen der modernen Kriegsführung
und die Vereinten Nationen das Ergebnis seines Versagens im Vorfeld
des Zweiten Weltkrieges. Es bleibt zu hoffen, daß die Bereitschaft
zur Etablierung einer Weltföderation nicht erst der Schockwirkung
einer dritten globalen Katastrophe bedarf. Es könnte die letzte
sein.
Nachweise
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