Weltordnungsdiskurs
in der Krise -
Nationalstaatliche Souveränität als anachronistisches Paradigma
Andreas Bummel, "Weltordnungsdiskurs in der Krise - Nationalstaatliche
Souveränität als anachronistisches Paradigma", in: Blickpunkt
Zukunft, Nr. 40, 23. Jg., 2003
Der herrschende Diskurs über die Entwicklungspotentiale
der Weltordnung befindet sich in einer grundlegenden Krise. Mit
lapidaren Werturteilen, unzureichender Recherche und immer komplizierter
werdenden Theorieentwürfen und Modellen gehen Völkerrechtler,
Politologen und Sozialwissenschaftler der unangenehmen Aufgabe
aus dem Weg, anachronistisch gewordene Grundannahmen ihres Diskurses
zu hinterfragen oder gar über Bord zu werfen.
Nach den Weltkriegen von 1918 und 1945 hatten Theorien
internationaler Integration allgemeine Hochkonjunktur und erfreuten
sich breiter Aufmerksamkeit. ( Fn
1) Angesichts
der scheinbar unüberwindlichen Systemkonfrontation zwischen
Ost und West brach der Diskurs Anfang der 1970er Jahre allerdings
weitgehend ab und wurde auch nach 1989 nicht wieder aufgegriffen.
Die als unzureichend empfundenen Chancen für eine
umfassende Reform und institutionelle Weiterentwicklung des Systems
der Vereinten Nationen verdichten sich in einer axiomatischen Ablehnung
normativer Theorien und Erklärungsmodelle, die über den
Nationalstaat als wesentliches Strukturelement des Weltsystems
hinausweisen. Bestenfalls wird die wachsende Bedeutung der globalen
Zivilgesellschaft, namentlich der zahlreichen Nichtregierungsorganisationen
(NROs), anerkannt. "Auch wenn es gute Gründe für einen
Weltstaat geben mag, so werden dessen Realisierungsmöglichkeiten
von seinen Verfechtern überschätzt und die Chancen der
Selbstkoordination politischer Gemeinschaften in der Weltpolitik
unterschätzt", heißt es bei Andreas Hasenclever und
Volker Rittberger. ( Fn 2) An
anderer Stelle meldet Rittberger "Zweifel an der Wünschbarkeit" an
und behauptet unzutreffend, daß bisher "ein funktionsfähiger,
demokratisch-föderalistisch verfaßter Weltstaat noch
nicht einmal in groben Zügen vorgedacht worden" sei. ( Fn 3) Das schlichte Postulat
des programmatischen Berichts der Commission on Global Governance
von 1995, daß "Weltordnungspolitik nicht Weltregierung oder
Weltföderalismus [bedeutet]" ( Fn 4) haben sich weite Teile
des Diskurses kritiklos zu eigen gemacht: "Utopische Entwürfe
einer >Weltföderation< haben angesichts des gegenwärtigen
Zustands unserer Welt keine Konjunktur. Die Transformation der
internationalen Beziehungen hin zu einem hierarchischen Ordnungssystem,
das der Organisation des neuzeitlichen Staates auch nur annähernd
nahekommen würde, gilt als unrealistisch, weitgehend sogar
als nicht wünschenswert", glaubt etwa Beate Kohler-Koch lapidar
bemerken zu können. ( Fn 5) "Vor solchen Utopien
ist [...] dringend zu warnen. In der Tat ist es so gut wie ausgeschlossen,
daß dem Prinzip der inneren Souveränität entsprechend
das Macht- und Rechtsmonopol bei zentralen Organen etwa der UNO
etabliert werden kann", stellt Albert Bleckmann in den Raum. ( Fn 6) Es habe keinen Sinn "das
gegenwärtige Demokratiedefizit in den internationalen Beziehungen
durch universalistische Vorstellungen von Weltökonomie, Weltstaat,
Weltbürgerrecht und Weltinnenpolitik oder mit Forderungen
nach Überwindung der staatlichen Souveränität hinweginterpretieren
zu wollen", meinen Norman Paech und Gerhard Stuby. ( Fn 7)
Tatsächlich bezieht die kritische Futurologie
nach Ossip Flechtheim die Entwicklung der Weltordnung hin zu einer "solidarischen
Weltföderation" seit drei Jahrzehnten ganz selbstverständlich
in ihre Untersuchungen über mögliche Zukunftsszenarien
im 21. Jahrhundert ein. ( Fn 8) Eine
wichtige wissenschaftliche Grundlage bilden die von Norbert Elias
analysierten Strukturgesetze der Zivilisationsgeschichte. ( Fn
9) Die kritische Futurologie befindet sich
hier in enger thematischer Nähe zu der seit dem Zweiten Weltkrieg
bis heute kontinuierlich weitergeführten Strategie- und Programmdiskussion
der Weltföderalisten. ( Fn 10) Aus dieser Debatte
sind zahlreiche Untersuchungen über weltföderalistische
Weltmodelle hervorgegangen. ( Fn 11)
Von der überwiegenden Mehrheit der mit Weltordnungsfragen
befaßten deutschsprachigen Wissenschaftler wird der weltföderalistische
Diskurs schlicht nicht zur Kenntnis genommen. Aufgrund der paradigmatischen
Annahme, daß supranationale Integration und die Bildung entsprechend
neuer Einheiten "nicht realistisch" sei, bewegen sich ihre Untersuchungen
von vornherein in engen heuristischen Grenzen, die eine wertfreie
Betrachtung eines möglichen globalen Staatsbildungsprozesses
ausschließen. "[Hier] hat man es offenbar mit Entwicklungsprozessen
zu tun, deren zeitliche Länge die gegenwärtig auf kurzfristigere
Perspektiven abgestimmte soziologische Vorstellungskraft übersteigt",
merkt Elias an. ( Fn 12) Die
Idee einer unveränderbar auf souveränen Nationalstaaten
basierenden Weltordnung kann als Paradigma nach der von Thomas
S. Kuhn entwickelten Theorie wissenschaftlicher Revolutionen ( Fn 13) identifiziert werden.
Dieses Paradigma ist im Kern auf eine nationalstaatliche Fixierung
des Denkens zurückzuführen, wie es sich in der Folge
der Französischen Revolution von 1789 herausgebildet hat.
Dabei wird außer acht gelassen, daß die globale Dynamik
im Sinne der Selbstorganisation und eigengesetzlicher figurativer
Verflechtungsprozesse nach Elias nicht unmittelbar durch die Interessen
nationaler Führungsschichten oder noch nicht einmal vorrangig
durch "objektive Machtverhältnisse" determiniert sein muß,
sondern im Gegenteil unabhängig von diesen verlaufen kann.
Die von Hasenclever und Rittberger angeführte "Selbstkoordination
politischer Gemeinschaften" ist ja nun gerade ein Teil dieser Prozesse
und nicht etwa ihr Endpunkt. Rittberger selbst hat Anfang der 1970er
noch darauf hingewiesen, daß "das Weltstaats-Modell insoweit
vorläufigen empirischen Untersuchungen unterzogen werden muß,
als daß wahrnehmbare Trends in der tagtäglichen Weltpolitik
existieren oder nicht existieren könnten, die letztlich auf
die Bildung eines Weltstaats hindeuten." ( Fn 14)
Kuhn hat das zutreffende Muster deutlich beschrieben: "Wissenschaftliche
Revolutionen [werden] durch ein wachsendes, doch ebenfalls oft
auf eine kleine Untergruppe der wissenschaftlichen Gemeinschaft
beschränktes Gefühl eingeleitet, daß ein existierendes
Paradigma aufgehört hat, bei der Erforschung eines Aspektes
der Natur, zu welchem das Paradigma selbst den Weg gewiesen hatte,
in adäquater Weise zu funktionieren." ( Fn 15) Die
Subsumtion ist einfach: Das moderne Völkerrecht und die existierende
Weltordnung selber sind zweifellos ein Ergebnis der Idee vom souveränen
Nationalstaat, eben jener Idee, die dem Diskurs nach wie vor als
Paradigma dient. Mit Blick auf die Diskussionen um die Gestalt
des künftigen Europa hat Roman Herzog den 41. Deutschen Historikertag
1996 auf die Problematik hingewiesen: "Wir erleben augenblicklich,
ohne es recht zu merken, ein besonders aufregendes Beispiel solcher >unschärfebedingter< Blickwinkelverengung
[...], weil wir unsere Fragestellungen und Paradigmen ausschließlich
aus den Kategorien des durchorganisierten Nationalstaats entnehmen". "Nicht
die Diagnose fehlt, erklärungsbedürftig ist die Zurückhaltung
gegenüber einer Perspektive, die den Blick auf den wie immer
auch unwegsamen Pfad einer transnationalen Weltinnenpolitik lenkt",
stimmt Jürgen Habermas ein. ( Fn 16) Es mehren sich kritische
und progressive Stimmen. So meint etwa der Völkerrechtler
Otto Kimminich, daß die Kulturepoche, die sowohl den modernen
Staatsbegriff als auch das Völkerrecht hervorgebracht habe,
offenbar ihrem Ende entgegengehe (S. 96): "[Es] steht zu erwarten,
daß [der Nationalstaat] das kommende Jahrhundert nicht überleben
wird". Herausgegriffen seien hier noch die Philosophen Vittorio
Hössle ( Fn 17) und Ottfried Höffe
( Fn 18), die 1997 und 1998
für das Ideal eines Weltstaats Position bezogen haben. Mit
seinem Werk "Demokratie im Zeitalter der Globalisierung" hat Höffe
endlich zu einer überfälligen wissenschaftlichen Diskussion
in Deutschland beigetragen. ( Fn 19) Auffällig
bleibt allein, daß auch diese Debatte nicht die geringsten
Bezüge zum Weltföderalismus aufweist - ganz so, als habe
sie das Thema neu entdeckt.
Die paradigmatische Krise klingt bei Theoretikern der
Weltordnungsdebatte selbst an. Dirk Messner vom Institut für
Entwicklung und Frieden in Duisburg stellt fest, daß die
Herausforderung einer Global-Governance-Architektur darin bestehe, "punktuelle,
institutionelle und prozedurale Reformen auf den unterschiedlichen
Handlungsebenen mit dem Fluchtpunkt eines kooperativen Global-Governance-Projekts
voranzutreiben, um aus dem bestehenden Flickwerk einen tragfähigen
Flickenteppich und aus fragilen Policy-Patchworks [...] leistungsfähige
Policy-Netzwerke [...] zu entwickeln" ( Fn 20),
um dann auf den offensichtlichen Mangel an normativer Perspektive
in seiner Konstruktion selber hinzuweisen: "[Es] darf nicht übersehen
werden, daß die Global-Governance-Architektur angesichts
ihrer Komplexität selbst zum globalen Problem werden kann." ( Fn
21) Im Zuge der "neuen Staatlichkeit" finde
Regieren zunehmend durch das Zusammenspiel verschiedener Entscheidungsebenen
statt, meint Michael Zürn bei der Vorstellung seines Modells.
Die verschiedenen politischen Systeme verbänden sich zu einem "Gesamtarrangement
von governance by, with and without government, ohne daß Nationalstaaten
spezifische Merkmale wie das Steuerprivileg und das Gewaltmonopol
deshalb verlören". ( Fn 22) Gerade das Steuer-
und Gewaltmonopol stellen jedoch den Kern nationaler Souveränität
dar. Im Hinblick auf seine Theorie internationaler Regimebildung
im Rahmen einer Mehrebenenpolitik, deren Durchsetzung in der "Ressourcendimension" beim
Nationalstaat verbleibe, meldet Zürn selbstkritisch Zweifel
an: "Ob in diesen Formen und mit diesen Instrumenten des Regierens
auch die substantiellen Ziele des Regierens erreicht werden können,
bleibt eine offene Frage". ( Fn 23) Tatsächlich
basiert das von Zürn skizzierte Projekt "komplexes Weltregieren" "[...]
in letzter Instanz auf einer politisch-moralischen Vision reflexiver
Selbststeuerung autonomer Individuen und Organisationen, die ihre
Eigenrationalität dann zurückstellen, wenn es gute universalistische
Gründe für eine gemeinwohlorientierte Verhaltensweise
gibt." ( Fn 24) Die Hoffnung auf
altruistisches Handeln wird so zum Theorieersatz. Progressive Bewußtseinsentwicklung
wirkt aber erst dann nachhaltig, wenn sie entsprechende zivilisatorische
Strukturanpassungen mit sich führt - letztlich also die Bildung
entsprechend höher organisierter sozialer Einheiten. Der Paradigmenwechsel
ist überfällig.
Fussnoten
(1) Bellers, Jürgen und Häckel,
Erwin (1990), Theorien internationaler Integration und internationaler
Organisationen, in: Volker Rittberger (Hg.), Theorien
der internationalen Beziehungen. Bestandsaufnahme und Forschungsperspektiven,
Opladen: Westdeutscher, 286 ff. zurück zum
Text
(2) Hasenclever, Andreas und Rittberger,
Volker (2000) ,Universale Risiken entschärfen. Erfordert die
Globalisierung einen Weltstaat?', in: Internationale
Politik, Dezember 2000 zurück zum Text
(3) Rittberger, Volker (1995), Internationale
Organisationen. Politik und Geschichte, Opladen: Leske und
Budrich, 2. Aufl., S. 294 zurück zum Text
(4) SEF (Hg.) (1995), Nachbarn
in Einer Welt. Bericht der Commission on Global Governance,
1. Aufl., Bonn: Stiftung Entwicklung und Frieden, S. 370 zurück
zum Text
(5) Kohler-Koch, Beate (1993) ,Die
Welt regieren ohne Weltregierung', in: Böhret/Wewer (Hg.), Regieren
im 21. Jahrhundert. Zwischen Globalisierung und Regionalisierung,
Opladen: Leske + Budrich, S. 111 zurück zum
Text
(6) Bleckmann, Alfred (2001), Völkerrecht,
Baden-Baden: Nomos, S. 334 zurück zum Text
(7) Paech / Norman (2001), Völkerrecht
und Machtpolitik in den internationalen Beziehungen, Hamburg:
VSA, S. 871 zurück zum Text
(8) Grundlegend: Flechtheim, Ossip
(1971), Futurologie
- Der Kampf um die Zukunft, Köln: Vlg. Wissenschaft und
Politik, 2. Aufl. zurück zum Text
(9) Elias, Norbert (1995), Über
den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische
Untersuchungen, 2 Bde, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1995;
vgl. Bummel, Andreas, Weltordnung
im Umbruch - Der Zivilisationsprozess im globalen Zeitalter,
in: Blickpunkt Zukunft, Nr. 38/39, 22. Jg., April 2002 zurück
zum Text
(10) zum aktuellen Stand: Levi, Lucio
(1999) ,The Unification of the World as a Project and as a Process.
The Role of Europe', in: The Federalist, XLI, 1999, No. 3, 150
ff.; die wichtigsten Periodika sind The Federalist, Fondazione
Europea Luciano Bolis, via Porta Pertusi 6, I-27100 Pavia (im 43.
Jg.) und The Federalist Debate, Via Schina 26, I-10144 Torino (im
15. Jg.) zurück zum Text
(11) vgl. Brauer, Maja (1995), Weltföderation.
Modell globaler Gesellschaftsordnung, 1. Aufl., Frankfurt
am Main/Berlin/Paris et al: Lang; Ronald Glossop (1993), "World
Federation? A critical analysis of federal world government",
Jefferson/London: McFarland zurück zum Text
(12) Elias, Norbert (1996), Was
ist Soziologie?, 8. Aufl., Weinheim/München: Juventa,
S. 183 zurück zum Text
(13) Kuhn, Thomas S. (1996), Die
Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, 13. Aufl., Frankfurt/Main:
Suhrkamp zurück zum Text
(14) Rittberger, Volker (1973) ,Evolution
and International Organization. Toward a New Level of Sociopolitical
Integration, Den Haag: Nijhoff; S. 47 zurück
zum Text
(15) Kuhn, a.a.O., S. 104 zurück
zum Text
(16) Habermas, Jürgen (1998),
Jenseits des Nationalstaats? Bemerkungen zu Folgeproblemen der
wirtschaftlichen Globalisierung, in: Ulrich Beck (Hg.), Politik
der Globalisierung, 1. Aufl., Frankfurt am Main: Suhrkamp,
S. 79 zurück zum Text
(17) Hösle, Vittorio (1997), Moral
und Politik. Grundlagen einer politischen Ethik für das
21. Jahrhundert, 1. Aufl., München: Beck, S. 932ff. zurück zum Text
(18) Höffe, Otfried (1999), Demokratie
im Zeitalter der Globalisierung, Org.ausg., München:
Beck zurück zum Text
(19) vgl. Gosepath / Merle (2002), Weltrepublik.
Globalisierung und Demokratie, München: Beck; aber auch
Lutz-Bachmann / Bohmann (2002), Weltstaat oder Staatenwelt?, Frankfurt
am Main: Suhrkamp zurück zum Text
(20) Messner, Dirk (1998) ,Architektur
der Weltordnung', in: Internationale
Politik 11/98, S. 21 zurück zum Text
(21) ebd. S. 23 zurück
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(22) Zürn, Michael (1998), Regieren
jenseits des Nationalstaats', 1. Aufl., Frankfurt am Main:
Suhrkamp, S. 334 zurück zum Text
(23) ebd. S. 335 zurück
zum Text
(24) ebd. S. 363 zurück
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